Nicolas Party — Grotten wie Hautfalten und Gesichter aus Stein

Grotto, 2021, Ausstellungsansicht ‹Stage Fright›, Kestner Gesellschaft, Hannover. Foto: Raimund Zakowski

Grotto, 2021, Ausstellungsansicht ‹Stage Fright›, Kestner Gesellschaft, Hannover. Foto: Raimund Zakowski

Portrait with Curtains, 2021, weiche Pastellfarben auf Leinen, 149,9 x 127 cm. Foto: Adam Reich

Portrait with Curtains, 2021, weiche Pastellfarben auf Leinen, 149,9 x 127 cm. Foto: Adam Reich

Stage Fright, Ausstellungsansicht Kestner Gesellschaft, Hannover, 2021. Foto: Raimund Zakowski

Stage Fright, Ausstellungsansicht Kestner Gesellschaft, Hannover, 2021. Foto: Raimund Zakowski

Rovine, Ausstellungsansicht MASI, Lugano, 2021. Foto: Annik Wetter

Rovine, Ausstellungsansicht MASI, Lugano, 2021. Foto: Annik Wetter

Nicolas Party. Foto: Juliana Sohn

Nicolas Party. Foto: Juliana Sohn

Fokus

Zwei Ausstellungen in der Schweiz und in Deutschland präsentieren das vielfältige Schaffen von Nicolas Party. Im MASI ­Lugano werden Pastelle, Skulpturen und ortsspezifische Wandbilder in eine aufwendige Szenografie eingebettet. In der Kestner Gesellschaft dominiert das Raumerlebnis einer monumentalen Grotte neben einem Kabinett mit neueren Porträts. 

Nicolas Party — Grotten wie Hautfalten und Gesichter aus Stein

Ein ehemaliges Jugendstilbad transformiert sich im Jahr 1997 zu einem Kulturort für zeitgenössische Kunst – die heutige Kestner Gesellschaft in Hannover. Wer dort aktuell in der ersten Etage die Kuppelhalle betritt, taucht unvermittelt in eine illusio­nistisch gemalte Grotte in abgestuften Grüntönen ein. Nicolas Party hat mit mehreren Assistentinnen und Assistenten, ohne Eingriff in die bestehende Architektur, ein immersives Raumerlebnis geschaffen. Wie bei seinen Pastellen oder Skulpturen verweist das Motiv der Grotte auf kunsthistorische Vorbilder, hier auf die ‹Grotte von Manacor›, um 1901, des belgischen Malers William Degouve de Nuncques (1867–1935).
Der Künstler hat bereits 2019 eine Serie mit unterirdischen Höhlen gemalt, von denen einige im MASI Lugano zu sehen sind. Party begründet seine Faszination wie folgt: «Ich denke, es geht mir um das Motiv generell und nicht um eine konkrete Höhle. Mich interessiert, wie es in verschiedenen Kulturen, Religionen und der Bildgestaltung verwendet wird. Ich fühle mich von diesen Referenzthemen angezogen, die aus der ganzen Welt kommen. … Aus einer europäischen Perspektive haben wir zum Beispiel die Geburt der Kunst in eine Höhle verlegt und dazu eine ganze Geschichte erschaffen.» Auch ohne detaillierte Kenntnisse über die aufgeladene Kulturgeschichte der Höhle lässt sich jetzt in Hannover die Grotte beim Gehen durch den Kuppelsaal unmittelbar und aus verschiedenen Perspektiven erfahren. Nach Ende der Ausstellung wird dann das ephemere Werk unter einer dicken Schicht weisser Wandfarbe verschwinden und nur noch als kollektive Erinnerung weiterexistieren.

Am Beispiel einer Filmikone
Im gegenüberliegenden, länglichen Ausstellungsraum werden neun Porträts vor einer roten Wand präsentiert. Wir begegnen ausschliesslich weiblichen Figuren in knalligen Farben und mit reduzierten, versteinerten Gesichtszügen. Wer sich in der Filmgeschichte etwas auskennt, könnte die Schauspielerin Marlene Dietrich erkennen, die in den 1930er-Jahren dem androgynen Frauentyp einer «Garçonne» entsprach. Der Titel der Ausstellung ‹Stage Fright› basiert auf einem Vorschlag von Adam Budak, dem Direktor der Kestner Gesellschaft. Dieser kann wortwörtlich mit «Lampenfieber» übersetzt werden und verweist auf den gleichnamigen Film von ­Alfred Hitchcock von 1950, in dem Dietrich mitspielte.
Es ist ein absolutes Novum im Werk des Künstlers, eine real existierende Person abzubilden. «Ich möchte, dass der Betrachter diese Bilder wahrnehmen kann, ohne wissen zu müssen, dass sie sich auf Marlene Dietrich beziehen. Der Name ­Marlene taucht daher auch nicht im Werktitel auf», sagt Nicolas Party dazu. «Die natürliche Weiterentwicklung meiner Beschäftigung mit dem Genre Porträt führte mich letztendlich zu Marlene Dietrich – als einer der wichtigsten Ikonen der frühen Medien- und Filmgeschichte. Darin spiegelte sich mein Interesse an Gender und Porträts, von Transgender bis hin zur Frage der Darstellung von Gegensätzen wie Weiblichkeit und Männlichkeit oder Jugend und Alter.» Eher zufällig habe er dann angefangen, sie nach einem Foto zu malen. «Zu dieser Zeit war ich mit ihrer Arbeit und ihrem Leben noch nicht so vertraut. Als ich dann mein erstes Porträt gemalt habe, wurde ich magnetisch in ihr Universum hineingezogen.»

Die Kunst des Zitierens und Collagierens
Die versteinert wirkenden, leer blickenden Figuren schauen uns mal frontal, mal leicht von der Seite entgegen. Party kombiniert jeweils eine Büste mit Versatzstücken der westeuropäischen Malerei zu surrealen Porträts. So zitiert das Werk ‹Portrait with Curtains›, 2021, einen Vorhang aus einem Bild von René Margritte, während in ‹Portrait with Ruin›, 2021, eine Ruine auf Arnold Böcklin verweist. Des Weiteren bedient sich Party auch bei Bildern von Otto Dix oder George Grosz, die als Vertreter der Neuen Sachlichkeit gelten. Besonders auf der formalen Ebene weist Nicolas Partys Malweise Parallelen zu diesen künstlerischen Ahnen auf, wie etwa die reduzierte Figuration, eine entindividualisierte Darstellung der Menschen, eine Vorliebe für straff organisierte Bildflächen und geometrisch-organische Körper. Letztlich evozieren die Marlene-Neunlinge in mehrfacher Hinsicht Déjà-vu-Erlebnisse: durch die kunsthistorischen Bildzitate, die Projektionsfläche für genderfluide Repräsentationen sowie die Ikone der Medien- und Filmgeschichte.

Eine Bühne für die eigene Kunst bauen
Partys Retrospektive in Lugano präsentiert Werke von 2013 bis 2021. Für den gros­sen Ausstellungssaal im Untergeschoss hat Nicolas Party eine eigene Architektur mit fünf aufeinanderfolgenden Kabinetten konzipiert. Thematisch gruppiert, versammeln sich dort über dreissig grossformatige Pastelle, einige Skulpturen und ortsspezifische Wandbilder sowie eine raumgreifende All-Over-Installation. Bei der Vielzahl der Werke fallen wesentliche Charakteristika seiner Malweise auf. Es geht immer wieder um das Ausloten der figurativen Malerei und eine permanente Auseinandersetzung mit tradierten Sujets und Genres wie Stillleben, Porträt, Höhlen und Landschaft.
Die Zusammenstellung der Werke nach Motiven verdeutlicht Partys Auseinandersetzung mit der Geschichte der Malerei, mit bekannten Künstlern und Künstlerinnen wie Georgia O’Keeffe (1887–1986), Ferdinand Hodler (1853–1918) oder weniger bekannten wie William Degouve de Nuncques (1867–1935) und Rosalba Carriera (1675–1757). Immer wieder greift er auf das Prinzip des Zitierens und Collagierens zurück. So liess er sich für die vier in situ entstandenen Wandpastelle im MASI von Werken des Schweizer Malers Arnold Böcklin (1827–1901) inspirieren, dessen Ruinenbilder sich auch im Ausstellungstitel ‹Rovine› niedergeschlagen haben. Als Bild im Bild wird jeweils ein weiteres Gemälde an die Wand gehängt und so im Wandgemälde integriert. Dabei stehen diese eher düster wirkenden Szenen in einem deutlichen Gegensatz zur vorherrschenden Farbenpracht der anderen Werke und Säle.
Doch ganz elementar für die Rezeption und für die Interpretation der Werke ist der hohe Grad der Inszenierung, der sich in der aufwendigen Ausstellungsarchitektur mit Rundbögen, den abgestimmten Wandfarben, der Raumdramaturgie und Szenografie widerspiegelt. Hierbei wird deutlich, dass das Medium der Ausstellung als ein erweiterter Bildraum und ein vom Künstler komponiertes Gesamtkunstwerk verstanden wird, das den White Cube als vermeintlich neutralen Ausstellungsrahmen hinterfragt. «Jede Umgebung und jeder Kontext führt dazu, dass man das Werk auf eine sehr, sehr spezifische Art und Weise liest oder interpretiert», begründet Party sein Anliegen. «Ich bin mir bewusst, dass der Raum an sich – wie etwa ein Museum oder eine Galerie – bereits etwas bedeutet, und daher möchte ich ihn verändern, ergänzen oder farbig gestalten.»

Der Blick hinter die glatte Fassade
Fest steht, dass beide Ausstellungen nicht nur einen umfassenden Einblick in das künstlerische Schaffen von Nicolas Party bieten, sondern die Besucherinnen und Besucher insbesondere auf einer sinnlichen Ebene herausfordern. Denn: Hier werden wir mit unseren eigenen Wahrnehmungs- und Sehgewohnheiten konfrontiert, die im Alltag doch sehr stark vom endlosen Bildersog im Internet oder den sozialen Medien geprägt sind. Partys Werke verführen zwar auf den ersten Blick durch ihre ­formale Reduktion und Einfachheit, die Darstellung vermeintlich bekannter Gegenstände und Sujets und teilweise auch sehr gefällige, Social-Media-taugliche Farbigkeit und Inszenierung. Doch wer hinter die glatte Fassade blickt und sich darauf einlässt, bemerkt eine Verlangsamung des Wahrnehmens und Sehens. Wir werden dazu angehalten, die Aufmerksamkeit zu fokussieren, durch Partys Bildwelten und Gesamtkunstwerke zu flanieren und dabei das Zeitlose und Substanzielle der dargestellten Sujets zu entdecken, die sich analog dazu in der Instagram-Galerie finden lassen. Nicht zuletzt kann sich das Publikum auf ein Querfeldein durch die Kunstgeschichte einlassen, in den eigenen Assoziationen und Erinnerungen schwelgen oder auch Anknüpfungspunkte zu aktuellen Debatten wie etwa Geschlechts- oder Körperpolitik finden. So durchläuft man fast gänzlich unbemerkt eine Sehschule der Langsamkeit.
Die Zitate des Künstlers stammen aus einem Telefoninterview vom 19.10.2021.

Cynthia Krell, Kulturmanagerin und freie Kunstkritikerin, lebt in Siegen. cynthiakrell@gmail.com

→ ‹Nicolas Party – Rovine›, Museo d’arte della Svizzera italiana MASI, Lugano, bis 9.1.; Begleitkatalog mit Beiträgen von Tobia Bezzola, Michele Robecchi, Francesca Bernasconi und Nicolas Party (it/en/de), Scheidegger & Spiess und Edizioni Casagrande ↗ www.masilugano.ch
→ ‹Nicolas Party – Stage Fright›, Kestner Gesellschaft, Hannover, bis 9.1. ↗ www.kestnergesellschaft.de

Until 
09.01.2022

Nicolas Party (*1980, Lausanne) lebt in New York

Einzelausstellungen (Auswahl)
2021 ‹Stage Fright›, Kestner Gesellschaft, Hannover; ‹Rovine›, MASI Lugano; ‹Boilly›, Le Consortium, Dijon; ‹Nicolas Party›, Kunsthalle Marcel Duchamp, Cully
2020 ‹Sottobosco›, Hauser & Wirth, Los Angeles
2019 ‹Grotto›, Xavier Hufkens, Brüssel; ‹Pastel›, The FLAG Art Foundation, New York kuratiert von Nicolas Party
2017 ‹sunrise, sunset›, Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Washington D.C.

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2021 ‹Hans Emmenegger›, Fondation de l’Hermitage, Lausanne; ‹and I will wear you in my heart of heart›, The FLAG Art Foundation, New York; ‹yes. this is how we pierce the vault of heaven›, Galerie Gregor Staiger, Zürich
2020 ‹Colección Jumex – On the Razor’s Edge›, Museo Jumex, Mexiko-Stadt; ‹Biennale Gherdëina 7 – a breath? a name? – the ways of worldmaking›, Dolomiten

Exhibitions/Newsticker Data Tipo Località Paese
Nicolas Party — Rovine da 27.06.2021 a 09.01.2022 Ausstellung Lugano
Schweiz
CH
Author(s)
Cynthia Krell
Artisti
Nicolas Party

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