Erica Pedretti — Fremd genug

Erica Pedretti · Fremd genug, 2020, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum © ProLitteris. Foto: Katalin Deér

Erica Pedretti · Fremd genug, 2020, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum © ProLitteris. Foto: Katalin Deér

Besprechung

Das Bündner Kunstmuseum wartet mit einer überraschenden Inszenierung des bildnerischen Gesamtwerks von Erica Pedretti auf. Mächtige Eisenstrukturen treten in Dialog mit schwebenden feingliedrigen Objekten. Intim präsentiert sich das poetisch ausdrucksstarke Zeichenwerk und lebt so neu auf.

Erica Pedretti — Fremd genug

Chur — Die Ausstellung im Bündner Kunstmuseum rückt erstmals das bildnerische Schaffen der in Graubünden ansässigen Erica Pedretti (*1930, Sternberk) ins Zentrum. Die Künstlerin Katalin Deér und der Architekt Lukas Furrer haben für die rund hundert Zeichnungen und fünfzig Objekte eine ungewöhnliche Präsentation und einen zurückhaltenden Rahmen geschaffen. Die darin hängenden singulären und mit Stoff überzogenen Flügel aus Kupferdraht – darunter auch ein grosser «Flieger» aus der hauseigenen Sammlung – scheinen hier bewegungslos zu schweben. Zudem rückt eine integrierte matte Folie einige der fisch- und vogelartigen ‹Objets à suspendre› aus Gips, Karton, Blei, Federn und Acrylfarbe in die Ferne, als ob sie Teil eines Schattentheaters wären. Die Mobiles aus gefundenen Materialien erinnern an die Arte Povera. Die natürliche, zeitbasierte Patina, die auch die skelettartig anmutenden Objekte mal am Boden, mal auf tischähnlichen Sockeln überzieht, steht in Kontrast und doch im Einklang mit der künstlerisch-architektonischen Inszenierung. Die geometrischen Elemente und Formen aus Metall bieten für die figurativ abstrakten Gebilde eine Behausung, die an private Räumlichkeiten oder ein Atelier erinnern. Intim mutet auch das zeichnerische Werk an. Oft sind es Notate oder Versatzstücke, die an existenzielle und biografische Fragen anknüpfen. Kolorierte feine Zeichnungen, zum Teil als Vorskizzen oder eigenständige Werke gedacht, fangen oft wundervolle Motive mit wenigen Strichen ein, wie beispielsweise ein anthropomorphes Tier auf einem Stuhl, das sich unbemerkt die Stiefel schnürt. Schriftzeichen als Bildsprache und umgekehrt, diese Symbiose ist für Erica Pedretti als bildende Künstlerin und Literatin eine Selbstverständlichkeit. Das Zusammenspiel verdichtet sich in einigen neueren palimpsestartigen Arbeiten, die an Stellwänden angebracht sind. Hier werden Zeitungsmeldungen mit Titeln wie ‹Obama spart› oder ‹Ein ganz ganz übles Thema› versehen und Bedeutungshorizonte mittels darüber gezeichneter und gemalter floral-fantastischer Räume und utopischer Landschaften verfremdet. Der Rundgang führt an Silberschmiedearbeiten der Künstlerin vorbei und schliesst vor der Skulptur ‹Erinnerung an den Turm von Babel›, 2000, bestückt mit kreuz und quer liegenden Buchstaben. Zur Zeit des Coronavirus könnte das Mahnmal der globalisierten himmelstrebenden Ambitionen und fatalen Missverständnisse aktueller denn je gedeutet werden, mich jedenfalls hat die Ausstellung geerdet und entschleunigt. 

Until 
07.06.2020

→ ‹Erica Pedretti – Fremd genug›, Bündner Kunstmuseum Chur, bis 7.6., wird voraussichtlich ­verlängert ↗ www.buendner-kunstmuseum.ch

Exhibitions/Newsticker Dataordinamento crescente Tipo Località Paese
Erica Pedretti. Fremd genug da 22.02.2020 a 26.07.2020 Ausstellung Chur
Schweiz
CH
Author(s)
Ursula Meier
Artisti
Erica Pedretti

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