Editorial — Die Sonne, das Set und der Sonnenuntergang

Latifa Echakhch · The sun and the set, Ausstellungsansicht BPS22, Charleroi, Belgium, 2020, Courtesy kamel mennour, Paris/London. Foto: Leslie Artamonow

Latifa Echakhch · The sun and the set, Ausstellungsansicht BPS22, Charleroi, Belgium, 2020, Courtesy kamel mennour, Paris/London. Foto: Leslie Artamonow

Editorial

Editorial — Die Sonne, das Set und der Sonnenuntergang

Wurden die Uniformen zurückgelassen oder werden sie erst noch verteilt? Gehören die Musikinstrumente einer Gruppe, die schon abgetreten ist, oder einer, die erst auftreten wird? Die Szenerie trägt den mehrdeutigen Titel ‹The sun and the set› – die Sonne und das Set oder die Sonne und das Untergehen. Die geweckten Assoziationen erscheinen zunächst harmlos. Wir denken an einen Verein oder einen Festumzug. Doch die am Boden verstreuten Teile könnten auch härtere Bilder evozieren: von einer politischen Manifestation oder einer verlorenen Schlacht.
Latifa Echakhch zitierte schon früher Motive aus Zirkus und Akrobatik. Die Requisiten lassen sich immer aus mehreren Blickwinkeln deuten. Sind wir das Publikum – zur falschen Zeit am falschen Ort? Oder sind wir diejenigen, die bis zur Erschöpfung übten, performten und paradierten? Deutlich wird bei ‹The sun and the set› jedenfalls: Die Beteiligten haben ihre Utensilien hingeworfen und sich aus den damit verbundenen Zwängen befreit. Latifa Echakhch weiss, was dies bedeutet. Sie wird in diesem Sommer den Schweizer Pavillon in Venedig bespielen, und die Erwartungen an sie sind hoch. Auch wir sind gespannt, wie sie die Herausforderung meistern wird. Denn die Tatsache, dass sie nicht auf die Mittel zurückgreifen will, die sie kennt, ist ein mutiger, zeitgemässer Ansatz.
Mitte des 19. Jahrhunderts rief der amerikanische Schriftsteller und Naturalist Henry David Thoreau als einer der Ersten zum «zivilen Ungehorsam» auf und schrieb gegen die Sklaverei und die Entfremdung der luxusverwöhnten Städter von der Natur an. Wollen wir den heutigen grossen sozialen und ökologischen Problemen etwas entgegensetzen, dann geht das nicht, ohne dass auch wir Eingeübtes infrage stellen und uns neu formieren. 

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