Katrien de Blauwer — Isabelle a 24 ans … Isabelle a 42 ans

Katrien de Blauwer · Isabelle a 24 ans … Isabelle a 42 ans (12 und 3), 2019, Collagen (Serie)

Katrien de Blauwer · Isabelle a 24 ans … Isabelle a 42 ans (12 und 3), 2019, Collagen (Serie)

Katrien de Blauwer · Isabelle a 24 ans … Isabelle a 42 ans (12 und 3), 2019, Collagen (Serie)

Katrien de Blauwer · Isabelle a 24 ans … Isabelle a 42 ans (12 und 3), 2019, Collagen (Serie)

Besprechung

Zeitschriften dienen als Quelle für das Bildmaterial, mit dem Katrien de Blauwer ihre visuellen Erzählungen gestaltet. In poe­­tischen Collagen zeigt die belgische Fotografin bis in den ­Spätsommer ihre eigene ­­Interpretation von Weiblichkeit und Schönheit als persönliches Tagebuch einer anderen Zeit.

Katrien de Blauwer — Isabelle a 24 ans … Isabelle a 42 ans

Le Locle — Kann man, ohne selbst mit einer Kamera zu arbeiten, Fotografin sein? Ja, wenn die angeeigneten Bilder eine eigene Sprache entwickeln, wie es in den Collagen von Katrien de Blauwer (*1969) geschieht. Die Darstellungen weiblicher Figuren sind keine Porträts, denn es fehlt ihnen ein Gesicht oder der ­direkte Blick. Vielmehr erzählen Kleider, Haare, Körper und (Wohn-)Landschaften von einer nostalgischen Form des Femininen aus einer Zeit, die klingt wie die Musik Serge Gainsbourgs und sich anfühlt wie die Filme der Nouvelle Vague. Denn das von de ­Blauwer verwendete Bildmaterial stammt von Werbeanzeigen, die zwischen 1950 und 1970 in ­Modemagazinen veröffentlicht wurden. Logischerweise sind die darin abgebildeten Modelle für Mode- und Kosmetikreportagen vorwiegend von (männlichen) ­Fotografen inszeniert worden. In einer interessanten Umkehr der Perspektive benutzt die Künstlerin diese Magazinfotos, um ein Stimmungsbild und ihr eigenes «Moodboard» weiblicher Befindlichkeit zu gestalten. Als wäre es ein Tagebuch, erzählt de Blauwer ihre Geschichte aus den Geschichten der anderen. Die zart gestalteten ­Serien aus vergilbtem Papier und wenigen Farbstrichen mit den Namen französischer Schauspielerinnen (­Isabelle, Charlotte, Veronique etc.) laden ein zur freien Assoziation: Heute ist der Himmel blau, das Meer glitzert, ich trage mein kurzes Sommerkleid, und ich weiss nicht, warum ich traurig bin … Das sprachlose Objekt wird zum Subjekt seiner eigenen Geschichte und man erkennt sich selbst; die von der Künstlerin dargestellte Form von Weiblichkeit und Schönheit ist kein Klischee mehr, sondern wird ein intimes Gefühl. Im Dachgeschoss des Musée des beaux-arts in Le Locle präsentiert sich die Bildfolge ‹Isabelle›, als wäre es eine Theaterszene. Vor schwarzem Hintergrund steht ein Holzstuhl, darüber geworfen liegt ein seidener Unterrock. In feiner Kreideschrift umkreist ein Text an der Wand die Abbildungen eines Samtsofas, eines nackten weiblichen Arms, einer gerüschten Unterhose, eines hellen Lampenschirms, einer Umarmung: «Isabelle ist 24 Jahre alt, 162 Zentimeter gross, einundfünfzig Kilo, hat grüne Augen und kastanienbraunes Haar.» Aus den dargestellten Fragmenten sehe ich mein eigenes Leben aufscheinen als Möglichkeit einer geträumten Existenz: Jeder Mensch hat nicht nur ein Leben und eine Identität, sondern lebt auch in seinen Fantasien und Erinnerungen. 

Until 
27.09.2020

→ ‹Katrien de Blauwer – Isabelle a 24 ans ... Isabelle a 42 ans›, Musée des beaux-arts Le Locle, verlängert bis 27.9. ↗ www.mbal.ch

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