Markus Weggenmann — Anreicherung der Malerei

Boulevard, 1992–2000, 72-teilige Installation, hochpigmentierte Leimfarbe auf Papier, Teilansicht Kunstmuseum Appenzell, 2020. Foto: Conradin Frei

Boulevard, 1992–2000, 72-teilige Installation, hochpigmentierte Leimfarbe auf Papier, Teilansicht Kunstmuseum Appenzell, 2020. Foto: Conradin Frei

Batterie, 2011/2020, Installation, hochpigmentierte Leimfarbe auf Papier, Teilansicht Kunstmuseum Appenzell, 2020. Foto: Conradin Frei

Batterie, 2011/2020, Installation, hochpigmentierte Leimfarbe auf Papier, Teilansicht Kunstmuseum Appenzell, 2020. Foto: Conradin Frei

Wandbild, 2020, hochpigmentierte Mineralfarbe (Ausführung: Firma Christian Schmidt, Zürich), ­Ausstellungsansicht Kunstmuseum Appenzell, 2020. Foto: Conradin Frei

Wandbild, 2020, hochpigmentierte Mineralfarbe (Ausführung: Firma Christian Schmidt, Zürich), ­Ausstellungsansicht Kunstmuseum Appenzell, 2020. Foto: Conradin Frei

Markus Weggenmann. Foto: Börries Hessler

Markus Weggenmann. Foto: Börries Hessler

Fokus

Ruhige Geste und samtige Texturen, Schwung und kühle Glätte – Markus Weggenmann kann beides. Erstmals zeigt der Zürcher Künstler seine halb empirische, halb konzeptuelle Malerei nun als Retrospektive. Das Kunstmuseum Appenzell mit seinem alu-verkleideten, von aussen industriell wirkenden, innen intimen Bau von Gigon & Guyer ist der perfekte Ort dafür.

Markus Weggenmann — Anreicherung der Malerei

Seit drei Jahrzehnten befasst sich Markus Weggenmann nahezu exklusiv mit dem Potenzial der Malerei. Wichtigstes Merkmal: Seine hochdelikate Farbbehandlung macht das Schauen stets zum Erlebnis. Ein anderer Wesenszug ist das Arbeiten in grossen, technisch kohärenten Serien. Hunderte von Bildern, die meist nur Referenznummern tragen, sowie ein immenser Nucleus an Bildideen sind so über die Jahre zusammengekommen. Der Titel, den der Künstler seiner ersten Retrospektive gab – ‹Ein Bild schreit nach dem nächsten!› – ist als methodischer Kurzbeschrieb also entwaffnend ehrlich. Dennoch sind Weggenmanns Werke eigentlich Einladungen zum Verweilen. Im Verbund vertieft und verlebendigt jede Arbeit das jeweilige Konzept. Als Solisten entwickeln die Bilder grandiose Präsenz.

Heitere Nichtigkeiten
In Appenzell ist diese Präsenz gleich schon im Foyer an einem grossen gelben Doppelklecks erlebbar. Staunend studiert man, wie die markante Form nicht nur den Bildraum aushebelt, sondern wie das Bild auch mit den realen Raumkanten spielt. Angetan von diesem Auftakt verpasst man den eigentlichen Einstieg in die chronologisch organisierte Schau dann fast. Er erfolgt mit einem frühen Kleinformat von 1987, auf dem sich mit konstruktiv-konkretem Einschlag fünf Quadrate formieren – ein noch untypisches Bild, das aber bereits von der Bedeutung feinster Farbnuancen, der handgezogenen Linie und dem Prinzip der Reihung zeugt.
Der Eindruck, dass diese Kunst das Malen selbst thematisiert, festigt sich im ersten Raum. Er führt in die Zeit der ‹abstrakten Kammerstücke› und ‹Bagatellen›, Werke der frühen 1990er-Jahre, die allein durch ihre Benennung unterstreichen, dass die didaktische Strenge der Vorgängergeneration einem gelösteren Ansatz gewichen ist. Paarweise untersuchen sie flirrende Farbstellungen oder spielen mit Echos. Sie testen die Spanne zwischen dem Bild als Bild und dem Bild als Objekt, und sie zeigen: Erst aus differenzierten Sachverhalten konstituiert sich bei Weggenmann das Bild.

Auf Streifzug durch die Welt der Pigmente
In einem Akt kategorischer Reduktion überträgt der Künstler dieses Prinzip 1992 auf die grundlegendste malerische Handlung: das Ziehen von Linien. Jahrelang setzt er daraufhin Streifen an Streifen und lotet beharrlich Farbklänge aus. Man denkt an Josef Albers’ ‹Interaction of Color›, an Frank Stellas «What you see is what you see». Weggenmann aber stösst phänomenologisch noch weiter vor und befasst sich im Sinne des Radical Painting auch mit der Physis der Farben. Statt der anfangs noch benutzten, auf Rat von Verena Loewensberg aufgegebenen Acrylprodukte erforscht und perfektioniert er das Arbeiten mit losen, nur schwach in Leim gebundenen Pigmenten. «Das Licht bricht sich so an der Oberfläche und nicht im Bindemittel», erklärt er ihr samtiges Leuchten. Die satte, opake Wirkung ist hingegen das Ergebnis eines doppelten Farbauftrags. Bedenkt man, wie geduldig die Ränder der ersten Schicht dabei nachzuführen sind, ahnt man, wie viel Disziplin in den vielteiligen wandfüllenden Installationen jener Jahre steckt.

Birth of the Cool
1999 dann die Wende. Als zwei weitere baubezogene Projekte weniger heikle Bildoberflächen erfordern, setzt Weggenmann nach dem Vorbild der ‹Flachen Arbeiten› von Adrian Schiess erstmals Karosserielacke und Aluminiumträger ein. Die Farbe sinkt hinter die glatten Fronten zurück, verliert sich dort aber nicht, sondern verführt das an der Versiegelung abprallende Auge nun aus der Tiefe.
Auch produktionstechnisch verlangen die industriellen Lacke neue Abläufe, und in Martin Vetterli in Dussnang findet Weggenmann den versierten Spezialisten und Partner dafür. Der fachliche Austausch führt zum nächsten und bis dato überraschendsten Schritt: Weggenmann kehrt der Gleichform der Streifen den Rücken und kontert den kühlen Look der Lackbilder mit einer unnachahmlichen Motivik. Deren Ursprung liegt in spontan zu Papier gebrachten Gesten, die mit digitalen Tools erfasst, vom Pinselduktus befreit und zur Spritzvorlage verarbeitet werden. Ohne auf den subjektiven Ausdruck einer künstlerischen Handschrift zu verzichten, lässt sich so zugleich am Authentizitätsideal der Malerei und an ihrem expressiven Pathos kratzen. Visuell sind die hierbei entstehenden aperspektivischen Tiefenräume überaus eindrucksvoll, wie die Ausstellung anhand von zwei Monumental- und etlichen Grossformaten zeigt.

Von DIN A3 bis (fast) unendlich
Imponierend ist auch der Raum, den Weggenmann bis unter die Decke mit einer Auswahl seiner Papierarbeiten von 2011 gefüllt hat. Es ist die Neuauflage der Installation, mit welcher er diesen primären, ungefilterten Werkbestand gleichenorts 2010 erstmals publik machte. In Zürich, Berlin und Cumbel entstanden, erkunden die Blätter in handlichem A3-Format die Bandbreite zwischen freier Farbform und knapp umrissenem Gegenstand. Für gewöhnlich lagern sie dann, sortiert nach Jahren, in Hunderten von Schachteln, bis Weggenmann plötzlich dieses oder jenes Motiv in ­einen seiner Transformationsprozesse einspeist. 2010 verlieh ein Stapel Kartons in der Ausstellung diesem Vorgang noch Nachdruck. Die aktuelle Hängung hat diesen Rückbezug nicht mehr nötig. Befreit und unangestrengt zeugt sie vom Willen des Künstlers, sich zunächst «beim Malen nichts vorzunehmen, offen zu sein für den Zufall».
Weggenmanns jüngster Twist ist nun die Rückkehr zur Leinwand. Wie bei den Lackbildern liefern auch hier die Papierarbeiten die Vorlagen. Doch der Auswahlprozess – «sich selber ernst nehmen», wie Weggenmann es formuliert – endet bedingt durch den weissen Bildträger öfter beim Zeichenhaften. Die Stars dieser erneut mit hochpigmentierter Leimfarbe gemalten Werke sind die vier monumentalen Hochformate im vorletzten Raum. Zwei von ihnen zählen zur Gruppe der ‹Flachen Skulpturen›: monolithische Blindformen vor Farbgesten auf Weiss, mit denen der Künstler seine Herkunft aus einer Steinmetzfamilie produktiv ausspielt. Die beiden anderen, ‹Flaches Denkmal› Nr. 2 und 3, erzielen mit ähnlichen Blow-ups den konträren Effekt: Hier entschwindet die Hauptform durch «Zumalen» des Umraums, während Reste von Weiss das Gefühl eines Raums hinter dem Raum erzeugen und so quasi eine ins Kolossale gesteigerte Schlüssellochperspektive bewirken. Zu Recht hat die kontingente Räumlichkeit dieser Werke dem Künstler 2018 einen Swiss Art Award eingebracht.
Mit einem letzten Highlight spürt Weggenmann der Ambivalenz solcher Setzungen dann noch mit engem Architekturbezug nach und schliesst so den Kreis zum ­Foyer. Wo dort das Auftaktwerk neben einem realen Fenster mit dem Bau in Beziehung tritt, öffnet hier eine wandfüllende, direkt auf den Putz aufgebrachte «Flachmalerei» eine lichte, fensterähnliche Fläche. Doch nicht nur das «offene» Zentrum, auch die weis­se Umrandung ist bedeutsam. Erst sie macht die farbige Wand zum Bild. Clean und grosszügig wie die ganze, massstabsgetreu am Modell erprobte Schau stellt so auch das neueste Werk die Frage aller Fragen: Was ist Malerei und wie wirkt sie?

Astrid Näff, freischaffende Kunsthistorikerin, Zürich, artescript@bluewin.ch

→ ‹Markus Weggenmann – Ein Bild schreit nach dem nächsten!›, Kunstmuseum Appenzell, bis 11.4. ↗ www.h-gebertka.ch

Until 
11.04.2021

Markus Weggenmann (*1953, Singen) lebt in Zürich und Cumbel GR

Einzelausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Flirting with Sculptures›, Galerie Mark Müller, Zürich
2013 ‹Tornadorot›, Taubert Contemporary, Berlin
2007 ‹bel étage›, Kunsthalle, Bremerhaven
2001 ‹Vom Erschrecken im Frühling›, Institut für moderne Kunst, Nürnberg
2000 ‹Durchquerung der Alpen in einer Nacht›, Galerie Mark Müller, Zürich
1992 ‹Boulevard›, Galerie Mark Müller, Zürich

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