Walter De Maria — Ein Ruhepol im hektischen Kunstbetrieb

Walter De Maria · The 2000 Sculpture, 1992, Gips und Hydrocal, Walter A. Bechtler Stiftung, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich 2021. Foto: Franca Candrian

Walter De Maria · The 2000 Sculpture, 1992, Gips und Hydrocal, Walter A. Bechtler Stiftung, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich 2021. Foto: Franca Candrian

Besprechung

Wenn man derzeit vom hektischen Treiben der Strassen ins Kunsthaus gespült wird und dort den Bührlesaal betritt, begegnet man 2000 weissen Gipsbarren, die in geometrischem Raster ausgelegt sind. Der Raum ist voll und doch leer. Die Wirkung ist faszinierend und beruhigend, ja hypnotisierend.

Walter De Maria — Ein Ruhepol im hektischen Kunstbetrieb

Zürich — ‹The 2000 Sculpture› nannte der US-Amerikaner Walter De Maria sein Werk. Es wurde für den grossen säulenfreien Ausstellungssaal im Kunsthaus konzipiert und 1992 erstmals gezeigt. De Maria hat vorgängig zehn Jahre lang daran gearbeitet. Das klingt nach einer sehr langen Entstehungszeit für ein Kunstwerk. Aber wenn man sich die monumentale Skulptur ansieht, versteht man das sofort.
Jedes einzelne der 2000 Elemente ist circa einen halben Meter lang, knapp 20 cm hoch und 10 Kilo schwer. Sie wirken durch ihre einheitliche Länge sehr ähnlich, sind es aber nicht: Sie besitzen fünf, sieben oder neun Kanten. Die Teile wurden auf einer Fläche von 500 Quadratmetern nach einem exakten Raster ausgelegt. So ergibt sich ein Fischgrätmuster, das sich zu verändern scheint, wenn man sich selbst bewegt. Plötzlich sieht man Kreuze, Rauten, Zickzacklinien, Rechtecke und Quadrate, die sich wie in einem 3D-Bild vor dem eigenen Auge verschieben. Diese Ordnung wirkt extrem beruhigend, das hier muss ein Paradies für neurotische «Monks» sein.
Die Auseinandersetzung mit mathematischen Grundformen war für Walter De Marias Arbeiten grundlegend, genauso wie Rhythmus und Musik. Er war ausgebildeter Schlagzeuger, Mitglied der legendären Band ‹The Velvet Underground› und verbindet in seinen skulpturalen Werken beide Leidenschaften. So wurde ‹The 2000 Sculpture› auch schon als «eine riesengrosse Partitur mit sichtbaren Takten» beschrieben. Gleichzeitig wirken die Farben der Skulptur unerwartet lebendig. Durch den natürlichen Lichteinfall von oben entfaltet sich ein vielschichtiges Farbspektrum von Grau, Weiss, Beige und Creme, das eine weitere Musterkomponente generiert. Ein Faszinosum: Erst die Bewegung des Publikums im Raum eröffnet die Vielschichtigkeit und spielerische Leichtigkeit der augenscheinlich schweren, trägen Gipsteile.
‹The 2000 Sculpture› trägt in ihrem Namen die damaligen Zukunftshoffnungen auf den Jahrtausendwechsel in sich. So wurde schon bei der Erstpräsentation fixiert, dass die Bodenskulptur 1999/2000 nochmals gezeigt wird. Dass sie nun ein drittes Mal im Kunsthaus zu sehen ist, ist dem Trubel rund um die Eröffnung des benachbarten Neubaus zu verdanken. Man wollte diesem einen Ruhepol im alten Haus entgegensetzen. Walter De Maria sah vor, dass das Fenster zur Rückseite des Hauses offen bleibt und so eine Verbindung zu den Bäumen draussen geschaffen wird. Auch deshalb ein insgesamt gelungenes Anliegen, das dem Land-Art-Künstler sicher gefallen hätte. 

Raffaela Rudigier-Gerer (Schreiben über Kunst, MA Kulturpublizistik ZHdK)

Until 
20.02.2022
Exhibitions/Newsticker Data Tipo Località Paese
Walter De Maria — The 2000 Sculpture da 27.08.2021 a 20.02.2022 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH

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