Editorial — Von den unentbehrlichen Fenstern zur Welt

TITELBILD · Katharina Grosse · Ohne Titel, 2009 (Ausschnitt), Acryl und Erde auf Leinwand, 201 x 135 cm © ProLitteris. Foto: Olaf Bergmann

TITELBILD · Katharina Grosse · Ohne Titel, 2009 (Ausschnitt), Acryl und Erde auf Leinwand, 201 x 135 cm © ProLitteris. Foto: Olaf Bergmann

Editorial

Editorial — Von den unentbehrlichen Fenstern zur Welt

Sprechen wir doch einmal über Malerei. Nicht über die abgenutzte Mär von ihren zahlreichen Nahtoden und Wiederbelebungen, sondern darüber, was uns dieses uralte künstlerische Medium geben kann, immer noch, immer wieder. Als grosse Verführerin bietet uns gegenständliche Malerei Zugang zu Welten, in die wir gerne staunend eintauchen. Manchmal finden wir dort einen Spiegel vor, der auf die Realität zurückweist – so etwa, wenn Tschabalala Self den Blick auf Schwarze Körper ins Bild rückt. Manchmal wiederum behauptet sich im «Bildfenster» eine Surrealität, die verblüfft und verzückt, wie bei Francisco Sierra, oder die fesselnde Irritation auslöst, wie bei Louisa Gagliardi. Bei ihr stellt sich zudem die Frage, welchem Medium digital «gemalte» Bilder, die auf PVC gedruckt sind, zuzuordnen sind. Doch auch das konnte die Malerei immer schon gut: ihre Grenzen weiten.
Subtiler, aber am Ende ebenso deutlich, zeigt sich die Kraft der Malerei dann, wenn sie über sich selbst spricht – in der Abstraktion. Das ist bei Pia Fries im Kunsthaus Baselland zu erleben, oder bei Katharina Grosse. Die deutsche Künstlerin, die mit ihren «Farbräumen » weltweit Erfolge feiert, präsentiert im Kunstmuseum Bern für einmal schlicht Gemälde. Gelegentlich sind die Leinwände zerschnitten oder neuerdings Objekte darauf montiert, doch faszinierend ist vor allem dieser sichtlich unermüdliche Drang, Farbe immer wieder anders mit Farbe in Beziehung zu setzen. Das entfacht Neugier, verlangt ein Einfühlen in die Schichten des Bildes und die zugrundeliegende Gestik der Malerin. Und immer wieder berührt plötzlich die bildnerische Schönheit. «Prototypen der Imagination» nennt Grosse ihre Werke. Vielleicht gilt das für alle Malerei. Vielleicht bleibt sie deshalb zu jeder Zeit unentbehrlich.

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