Kunst und Bau — Demontierte Rosen, aus den Fugen springende Steine und andere Pfleglinge

Charlotte Schmid · Ohne Titel (Blumenplastiken), 1978, Polyesterharz, Stahl und Beleuchtungskörper (in Zusammenarbeit mit Willi Walter), Hallenbad Oerlikon, Zürich. Foto: Baugeschichtliches Archiv Zürich

Charlotte Schmid · Ohne Titel (Blumenplastiken), 1978, Polyesterharz, Stahl und Beleuchtungskörper (in Zusammenarbeit mit Willi Walter), Hallenbad Oerlikon, Zürich. Foto: Baugeschichtliches Archiv Zürich

Olaf Nicolai · Lochergut, 2006/2016, Acrylglas, Stahl, LEDs, IT-Technik, Geschäftszentrum Lochergut, Zürich © ProLitteris. Foto: Marcel Meury

Olaf Nicolai · Lochergut, 2006/2016, Acrylglas, Stahl, LEDs, IT-Technik, Geschäftszentrum Lochergut, Zürich © ProLitteris. Foto: Marcel Meury

Shizuko Yoshikawa · Wasser-Relief-Landschaft, 1981 (2013 zerstört), Kunststeinplatten, Beton, 36 Wasserquellen, Pflegezentrum Witikon, Zürich © ProLitteris. Foto: Baugeschichtliches Archiv Zürich

Shizuko Yoshikawa · Wasser-Relief-Landschaft, 1981 (2013 zerstört), Kunststeinplatten, Beton, 36 Wasserquellen, Pflegezentrum Witikon, Zürich © ProLitteris. Foto: Baugeschichtliches Archiv Zürich

Ugo Rondinone · Hier, 2007, Kieselsteine (Basalt, Kalkstein), Mörtel, Beton, Wassererschliessung, Wohnsiedlung Werdwies, Zürich-Altstetten. Foto: Stefan Altenburger

Ugo Rondinone · Hier, 2007, Kieselsteine (Basalt, Kalkstein), Mörtel, Beton, Wassererschliessung, Wohnsiedlung Werdwies, Zürich-Altstetten. Foto: Stefan Altenburger

Fokus

Wie viele Städte, so blickt auch Zürich auf eine ­lange ­Tradition von Kunst und Bau zurück. Im Zuge der Digitalisierung ­wurde ab den Neunzigerjahren eine systematische Erfassung des Bestands in Angriff genommen. Der für die Bewirtschaftung ­zuständige Projektleiter Alexander Ritter von der Fachstelle Kunst und Bau bietet Einblick in seine Tätigkeit. 

Kunst und Bau — Demontierte Rosen, aus den Fugen springende Steine und andere Pfleglinge

Kielmayer: Aus meiner eigenen Tätigkeit kenne ich zwar die Konzeption von Wettbewerbsverfahren und den Einsitz in Jurys, jedoch weiss ich wenig über das, was danach folgt. Auch war mir nicht bewusst, dass es bei der Stadt Zürich eine Person gibt, die ausschliesslich für den Unterhalt von Kunst und Bau zuständig ist.

Ritter: Tatsächlich ist es in der Schweiz einzigartig, dass es eine Stelle für die Bewirtschaftung von Kunst und Bau gibt. Dies macht bei der Stadt Zürich durchaus Sinn, sind doch rund 1000 Werke in unserem Bestand. Zu meiner Stelle gehört eine Vorgeschichte mit Problemen und Schwierigkeiten bei bestimmten Kunst-und-Bau-Werken. Eines betraf die drei Blumenplastiken von Charlotte Schmid im Hallenbad Oerlikon – ein 50-Meter-Schwimmbecken, konzipiert für internationale Wettkämpfe. Für solche Anlässe müssen Tribünen gestellt werden und zwei der Blumen waren immer wieder im Weg. Sie wurden also demontiert und wiederaufgebaut, das funktionierte lange gut. Ich weiss nicht, wann das Problem begann, vielleicht mit einer neuen Person im Betriebsteam, die entschied, zwei der Blumen wegzugeben. Jedenfalls tauchten sie auf einem Antiquitätenmarkt wieder auf, was einigen Wirbel verursachte. Ich war zu jenem Zeitpunkt noch freischaffend und wurde von der damals zuständigen Leiterin der Kunstsammlung angefragt, mich der Sache anzunehmen. Ebenso sollte ich klären, wie wichtig die entfernten Werkteile wären und was es heissen würde, sie zu restaurieren und wieder zu installieren. Die beiden Teile, die schliesslich von der Stadt zurückgekauft wurden, sind nun zwischenzeitlich bei uns eingelagert; mit der Absicht, dass man sie eines Tages wieder aufstellen kann.

Kielmayer: Gibt es viele Beispiele von übereifrigen Hauswarten oder Nutzerinnen und Nutzern, die Kunst demontieren oder gar zerstören? Im Treppenhaus der Kunsthalle Winterthur wurde einmal ein Niele Toroni übermalt.

Ritter: Jein, zwar gab es im Kunst-und-Bau-Inventar ein paar kulturgeschichtlich erhaltenswerte Werke, die zerstört wurden; aber es waren keine Toronis oder Giacomettis. Von den Wandmalereien in Schul- und Kindergartenbauten aus den 1940ern und 1950ern wurden in den 1970er-Jahren im Zuge von Renovierungsarbeiten einige überstrichen. Im denkmalgeschützten Kindergarten Farenweg in Wollishofen wussten wir von der Übermalung und holten die Wandmalereien wieder hervor; das war ein besonderer Glücksfall.

Kielmayer: Dennoch kann ich mir vorstellen, dass manche Kunstwerke bei Um- oder Erweiterungsbauten im Weg sind. Oder sie gefallen einfach niemandem mehr.

Ritter: Als ich damals von der Betreuung der Sammlung von Friedrich Christian Flick zur städtischen Verwaltung wechselte, fragte ich mich bei einzelnen Werken schon, ist das erhaltenswertes, gesellschaftlich relevantes Kulturgut. Diese meine Einschätzung hat sich zwischenzeitlich geändert. Dessen ungeachtet gibt es klare ­Vorgaben, wie man Werke zurückbaut, die rechtliche Seite ist geregelt. Laut Obligationenrecht kann jeder Eigentümer frei entscheiden, ob er ein Kunstwerk zerstören will: Ich könnte also auch einen Picasso im Cheminée verfeuern, wenn mir danach ist. Bei Kunst-und-Bau-Werken gibt es die Empfehlung, nicht jedoch die Verpflichtung, den Künstler zu benachrichtigen und ihm die Möglichkeit zu geben, das Werk zum Materialwert zurückzunehmen, sofern es demontierbar ist. Wir kontaktieren die betroffenen Künstlerinnen und Künstler oder ihre Rechtsnachfolger immer. Wenn jedoch eine Wand mit einem Kunstwerk komplett entfernt werden muss, dann gibt es nichts zu retten. Es gab eine grosse konkrete Brunnenlandschaft von Shizuko Yoshikawa im Pflegezentrum Witikon aus den frühen 1980er-Jahren: wunderschön, aber wegen des fliessenden Wassers unterhaltstechnisch mit grossem Aufwand verbunden. Als es zum Umbau kam, entschied man auch aus Platzgründen, das Werk zurückzubauen.

Nicht alles ist vorhersehbar
Kielmayer: Ich höre oft, dass Brunnen im Unterhaltsportfolio nicht beliebt sind.

Ritter: Brunnen sind immer unterhaltsintensiv, aber andererseits bei der Bevölkerung auch sehr beliebt und geschätzt. Beim Brunnen von Ugo Rondinone auf dem zentralen Platz der Wohnsiedlung Werdwies war die Realisierung recht anspruchsvoll. Ugo wollte die Steine so weit wie möglich aus dem sie umgebenden Mörtel ­herausragen lassen; es braucht jedoch eine gewisse Tiefe, damit sie überhaupt halten. Trotz ­Bemusterung und Absprachen sprangen sie dann nach dem ersten Winterfrost gleich reihenweise aus den Fugen. Zudem wurde der Brunnen intensiv genutzt und so mussten nach zehn Jahren Schäden behoben werden. Der Aufwand hat sich aber gelohnt, vor allem auch für die Kinder des Quartiers. Sie möchten ihr ­grosses, kreisrundes Planschbecken im Sommer nicht mehr missen.

Kielmayer: Gibt es weitere Problemkinder in deinem Inventar?

Ritter: Die Lichtskulptur von Olaf Nicolai mit ihren grossen Kuben aus Plexiglas war eine der ersten LED-Arbeiten, welche die Stadt realisierte. Aufgrund der fehlenden technischen Erfahrung war diese tolle Arbeit anfangs störungsanfällig. Nach einer umfassenden Instandsetzung vor drei Jahren in enger Zusammenarbeit mit Olaf ist seine Lochergut-Skulptur nun das strahlende Wahrzeichen dieses lebendigen Stadtteils. Diese LED-Arbeit gab den Ausschlag, dass seither die Kriterien zur technischen Beurteilung von Wettbewerbseingaben erweitert wurden.

Kielmayer: Da interessiert mich der Zeitpunkt innerhalb des Verfahrens. Bist du bei den Jurysitzungen dabei? Hast du eine Stimme bei den Jurierungen?

Ritter: Es ist eine Vorprüfung, zu der auch andere Fachexperten der Stadt, bspw. die Feuerpolizei beigezogen werden. Wenn die Kunstschaffenden für die Realisation eine in der Kunstumsetzung erfahrene Firma vorsehen, muss man höchstens überprüfen, wie budgetiert wurde, alles andere wird funktionieren. Wenn jedoch aus dem eingereichten Konzept nicht klar hervorgeht, wie die Arbeit realisiert werden soll, werden bei einer allfälligen Projektrealisierung Präzisierungen und Anpassungen gefordert.

Kielmayer: Zurück zum Rückbau: Gibt es Kontroversen? Wenn sich auf einer abzureissenden Wand beispielsweise ein Harald Naegeli befindet, dann möchte man den doch erhalten.

Ritter: Bei Naegelis «Intervention» an Wänden von städtischen Liegenschaften erkannte man schon sehr früh, dass es sich hier nicht um irgendeine Sprayerei handelt. Seine Arbeiten wurden entsprechend geschützt, wie das Beispiel im Parkhaus Hohe Promenade zeigt. Muss ein Kunst-und-Bau-Werk aber zwingend zurückgebaut werden, beispielsweise weil eine Liegenschaft abgebrochen wird, dann findet sich auch meistens das nötige Verständnis auf Seiten der Urheberschaft. Ich habe bis jetzt nur einmal erlebt, dass die städtische Ombudsfrau als Vermittlerin angefragt wurde.

Kielmayer: Kannst du allein entscheiden, was letztendlich zurückgebaut wird? Und von wie vielen Arbeiten reden wir da eigentlich?

Ritter: Es ist weniger als eine Arbeit pro Jahr und das Rückbauverfahren ist klar geregelt. Ich lasse Expertisen von Kunsthistorikerinnen oder Restauratoren erstellen. Anschliessend wird im Kunstwahl-Gremium diskutiert und ein demokratischer Entscheid gefällt. Das über einen Zeitraum von vier bis fünf Jahren fixe Gremium der Fachstelle Kunst und Bau besteht aus zwei Kunstfachleuten, der Direktorin des Amts für Hochbauten, der Leiterin unserer Fachstelle und der Nutzerschaft.

Kielmayer: Wie proaktiv ist deine Tätigkeit? Beschädigungen, sei es durch Material­ermüdung, sei es durch Vandalismus, müssen ja zwingend repariert werden. Aber beispielsweise bei der Giacometti-Halle in der Regionalwache City der Stadtpolizei, kam da jemand zu dir und sagte: «Schau her, es kommt ein Jubiläum und wir sollten was machen», oder kam die Initiative von dir?

Ritter: Vandalismus ist relativ gering, abgesehen von Sprayereien, vor allem auf Schularealen. Viele Instandsetzungsprojekte lanciere ich selbst. Das hängt ­damit zusammen, dass der städtische Kunst-und-Bau-Bestand über lange Jahre aus konservatorischer Sicht vernachlässigt wurde, und so treffe ich im Rahmen meiner Begutachtungen vor Ort regelmässig auf Situationen mit dringendem Handlungsbedarf. Bei den Giacometti-Fresken im Amtshaus I handelt es sich um eines der berühmtesten Kunst-und-Bau-Werke unserer Stadt und um ein Kulturgut von natio­naler Bedeutung. Ich stellte fest, dass die letzten umfassenden konservatorischen Massnahmen bezüglich Raumklima, Beleuchtung und Raumhülle vor rund dreissig Jahren gemacht wurden, ebenso wurden die Fresken seit dieser Zeit nie mehr restauratorisch begutachtet. Daher habe ich entsprechende Untersuchungen veranlasst und zusammen mit Immobilien Stadt Zürich, die für die Fresken zuständig ist, das Restaurierungsprojekt in die Wege geleitet. Dank der neuen LED-Beleuchtung erstrahlt Giacomettis Farbraum nun in einer wohl noch nie dagewesenen Intensität.

Kielmayer: Hast du ein eigenes Budget?

Ritter: Nicht mehr. Der Unterhalt der Kunst-und-Bau-Werke ist in das Unterhaltsbudget einer Liegenschaft integriert, woraus auch sämtliche Restaurierungen bezahlt werden. Kleinere und wiederkehrende Unterhaltsposten können über das laufende Unterhaltsbudget geregelt werden. Grössere Projekte, wie aktuell die anstehende Restaurierung der Bodmer-Fresken im Fraumünster-Kreuzgang, müssen von mir Jahre im Voraus aufgegleist und bei den entsprechenden Stellen beantragt werden. Bei Umbauten wird die Instandsetzung über das Baubudget finanziert.

Konstante Vermittlung
Kielmayer: Auch im Bereich von Kunst und Bau haben neue Medien Einzug gehalten. Hat sich deine Tätigkeit dadurch verändert respektive verkompliziert?

Ritter: Bei Kunst-und-Bau-Werken mit medialen Komponenten, sei dies nun Video oder Ton, gilt es zwei Dinge zu berücksichtigen. Diese Arbeiten sind ja permanent installiert, und dies im meist öffentlichen Raum. Zudem ist ein Kunstwerk, von dem man nichts sieht, sondern allenfalls etwas hört, für viele Bürgerinnen und Bürger noch immer eine ungewohnte Vorstellung. Dadurch ist die Frage der Akzeptanz durch die Nutzerschaft, zum Beispiel in Schulen, vorgängig gut abzuklären. Aber auch das hilft nicht immer, denn Personen kommen und gehen, und die neuen kennen die Hintergründe einer Arbeit vielleicht gar nicht. Deshalb ist eine konstante Vermittlung gefragt. Ein Beispiel ist die Arbeit ‹Soundscapes/Hörlandschaften› von Yves Netzhammer/Bernd Schurer, die 2007 für die Schulanlagen Luchswiesen, Falletsche und Hirzenbach realisiert wurde. Die Tiergeräusche in den Schulhausgängen hörte man während der Unterrichtsstunden und in der Nachbarschaft. Heute ist die Arbeit an zwei Orten temporär abgeschaltet und beim Hirzenbach benötigt sie immer wieder Vermittlung, damit die Akzeptanz erhalten bleibt.

Kielmayer: Ich hätte bei dieser Arbeit eher technische Probleme erwartet, da es sich ja um eine interaktive Steuerung und Einzelanfertigung handelt.

Ritter: Ja, das war hier sicher auch ein Aspekt. Überhaupt ist das der zweite Punkt bei medialen Kunstwerken, sie sind technisch meist anspruchsvoll und unterhaltsintensiv. Die Soft-, aber auch die Hardware hat eine wesentlich kürzere Halbwertszeit als Öl, Stein oder Metall und bedürfen einer regelmässigen Wartung. Doch grundsätzlich gibt es kein Kunst-und-Bau-Werk, das nicht minimal Unterhalt und Pflege benötigt: Dies ins Bewusstsein zu holen, war und ist eine zentrale Aufgabe meiner Tätigkeit.

Oliver Kielmayer (*1970, Zürich) ist Kurator der Kunsthalle Winterthur. kielmayer@gmx.net

www.stadt-zuerich.ch/kunstundbau

Alexander Ritter (*1958), Projektleiter Kunst und Bau, Amt für Hochbauten Zürich

Architekturstudium ETH Zürich und Nachdiplomstudiengang Museologie Universität Basel
1993 bis 1997 Betreuer Sammlung Crex, Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen, anschliessend Mitarbeiter Galerie Hauser & Wirth, danach zuständig für die Sammlung Flick
Ab 2003 Inventarisierung und Archivierung der Sammlung des Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich, und für das Migros Museum Bauherrenvertretung beim Umbau des Löwenbräu-Areals

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