Cabaret Voltaire — Dada war gestern, Dada ist heute

Ausstellungsansichten Emmy Hennings/ Sitara Abuzar Ghaznawi, Cabaret Voltaire, ­ Eröffnungswochenende, 13.–15.3.2020. Foto: Gunnar Meier

Ausstellungsansichten Emmy Hennings/ Sitara Abuzar Ghaznawi, Cabaret Voltaire, ­ Eröffnungswochenende, 13.–15.3.2020. Foto: Gunnar Meier

Ausstellungsansichten Emmy Hennings/ Sitara Abuzar Ghaznawi, Cabaret Voltaire, ­ Eröffnungswochenende, 13.–15.3.2020. Foto: Gunnar Meier

Ausstellungsansichten Emmy Hennings/ Sitara Abuzar Ghaznawi, Cabaret Voltaire, ­ Eröffnungswochenende, 13.–15.3.2020. Foto: Gunnar Meier

Ausstellungsansichten Emmy Hennings/ Sitara Abuzar Ghaznawi, Cabaret Voltaire, ­ Eröffnungswochenende, 13.–15.3.2020. Foto: Gunnar Meier

Ausstellungsansichten Emmy Hennings/ Sitara Abuzar Ghaznawi, Cabaret Voltaire, ­ Eröffnungswochenende, 13.–15.3.2020. Foto: Gunnar Meier

Ausstellungsansichten Emmy Hennings/ Sitara Abuzar Ghaznawi, Cabaret Voltaire, ­ Eröffnungswochenende, 13.–15.3.2020. Foto: Gunnar Meier

Ausstellungsansichten Emmy Hennings/ Sitara Abuzar Ghaznawi, Cabaret Voltaire, ­ Eröffnungswochenende, 13.–15.3.2020. Foto: Gunnar Meier

Isabel Lewis · An Occasion on the Topic of Love in the Time of Corona, Cabaret Voltaire, 14.3.2020

Isabel Lewis · An Occasion on the Topic of Love in the Time of Corona, Cabaret Voltaire, 14.3.2020

Isabel Lewis · An Occasion on the Topic of Love in the Time of Corona, Cabaret Voltaire, 14.3.2020

Isabel Lewis · An Occasion on the Topic of Love in the Time of Corona, Cabaret Voltaire, 14.3.2020

Isabel Lewis · An Occasion on the Topic of Love in the Time of Corona, Cabaret Voltaire, 14.3.2020

Isabel Lewis · An Occasion on the Topic of Love in the Time of Corona, Cabaret Voltaire, 14.3.2020

Martina und Nicolas Buzzi · Suspended Gestures, Performance mit Li Davor, Franziska Koch, Monika Stadler, Cabaret Voltaire, 13.3.2020

Martina und Nicolas Buzzi · Suspended Gestures, Performance mit Li Davor, Franziska Koch, Monika Stadler, Cabaret Voltaire, 13.3.2020

Martina und Nicolas Buzzi · Suspended Gestures, Performance mit Li Davor, Franziska Koch, Monika Stadler, Cabaret Voltaire, 13.3.2020

Martina und Nicolas Buzzi · Suspended Gestures, Performance mit Li Davor, Franziska Koch, Monika Stadler, Cabaret Voltaire, 13.3.2020

Salome Hohl, Cabaret Voltaire Zürich, Eröffnungswochenende, 13.3.2020. Foto: Gunnar Meier

Salome Hohl, Cabaret Voltaire Zürich, Eröffnungswochenende, 13.3.2020. Foto: Gunnar Meier

Fokus

Das Cabaret Voltaire gilt als Geburtsort des Dadaismus. 1916 gegründet, bot es Kunstschaffenden eine Bühne, die vom Krieg in die Schweiz geflohen waren. Hier konnten sie das Zeitgeschehen befragen, neue Kunstformen ausprobieren und nicht zuletzt auch scheitern. Doch wie knüpft man an dieses Erbe an? Ein Gespräch mit der neuen Direktorin Salome Hohl. 

Cabaret Voltaire — Dada war gestern, Dada ist heute

Bernardi: «Dada ne signifie rien», schrieb Tristan Tzara 1918. Und doch bedeutete es alles. Dada war bejahend und verneinend zugleich: Die Bewegung lehnte verhärtete Denkmuster ab, kämpfte für neue künstlerische Wege. Sie war damals eine direkte Reaktion auf historische Ereignisse: Krieg, Nationalismus und bürgerliche Normen. Wie verstehst du Dada heute?

Hohl: Ich verstehe Dada als Befragungsmodus: als fortlaufende Befragung gesellschaftlicher Strukturen und der Rolle, welche die Künste darin einnehmen. Dies versuchen wir im Cabaret Voltaire mit verschiedenen Formaten umzusetzen, beispielsweise mit den Soireen am Dienstag: In den disziplinübergreifenden Abendveranstaltungen werden unterschiedliche Themen bearbeitet, darunter Identität, Rassismus oder neue Formen des Lesens und Beobachtens. Die Soireen sind öffentlich, trotzdem soll eine Atmosphäre der Intimität geschaffen werden, die es nach den Performances oder Debatten zulässt, Gespräche in der Künstlerkneipe weiterzuführen. Das Cabaret Voltaire soll beweglich bleiben, mit der Zeit mitgehen. Insbesondere jetzt, in Anbetracht der Corona-Krise.

Bernardi: Seit Anfang März wurden zahlreiche Massnahmen getroffen, um die Verbreitung von Covid-19 zu verlangsamen. Das gesellschaftliche Leben hat sich radikal verändert, soziale Kontakte wurden auf ein Minimum reduziert, Museen und Theater geschlossen. Wie reagiert man auf diese Entwicklung?

Hohl: Wie viele andere Institutionen überlegen auch wir, einzelne Inhalte oder Formate auf digitalem Wege zu vermitteln. Dabei stellt sich die Frage, inwiefern das Gefühl von Gemeinschaft und Teilhabe im virtuellen Raum funktioniert. Zurzeit denke ich aber eher über den physischen Raum nach: Auch wenn sich die Lage entspannt, scheint es mir klug, mittelfristig Formate wie die Soireen im kleineren Rahmen zu planen. Das hat den Vorteil, Auseinandersetzungen intensiver führen zu können und den Wettbewerb um Besucherzahlen zu brechen.

Bernardi: Das Cabaret Voltaire war 1916 als Bühne der Dada-Bewegung gegründet worden. Viele Künstlerinnen und Künstler, die hier auftraten, waren in die Schweiz geflohen und entwickelten im Ausnahmezustand neue Formen der Kreativität. Siehst du Parallelen zwischen damals und der aktuellen Situation?

Hohl: Das Cabaret Voltaire war schon immer ein Ort der Krise. 1916 wütete der Erste Weltkrieg, viele Dadaistinnen und Dadaisten erlebten um 1918 die Spanische Grippe. Krisen sind erschütternd, geben aber auch die Gelegenheit, bestehende Strukturen zu diskutieren: das gemeinschaftliche Leben, das Wirtschaftssystem, die Rolle und die Organisation von Kultur oder des Care-Sektors. Noch vor drei Monaten waren solche Gespräche weniger hörbar: Es schien unvorstellbar, sich nicht mit den eigenen Freundinnen und Freunden zu treffen oder eine Ausstellung zu besuchen. Jetzt ist all dies Teil unserer Vorstellungskraft und führt uns Privilegien und Missstände dezidiert vor Augen.

Bernardi: Welche Privilegien und Missstände meinst du?

Hohl: Ich denke an Fragen wie: Wer ist einsam? Wer ist beruflich und finanziell gut geschützt? Was bedeuten Solidarität und Gesundheit? Wie konsumieren wir Kultur? Welche Wertschätzung bekommen einzelne Wirtschaftssektoren und Institutionen? Es gibt einiges zu überdenken.

Bernardi: Welche Rolle spielt der Umgang mit dem historischen Erbe dabei?

Hohl: Wenn ich an einen produktiven Umgang mit dem dadaistischen Erbe denke, ­sehe ich eine Überlappung verschiedener Horizonte: Historische Ereignisse können als Folie über die Gegenwart gelegt werden. Indem man historische und zeitgenössische Positionen einander gegenüberstellt, ergibt sich eine neue Perspektive, wodurch das Zeitgeschehen neu befragt werden kann. In diesem Sinne ist es wichtig, Dada nicht zu eng zu historisieren.

Bernardi: Ist das aktuell der Fall?

Hohl: Bei Dada werden oft die gleichen Protagonisten erwähnt, dieselben Bilder und Inhalte aufgegriffen. Das Bild von Hugo Ball, wie er in seinem Bischofskostüm aus Pappe sein Lautgedicht rezitiert, kennen viele. Viele Künstlerinnen aber bleiben unsichtbar, die damals eine wichtige Rolle spielten: Emmy Hennings, Sophie Taeuber-Arp, Hannah Höch oder auch Elsa von Freytag-Loringhoven. Darüber hinaus läuft man Gefahr, ein Bild von Dada zu schaffen, das zu einseitig ist, ausschliesslich laut und schrill, obwohl Dada durchaus auch leise und ernsthaft sein kann. Taeuber-Arp verrät in einem Brief an Hans Arp: «Ich bin wüüüüüüüütend. Was ist das wieder für ein Quatsch ‹radikale Künstler›.» Diese Eitelkeit, das Schreien, Heulen und Reklame-Betreiben: Dada ist nach Sophie Taeuber-Arp etwas anderes.

Bernardi: In der aktuellen Ausstellung reagiert Sitara Abuzar Ghaznawi auf das Schaffen von Emmy Hennings. Letztere war Mitbegründerin des Cabaret Voltaire und notierte 1929: «Dada – Das Wort stammt von mir.» Dennoch werden Tristan Tzara, Hugo Ball oder Hans Arp als dessen Schöpfer zitiert, während Hennings heute wenig bekannt ist. Warum?

Hohl: Emmy Hennings unterlag der männlichen Dada-Historisierung. Sie findet vor allem als Kabarett-Stern Erwähnung, weniger als Künstlerin und Schriftstellerin. Auch ihre Romane und Gedichte wurden kaum ernstgenommen oder beachtet. Nun tritt Sitara Abuzar Ghaznawi in einen assoziativen Dialog mit Hennings’ literarischen und künstlerischen Werken und inszeniert diese in Vitrinen. Dabei stellt sich die Frage: Wie gehen wir heute mit diesem Erbe um und wie zeigen wir eine Protagonistin, die immer wieder an den Rand der Geschichte und der Gesellschaft verwiesen wurde?

Giulia Bernardi ist freie Autorin. giulia.bernardi@outlook.com

→ ‹Emmy Hennings/Sitara Abuzar Ghaznawi›, Cabaret Voltaire, bis 21.6. ↗ www.cabaretvoltaire.ch

Until 
21.06.2020

Salome Hohl (*1985, Wolfhalden), lebt und arbeitet in Zürich
Masterabschluss in Kunstgeschichte, Kulturanalyse und Philosophie an der Universität Zürich.
Bachelor an der Pädagogischen Hochschule Zürich
Seit 2020 Direktorin des Cabaret Voltaire, daneben freischaffende Kunstvermittlerin, Kuratorin und Autorin
Seit 2015 unterrichtet sie Kunstgeschichte an der F+F Schule für Kunst und Design in Zürich; dozierte zuvor auch an der Ecole polytechnique fédérale de Lausanne und der Hochschule Luzern.
2014–2017 war sie als Assistenz- und Co-Kuratorin in der Kunst Halle Sankt Gallen tätig.

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