Yoko Ono — Die Welt neu denken

Yoko Ono · Cut Piece, 1964/65, performt anlässlich von ‹New Works of Yoko Ono›, Carnegie Recital Hall, New York, 21. März 1965. Foto: Minoru Niizuma

Yoko Ono · Cut Piece, 1964/65, performt anlässlich von ‹New Works of Yoko Ono›, Carnegie Recital Hall, New York, 21. März 1965. Foto: Minoru Niizuma

Besprechung

Ihre Performances und Aktionen sind legendär, ihre Gedankenexperimente geben der Subjektivität, der subjektiven Interpretation jedes Einzelnen ungeahnte Freiheit: Yoko Ono, japanisch-amerikanische Künstlerin zwischen den Kulturen, brisant wie eh und je, überzeugt im Kunsthaus Zürich.

Yoko Ono — Die Welt neu denken

Zürich — Es ist ein faszinierendes Hin und Her zwischen geräuschvoll und leise, skurril und erhaben, packender Sinnlichkeit und schwebenden Gedanken; zwischen Verstehen und Nichtverstehen sowieso. Viel Weiss, Weiss und Schwarz, Grautöne, gut gesetzte Farbakzente. Und eine grosse Fülle an Werken, Werkdokumenten und Handlungsanweisungen, dazu Möglichkeiten fürs Publikum, sich zu beteiligen. Yoko Ono (*1933, Tokio), Grand Old Lady der avantgardistischen Kunstszene, Konzeptkünstlerin avant la lettre, hat einen beeindruckenden Auftritt im Chipperfield-Bau. Kuratorin Mirjam Varadinis hat ihn zusammen mit Onos Freund Jon Hendricks gestaltet, die 89-Jährige selbst war aus der Ferne ihrer New Yorker Heimat daran beteiligt.
Das Schaffen der 1960er ist besonders gut vertreten – es ist ja auch so entscheidend und reich, dass sich von ihm aus fast das gesamte künftige Œuvre denken lässt, unabhängig von einer irgendwo in Zeit und Raum fest verankerten «Werkgeburt» oder Werkgestalt. «What the artist has to give is ideas», fordert die Künstlerin, die auf die Kraft des Geistes, der Gedanken als Kunstmaterial setzt. Da hustet es sanft aus einem Lautsprecher. Da gibt es, unerreichbar nah, Glasschlüssel, um die Himmel zu öffnen, oder das Loch im postkartengrossen Karton, um den Himmel dadurch zu sehen. Da ist der weisse Halbraum, in dem alles halb ist: Bücherregal, Teekanne, Damen- und Herrenschuh. Und da ist, Herzstück von Onos Kunst, das Künstlerbuch ‹Grapefruit›, 1964, mit seinen zahllosen poetischen Handlungsanweisungen, zauberhaft dadaistisch, anrührend absurd, schön. Eine Aufforderung, die Welt neu zu denken. Daraus liesse sich endlos zitieren, so Einleuchtendes wie die Aufforderung unter dem Titel «Painting to exist only when it’s copied or photographed»: «Let people copy or photograph your paintings. Destroy the originals.» Oder «Earth Piece»: «Listen to the sound of the earth turning.» Dank ihrer radikalen Wandelbarkeit erweist sich Onos Kunst als von geradezu brennender Aktualität. Wenn nur auch die Wirkung annähernd so gross wäre wie die Aktualität, möchte man resigniert anmerken …
«Ergebt euch dem Frieden», wird Yoko Ono zitiert («Surrender to Peace», 1982), und der Film, der ihr ‹Bed-in› für den Frieden mit John Lennon festhält, fehlt auch nicht, ebenso wenig das berühmte ‹Cut Piece›, das man besser nicht rein feministisch deutet. Eindeutig ist da gar nichts, einzig, dass es um eine Form der Entblössung und des Teilens geht, die etwas Verletzliches hat – für beide Seiten. 

Until 
29.05.2022

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