Marion Baruch — Das, was zwischen den Zeilen steht

Marion Baruch · Ausstellungsansicht mit ‹Name Diffusion›

Marion Baruch · Ausstellungsansicht mit ‹Name Diffusion›

Marion Baruch · Ausstellungsansicht mit ‹Ron Ron›, 1972, und ‹Boutique Safari (1)›, 2018

Marion Baruch · Ausstellungsansicht mit ‹Ron Ron›, 1972, und ‹Boutique Safari (1)›, 2018

Besprechung

Irgendwo mitten in der Ausstellung ragt ein massiver Blechklotz aus einem Einkaufswagen. Der Titel der Arbeit lautet ‹Superart›, 1988. Was soll das? Macht sich die Künstlerin über unsere Konsumkultur lustig oder über die Kunstwelt selbst, die minimalistische Interventionen an einem Einkaufswagen als Kunst feiert?

Marion Baruch — Das, was zwischen den Zeilen steht

Luzern — Die Retrospektive von Marion Baruch (*1929) beginnt jedenfalls mit einer schalkhaften Geste: Den ersten und zugleich ausladendsten Ausstellungsraum bespielt die Künstlerin mit gerade mal sechs langen Stoffschnipseln, die in Schwarz oder Rot Decke mit Boden oder Wand mit Wand verbinden. Die entfernt an Girlanden erinnernden Stoffreste sind Textilabfälle aus der Prêt-à-porter-Industrie der unweit von Baruchs Wohnort Gallarate gelegenen Modestadt Mailand. Mit dem Titel der ­Arbeit, ‹Abbraccio lo spazio e lo attraverso›, 2020, setzt sie Körper und Raum zueinander in Verhältnis und verweist auf die konstitutive Verschränkung von Mensch und Umgebung. Diesen Link stellte Baruch bereits in der Arbeit ‹Abito-Contenitore› in den späten Sechzigern her: Hier hüllte sie sich in unförmige Leinentextilien und warf sich in Posen, die Gianni Berengo Gardin fotografisch festhielt. Eng verwoben mit dem Interesse für das Textile sind auch die wenig später entstandenen absurden Objekte am Schnittpunkt von Design und Kunst. In Kooperation mit dem Designer Dino ­Gavina hat Baruch dysfunktionale Objekte entworfen, die voller Wortwitz stecken: So entpuppt sich der gepolsterte, mit Kunstpelz überzogene Pseudo-Sitzball mit Schwanz und dem onomatopoetischen Titel ‹Ron Ron› als humorvolle Allusion auf eine Katze. Das Faible Baruchs für Sprache zeigt sich auch in ‹une chambre vide›, 2009: Um eine Plattform für Austausch mit Nachbarn zu schaffen, fegte die Künstlerin ein Zimmer ihrer Wohnung in Paris leer und lud zum Gespräch ein. Als Reminiszenz bleibt jetzt ein Ausstellungsraum, der in einer losen Folge bespielt wird, bis auf einen ­Sockel leer. Um Kommunikation, vor allem aber um Kritik, geht es Baruch in ihren Arbeiten, die sie ab 1990 unter dem Pseudonym ‹Name Diffusion› realisiert. Mit diesem ins Handelsregister eingetragenen Firmenlabel reagiert sie auf die kapitalistische Logik, nach der Produkte und Kunstwerke stets mit einem Namen verknüpft werden müssen. Sinnfällig manifestiert sich diese Kritik des Branding auch in einer Arbeit aus sieben aufgerichteten Holzkisten mit Öffnungen, aus denen das Neonlicht des Logos strahlt. Das Werk ist nichts anderes als eine Werbeplattform für die eigene Marke. Genau in diesen mal kritischen, mal humorvollen Gesten manifestiert sich der Reiz von Baruchs Arbeiten. Meist minimalistisch und stets konzeptuell, ist es nicht das Offensichtliche, um das es ihr geht, sondern das, was darüber, darunter oder dazwischen zum Vorschein kommt. Denn erst so wird der Fellball zu einer Katze und die Leerräume zwischen den Girlanden zu einer Umarmung des Raums.

Exhibitions/Newsticker Dataordinamento crescente Tipo Località Paese
Marion Baruch da 29.02.2020 a 11.10.2020 Ausstellung Luzern
Schweiz
CH

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