René Burri — Bildermacher

René Burri · Juf, Schweiz, 1967, Courtesy Musée de l’Elysée, Lausanne © Magnum Photos

René Burri · Juf, Schweiz, 1967, Courtesy Musée de l’Elysée, Lausanne © Magnum Photos

René Burri · Albisgüetli, Zürich, Schweiz, 1980, Courtesy Musée de l’Elysée, Lausanne © Magnum ­Photos. Dasselbe Motiv hat Burri 1984 mit Chilbi-Musik, blinkenden Lichtern, einer flatternden Fahne und einer Stoffblüte im Haar der Frau vorne links zu einem ‹Megaphotomobil› erweitert.

René Burri · Albisgüetli, Zürich, Schweiz, 1980, Courtesy Musée de l’Elysée, Lausanne © Magnum ­Photos. Dasselbe Motiv hat Burri 1984 mit Chilbi-Musik, blinkenden Lichtern, einer flatternden Fahne und einer Stoffblüte im Haar der Frau vorne links zu einem ‹Megaphotomobil› erweitert.

Besprechung

René Burris fotojournalistisches Lebenswerk ist visuelle Zeitzeugenschaft in Reinkultur, abgelegt über einige der wichtigsten Figuren des 20. Jahrhunderts. Weniger bekannt ist Burris ­Wirken in anderen Sparten. Das Musée de l’Elysée korrigiert dies nun mit einer Retrospektive, die wirkt wie ein Urknall.

René Burri — Bildermacher

Lausanne — René Burri (1933–2014), Magnum-Associate ab 1955 und Vollmitglied ab 1959, führte ein Leben am Puls der Weltgeschichte. Dies zeigt auch die dritte Schau, die das Musée de l’Elysée dem Zürcher Fotografen nach 1987 und 2004 widmet: Vom ersten Foto, das er als Dreizehnjähriger von Winston Churchill in Zürich machte und das als Vintageprint mit zeittypischem Zackenrand vorliegt, bis hin zum ikonischen Che Guevara mit Zigarre werden alle Erwartungen erfüllt. Wer nun aber nur Fotografien erwartet, wird überrascht sein. Diese Ausstellung sprengt den Kanon und zeigt stattdessen auch das Vor- und Nachleben der Bilder, in jeder erdenklichen Form. Zwar sind Abzüge auf Papier noch immer die Regel. Doch den Eindruck prägen nicht mehr formatgleiche Prints in Passepartouts wie noch 2013 im Zürcher Museum für Gestaltung, einer der letzten Präsentationen zu Lebzeiten Burris, just an jener Adresse, wo in den Klassen von Alfred Willimann und Hans Finsler alles begann. Stattdessen schöpft die Schau aus dem immensen Nachlass, den Burri über seine 2013 gegründete und vorerst befristet im Musée de l’Elysée beheimatete Stiftung in die Bestände des Hauses eingebracht hat. Nach mehrjährigem Sichten breitet sie aus, was Burri in sechs Jahrzehnten erarbeitet hat – als Fotograf, aber auch als Filmemacher und Künstler. Blow-ups von Kontaktbögen, Proofs und Zeitschriftencovers, Studio- und Hotel­interieurs, Burris Reiseroute durch China – alles wird zum Wallpaper, da und dort auch ein schelmisches oder selbstironisches Porträt. Auf dieser bunten Grundschicht fügt sich Story um Story zu einer Timeline, die sporadisch von allgemeineren Inhalten durchbrochen wird wie zum Beispiel einer Bilderwolke, die Burri beim Posieren mit anderen zeigt, oder drei Ensembles, die seine teilweise unorthodoxen Stilmittel – unscharfer Vordergrund, Schattenspiele, verstellter Blick – reflektieren. Dazwischen finden sich Dinge wie Ausweise, Briefwechsel, Skizzenhefte, Maquetten, Printbelege, Übermalungen, Filme, eine Installation mit Stills von TV-Screens, Digitalisate und Ephemera zu Burris keineswegs ephemerer Rezeption. All dies wird nicht in Vitrinen verbannt, sondern multimedial auf Augenhöhe gezeigt. Das macht Spass und wirkt kuratorisch zeitgemäss. Dass Burri selbst schon einen undogmatischen Umgang mit der Fotografie pflegte, wie seine wundervoll dichten Collagen und das gleich eingangs platzierte ‹Megaphotomobil Albisgüetli› als szenografisches Relikt seiner ‹One World›-Tournee von 1984 bezeugen, macht alles noch viel stimmiger.

Until 
03.05.2020
Exhibitions/Newsticker Data Tipo Località Paese
René Burri, Explosion des Sehens da 29.01.2020 a 03.05.2020 Ausstellung Lausanne
Schweiz
CH
Artisti
René Burri
Author(s)
Astrid Näff

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