Hemauer/Keller — Den Himmel ins Museum holen

Hemauer/Keller · Observing Human Skies, 2022, Ausstellungsansicht. Foto: Christian Hartmann

Hemauer/Keller · Observing Human Skies, 2022, Ausstellungsansicht. Foto: Christian Hartmann

Besprechung

‹Über den menschgemachten Himmel› nennt das Duo Christina Hemauer und Roman Keller seine Präsentation im Nidwaldner Museum / Winkelriedhaus in Stans. Die von der neuen Kuratorin Jana Bruggmann betreute Ausstellung berührt die Schnittstelle von bildender Kunst und Natur- und Klimawissenschaften.

Hemauer/Keller — Den Himmel ins Museum holen

Stans — Christina Hemauer (*1973) und Roman Keller (*1969) «machen» den Himmel nicht selber. Sie haben aber die Sammlung des Nidwaldner Museums nach Werken durchforstet, die sich als Ausdruck persönlicher Himmelsvisionen lesen lassen: In Exvotos erscheinen Heilige zum Dank für geleistete Hilfe im Wolkenkranz am Himmel als einem Ort der Sehnsüchte. Der Landschaftsmaler Jakob Joseph Zelger (1812–1885) hingegen öffnet am Himmel über dem Vierwaldstättersee hell glänzende Lichter oder zeigt das Engelberger Tal im strahlenden Sonnenlicht, verzaubert. Dazu ertönt die Schilderung von Horace Bénédict de Saussures (1740–1799) Reise nach Engelberg – womit Hemauer/Keller in der Innerschweiz und zugleich bei ihrem Thema angekommen sind: Der Genfer de Saussure, Naturwissenschaftler, Alpenforscher, Mont-Blanc-Besteiger, erfand das Cyanometer, eine Scheibe mit einer Farbskala zum Messen der Intensität des Himmelsblaus. Er versprach sich vom Gerät Informationen über die Beschaffenheit der Atmosphäre. Für die heutige Wissenschaft ist das nicht mehr als eine Anekdote, für Hemauer/Keller ist es ein anregendes Beispiel für die ästhetische Umsetzung eines Zugriffs auf die Natur – ein Thema, dem sie sich seit acht Jahren mit grossem Aufwand widmen. Sie bieten dabei dem Himmel und seinem intensiven, aber sich stets verändernden Blau eine eigene unverwechselbare Präsenz in ihrer Kunst.
Zum Beispiel: Auf dem Gemmipass liessen sie einen Solarballon mit Videokamera in die Stratosphäre aufsteigen und verdichteten die Aufnahmen zu einem 180-minütigen Video. Während der Ausstellung filmen sie den Himmel über Stans und zeigen die Aufnahmen im Zeitraffer und um einen Tag versetzt in den Ausstellungsräumen. In Vitrinen legen sie Erläuterungen von Klimatologinnen oder Physikern zum Himmelsblau aus. Sie schufen eine Rauminstallation mit Video verschiedener Himmelsfarben und sphärischen Klängen, die sich interaktiv per Mikrofon beeinflussen lassen. Farb- und Klangwellen verändern sich gegenseitig in komplexen Wechselwirkungen.
Das Museum als naturwissenschaftliches Labor? Die Position ist in der Schweizer Gegenwartskunst eher selten. Vielleicht liesse sich sagen: Hemauer/Keller widmen sich der Landschafts- oder besser Himmelsmalerei mit ihren eigenen technologischen Mitteln. Vom Publikum ist Geduld gefordert. Der Lohn dafür ist das Erleben einer Atmosphäre von berückender und zugleich fremder Schönheit – oder die Vision des Himmels als Ort ganz unterschiedlicher privater Sehnsüchte. 

Until 
07.08.2022

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