The Other Kabul — Making-of einer herausfordernden Ausstellung

Latifa Zafar Attaii · Thousand Individuals, work in progress, 2021/2022. Foto: Latifa Zafar Attaii

Latifa Zafar Attaii · Thousand Individuals, work in progress, 2021/2022. Foto: Latifa Zafar Attaii

Baqer Ahmadi · The Taste of Life, 2021, 4-Kanal-Videoinstallation. Foto: Baqer Ahmadi

Baqer Ahmadi · The Taste of Life, 2021, 4-Kanal-Videoinstallation. Foto: Baqer Ahmadi

Jeanno Gaussi · War Rug Project, Kabul/Berlin/Sint-Niklaas, 2011–2014, Ausstellungsansicht, Galerie koal, Berlin, 2014. Foto: Bernd Borchardt

Jeanno Gaussi · War Rug Project, Kabul/Berlin/Sint-Niklaas, 2011–2014, Ausstellungsansicht, Galerie koal, Berlin, 2014. Foto: Bernd Borchardt

Arshi Irshad Ahmadzai · Sabz-o Sunhara, work in progress, 2021/2022. Foto: Arshi Irshad Ahmadzai

Arshi Irshad Ahmadzai · Sabz-o Sunhara, work in progress, 2021/2022. Foto: Arshi Irshad Ahmadzai

Shahida Shaygan · Abandoned, work in ­progress, 2021/22. Foto: Shahida Shaygan

Shahida Shaygan · Abandoned, work in ­progress, 2021/22. Foto: Shahida Shaygan

Mohsin Taasha · The Reds, work in progress, 2021/2022

Mohsin Taasha · The Reds, work in progress, 2021/2022

Fokus

Die Vorbereitung der Ausstellung ‹The Other Kabul – Remains of the Garden› für das Kunstmuseum Thun war von Beginn von den globalen Ereignissen abhängig. Zuerst stoppte uns die Pandemie. Dann zog die Weltgemeinschaft aus Afghanistan ab. Dies veränderte das Leben der Kunstschaffenden und das Wesen der kuratorischen Arbeit radikal. Ein Erfahrungsbericht. 

The Other Kabul — Making-of einer herausfordernden Ausstellung

Als die Taliban Kabul am 16. August dieses Jahres einnahmen, nahmen die Künstlerinnen und Künstler deren Drohungen, Rache an den Kollaborateuren und Kollaborateurinnen des Westens zu üben, beim Wort und versteckten oder zerstörten ihre Arbeiten, Bücher und Musikinstrumente. Bereits am Folgetag besuchten die Taliban die Kabuler Kunsthochschule, um Informationen zu sammeln. Am Abend traten Bundesrat Ignazio Cassis und Bundesrätin Karin Keller-Suter vor die Presse und berichteten der Nation, dass sie händeringend nach einem Flugzeug suchten, um die lokalen Mitarbeitenden des DEZA aus Kabul zu evakuieren. Ich hörte ihnen atemlos zu.

Mai
Wochen zuvor informierten mich die Kunstschaffenden Kabuls aus erster Hand darüber, wie ihre Welt nach der unverständlichen Ankündigung Joe Bidens, die amerikanischen Truppen abzuziehen, unaufhaltsam zusammenstürzte. Ich sass im Homeoffice in Zürich, das von Regenfluten heimgesucht wurde. Seit März 2021 hatte ich unzählige Videoanrufe geführt. In virtuellen Studiobesuchen stellte ich unser Projekt zur Diskussion, während die Künstler und Künstlerinnen mich jeweils durch ihre Arbeiten führten. Da die Verbindung schlecht war, lernten wir uns zu unterschiedlichen Tageszeiten mit Tee- und Kaffeetassen in der Hand kennen und trafen hie und da auf Familienmitglieder, die in die Kamera winkten.
Mit den Künstlerinnen Arshi Irshad Ahmadzai und Shahida Shaygan sowie mit den Künstlern Baqer Ahmadi, Sher Ali Hossaini und Mohsin Taasha stehe ich seither in engem Austausch. Als Kuratorin des im Jahr 2019 gegründeten Vereins Treibsand habe ich sie eingeladen, für die Ausstellung ‹The Other Kabul – Remains of the Garden› im Kunstmuseum Thun 2022 eine neue Arbeit zu schaffen. Die Idee dieser Schau entstand mit Jeanno Gaussi. Ich hatte die Künstlerin, die im Jahr 2012 an der dOCUMENTA (13) in Kassel und Kabul teilgenommen hatte, 2018 in Berlin getroffen. Gemeinsam beschlossen wir, die Avantgarde Afghanistans zehn Jahre später erneut vorzustellen. Aber diesmal nicht als Produkt eines Landes, das in Krieg und Armut eingesperrt ist, sondern als Teil einer Auseinandersetzung mit Kunstschaffenden weltweit, die ebenfalls nach sinnlichen und poetischen Bildern suchen, ohne die Krisen unter den Teppich zu wischen. Dennoch bilden die Auftragsarbeiten aus Kabul das Herzstück der Ausstellung. Der Geist des Ortes war stets Kern der kuratorischen Recherche von Treibsand gewesen. So ging es mir auch in Kabul. Von der Aura einiger Arbeiten, die ich gesehen hatte, träumte ich nachts und nahm es als ein gutes Zeichen. Das Projekt wurde lebendig.
Ich träumte etwa vom Fragment des Filmprojekts ‹The Reds› von Mohsin Taa­sha. Wie rote Blutstropfen bewegt sich eine Prozession roter Punkte auf den schneebedeckten Hügeln um Kabul und biegt auf einen schmalen Pfad ein. Bald werden die Punkte als Personen erkennbar, die ihre Körper in karminrotes Tuch eingeschlagen haben. Die Szene besitzt die abgründige Kraft eines modernen Märchens und schliesst eng an eine Gemäldeserie des Künstlers an. Diese werden von denselben Figuren bevölkert: geisterhafte Wesen, die an ein Attentat im Jahr 2016 erinnern, das gegen achtzig Hazara – Mitglieder einer ethnischen Minderheit in Afghanistan, die seit Jahrhunderten diskriminiert und verfolgt wird – in den Tod gerissen hat.

Juni
Die Abfolge der Ereignisse in Afghanistan zwang uns immer wieder, die Machbarkeit der Ausstellung zu überprüfen. Unterdessen stiegen in Kabul die Preise aufgrund der Flüchtenden aus dem Norden. Das Leben und damit die Möglichkeit, komplexe Arbeiten zu produzieren, wurde schwieriger. Wir machten uns auch Gedanken über den Transport der Werke in die Schweiz. Letztlich, so wurde klar, würde die Weltpolitik darüber bestimmen, auf welche Art wir die Kabuler Arbeiten in Thun zeigen konnten.
Die Künstlerin Arshi Irshad Ahmadzai etwa begann mit Feder und Tinte auf Stoff zu zeichnen. So würde sie ihre Arbeit notfalls in einem unauffälligen Paket ausser Landes schicken können. Ihr Thema ist die älteste Gartenanlage Kabuls, Bag-e Babur, die 1528 erbaut wurde und deren Architektur und Zerstörungen in der Vergangenheit die wechselvolle Geschichte des Vielvölkerstaates Afghanistan spiegeln. «Ich habe diese Zeichnungen diesen Sommer in Kabul nach Besuchen in Bag-e Babur angefertigt», schreibt die Künstlerin. «Neben den Ortsrecherchen enthalten sie auch Poesie sowie Bildgut der Geschichte und der Geschlechterverhältnisse. Die Zeichnungen wollen auf die architektonische, philosophische und politische Bedeutung der Gärten Kabuls verweisen, weil sie eine wichtige Rolle im Leben der Afghanen und Afghaninnen spielen. Während der chaotischen und schmerzhaften Evakuierung von Kabul nach Indien trug ich diese Zeichnungen auf mir.» (WhatsApp vom 21. Oktober 2021)
Die Künstlerin Shahida Shaygan dagegen sah vor, den Prozess ihrer Installationen zu dokumentieren, sodass diese notfalls elektronisch ins Kunstmuseum Thun gelangen könne. Ihr Projekt besteht aus 100 Objekten, die aus dem Abfall auf den Kabuler Strassen gefertigt sind. Dazu schreibt sie: «Die Serie von Puppen trägt den Titel ‹Abandoned›. Der Titel fasst meine Arbeit konzeptuell zusammen: Es geht um Dinge, Menschen, Geschichten und Erinnerungen, die wir aufgeben, zurücklassen oder wegwerfen.» (E-Mail vom 18. Juli 2021)

August
Anfang August wurde es den Kabuler Künstlerinnen und Künstlern unmöglich, über das nackte Überleben hinauszudenken. Um die Produktion der ­Auftragswerke wurde es still. In einem Quartier, das traditionell von den Hazara bewohnt wird, verübte man einen Bombenanschlag auf eine Mädchenschule. Auch die in Teheran lebende Künstlerin Latifa Zafar Attaii ist Hazara. Sie arbeitet seit Jahren an einer wachsenden Serie mit Hazara-Angehörigen. Diese geben ihr eine Passfotografie, die sie mit farbigen Wollfäden bestickt – zum Schutz der Beteiligten. Für die Ausstellung ‹The Other Kabul – Remains of the Garden› fertigt sie 1000 neue Porträts an. Weitere 1000 Porträts wird sie im Bündner Kunstmuseum Chur in einer Ausstellung über Stickerei, die ebenfalls im nächsten Jahr eröffnet wird, versammeln.
Am Nachmittag des 13. August, zwei Tage vor dem Machtwechsel, sandte mir Mohsin Taasha ein Bild von sich und seiner Frau vor dem Eiffelturm. Die französische Botschaft hatte sie gerade aus dem Land geflogen. Grund war die Ausstellung ‹Kharmora – L’Afghanistan au risque de l’art› in Marseille 2019, die durch das Institut français in Kabul kuratiert worden war. Die damals beteiligten Kunstschaffenden schwebten nun in akuter Gefahr.
Wenige Minuten nach der eingangs erwähnten Pressekonferenz begannen wir, Bundesrat Ignazio Cassis einen Brief zu schreiben mit der Bitte, die an unserer Ausstellung beteiligten Künstlerinnen und Künstler zu evakuieren. Die Rettungsaktion der französischen Botschaft Afghanistans war das zentrale Argument, um Herrn Cassis zu fragen, wie die Schweiz sich bezüglich der durch uns gefährdeten Kunstschaffenden zu verhalten gedenke. Am 17. August schickten wir den Brief, den bis dann viele Verbündete mitunterschrieben hatten, nach Bern.
Immer noch erfüllt es mich mit grosser Wärme, dass man in der Schweiz das Gehör der obersten Regierungsebene erreichen kann. Denn am Sonntagmorgen des 22. August erhielten unsere Künstlerinnen und Künstler und ihre Familien einen Passagierschein, um in die Schweiz zu gelangen. Das EDA empfahl ihnen, sich in derselben Nacht auf den Weg zu machen. Auf eigene Faust, ohne Garantie und nur mit kleinem Gepäck. Baqer Ahmadi und Shahida Shaygan packten umgehend. Die Künstlerin füllte ihren Rucksack mit den Objekten für das Kunstmuseum Thun. Die Reise der beiden in die Schweiz dauerte sechs Tage. Sher Ali Hossaini gelangte mit seiner Frau und seiner Tochter über Umwege später in die Schweiz. Arshi Irshad Ahmadzai konnte sich nach Indien retten. Mohsin Taasha und seine Frau, die Künstlerin Zahra Koudadadi, leben heute in Marseille.

Susann Wintsch ist Kunsthistorikerin und Kuratorin des Vereins Treibsand – Contemporary Art in Western Asia and Beyond. Sie lebt in Zürich. susann.wintsch@treibsand.ch

→ ‹The Other Kabul – Remains of the Garden›, Kunstmuseum Thun, 3.9.–4.12.2022.; ‹Kharmora – L’Afghanistan au risque de l’art›, Éditions du Mucem, Actes Sud, 2019 ↗ www.kunstmuseumthun.ch
→ ‹Venedigsche Sterne – Kunst und Stickerei›, Bündner Kunstmuseum Chur, 27.8.–20.11.2022  ↗ www.kunstmuseum.gr.ch

Until 
04.12.2021

Latifa Zafar Attaii (*1994, Ghazni, Afghanistan) lebt in Teheran
Baqer Ahmadi (*1995, Ghazni, Afghanistan) lebte bis zum 22.8. in Kabul und ist jetzt in der Schweiz
Arshi Irshad Ahmadzai (*1988, Najibabad, Indien) lebte bis zum 23.8. in Kabul u. ist jetzt in New Delhi
Jeanno Gaussi (*1973, Kabul) ist in Indien aufgewachsen und lebt in Berlin
Sher Ali Hossaini (*1983, Kabul) lebte bis zum 23.8. in Kabul und ist jetzt in der Schweiz
Mohsin Taasha Wahidi (*1991, Kabul) lebte bis zum 14.8. in Kabul und ist jetzt in Paris
Shahida Shaygan (*1997, Ghazni, Afghanistan) lebte bis zum 22.8. in Kabul und ist jetzt in der Schweiz

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