Christine Streuli — Malen als Akt der Verkörperlichung

Lange Arme, kurze Beine (Detail), 2020, Mixed Media direkt auf Wand und Leinwand, 550 x 2301 cm, Courtesy Galerie Mark Müller, Zürich, und Sfeir-Semler Gallery, Hamburg/Beirut, und die Künstlerin. Foto: David Aebi

Lange Arme, kurze Beine (Detail), 2020, Mixed Media direkt auf Wand und Leinwand, 550 x 2301 cm, Courtesy Galerie Mark Müller, Zürich, und Sfeir-Semler Gallery, Hamburg/Beirut, und die Künstlerin. Foto: David Aebi

Lange Arme, kurze Beine (Detail), 2020, Mixed Media direkt auf Wand und Leinwand, 550 x 2301 cm, Courtesy Galerie Mark Müller, Zürich, und Sfeir-Semler Gallery, Hamburg/Beirut, und die Künstlerin. Foto: David Aebi

Lange Arme, kurze Beine (Detail), 2020, Mixed Media direkt auf Wand und Leinwand, 550 x 2301 cm, Courtesy Galerie Mark Müller, Zürich, und Sfeir-Semler Gallery, Hamburg/Beirut, und die Künstlerin. Foto: David Aebi

Lange Arme, kurze Beine (Detail), 2020, Mixed Media direkt auf Wand und Leinwand, 550 x 2301 cm, Courtesy Galerie Mark Müller, Zürich, und Sfeir-Semler Gallery, Hamburg/Beirut, und die Künstlerin. Foto: David Aebi

Lange Arme, kurze Beine (Detail), 2020, Mixed Media direkt auf Wand und Leinwand, 550 x 2301 cm, Courtesy Galerie Mark Müller, Zürich, und Sfeir-Semler Gallery, Hamburg/Beirut, und die Künstlerin. Foto: David Aebi

Artist_Proof_02 (Detail), 2019/2020, Tapete, Digitaldruck auf Blueback Paper, 305 x 2102 cm, Courtesy Galerie Mark Müller, Zürich, und Sfeir-Semler Gallery, Hamburg/Beirut, und die Künstlerin

Artist_Proof_02 (Detail), 2019/2020, Tapete, Digitaldruck auf Blueback Paper, 305 x 2102 cm, Courtesy Galerie Mark Müller, Zürich, und Sfeir-Semler Gallery, Hamburg/Beirut, und die Künstlerin

Lange Arme, kurze Beine, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Thun, 2020. Foto: David Aebi

Lange Arme, kurze Beine, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Thun, 2020. Foto: David Aebi

Grotesk, 2004, Mixed Media auf Leinwand, 240 x 190 cm, Courtesy Sammlung Steinrich Sultier. Foto: David Aebi

Grotesk, 2004, Mixed Media auf Leinwand, 240 x 190 cm, Courtesy Sammlung Steinrich Sultier. Foto: David Aebi

Christine Streuli. Foto: Jens Nober, Museum Folkwang Essen

Christine Streuli. Foto: Jens Nober, Museum Folkwang Essen

Fokus

Seit rund zwanzig Jahren spinnt Christine Streuli an einem malerischen Œuvre, das unsere visuelle Kultur vielschichtig reflektiert und befragt – bunt, opulent, lustvoll. Eine Retrospektive auf kleinem Raum im Kunstmuseum Thun pointiert ihr Spiel mit dem Verhältnis von Original und Kopie und lässt neue Entwicklungen in ihrer Malerei sichtbar werden.

Christine Streuli — Malen als Akt der Verkörperlichung

Das Auge weiss nicht recht, wie ihm geschieht angesichts dieser Gemälde. Es wird verführt und stellt etwas beschämt fest, dass es dem Charme der fröhlichen Farben und Muster ebenso erliegt wie der handwerklichen Raffinesse, mit der die verschiedensten Bildelemente, abstrakte und gegenständliche, zeichenhafte und zeichnerische, modulare und «freie», ineinander verwoben sind. Die Frage, ob man sich in post-postmoderner Zeit solcher Koketterie noch hingeben darf, wird jedoch rasch zum Schweigen gebracht von der Dringlichkeit, die von Christine Streulis Malerei ausgeht: Furios und farbstark überbordend, ungestüm und irgendwie rastlos, unverfroren und, ja, weltgewandt sind diese Leinwände, mit denen sich die Schweizer Künstlerin schon kurz nach Abschluss ihres Kunststudiums vor knapp zwanzig Jahren einen Platz im internationalen Kunstgeschehen erobert hat. Quasi im Zeitraffer lässt uns eine kleine, feine Retrospektive im Kunstmuseum Thun die Stationen von jenen Anfängen bis heute mitverfolgen: Die komprimierte Überblicksschau, in drei Sälen des herrschaftlichen alten Hotelbaus untergebracht, bestreitet Streuli nonchalant mit einer Kombination von wenigen frühen und neuen Gemälden sowie ­eigenwilligen Reproduktionen ihrer eigenen Malereien. Keinesfalls als Notbehelf zu deuten, ist dieses Spiel mit Original und Kopie eine wiederkehrende Methodik im Repertoire der Künstlerin, die unaufhörlich die Möglichkeiten ihres Mediums auslotet und ihm virtuose Ausdrucksformen im Grenzgang zwischen malerischen Ismen, popkulturellen Gesten und Kitsch entlockt.

High und Low, damals und heute
‹Lange Arme, kurze Beine›, nennt Streuli ihre Präsentation in Thun und verweist damit auf die Tatsache, dass ihr Metier für sie stets auch das Ringen mit der Physis der Mittel ist. «Malen ist Begegnung und Anteilnahme, um Kopf und Kragen, mit Armen und Beinen», formuliert sie im Begleittext. Aus ihrem Berliner Studio schreibt sie mir, dass damit auch das Ringen um vorbehaltlose Hingabe an die Malerei gemeint ist, deren technische Klaviatur zwischen Pinsel, Rakel, Airbrush und Abklatschverfahren sie souverän beherrscht; deren Historie sie ebenso bewusst im ­eigenen Tun reflektiert, wie sie Versatzstücke aus unserer visuellen Kultur integriert – um daraus etwas genuin Eigenes entstehen zu lassen.
Seit vielen Jahren sammelt Streuli Bilder und Muster, die ihr in der Welt begegnen, solche, die sie anziehen und faszinieren, ebenso wie störende, die ihr disharmonisch scheinen. Abgelegt in Ordnern, welche die Künstlerin wiederholt durchforstet, findet das eine oder andere zuweilen Eingang in ein Gemälde, das sie zwar mit einem Konzept, aber stets ohne Skizze oder Vorzeichnung in Angriff nimmt. Der von ihren künstlerischen Ahnen gehegte Wunsch, die Grenzen zwischen Kunst und Alltag, zwischen High Art und Low Art zu verwischen, spielt für Streuli aber keine Rolle mehr. Längst habe ihre Generation die Low Art in die High Art eingespeist, sagt sie. «Ich glaube eher, dass es in der kommenden Generation von Kunstschaffenden darum geht, mit dieser kritiklosen Verwischung und der konstanten Überforderung umzugehen.»

«Heimelige» Reproduktionen?
Verwischung und Überforderung – Streuli scheint sich dafür entschieden zu haben, beides auf die Spitze zu treiben. Verwischung passiert etwa auch in der aktuellen Ausstellung, wenn ihre eigenen Werkreproduktionen vehement einen gleichwertigen Platz neben den verhältnismässig wenigen Originalen einfordern – eine Forderung, die in Zeiten von Corona, da der Kulturhunger mit virtuellen Ausstellungserlebnissen abgespeist werden muss, neue Relevanz erhält: An einer langen Wand sind salonartig «gehängt» kleinformatige Arbeiten aus einem Zeitraum von 2002 bis heute präsentiert – nicht chronologisch geordnet, finden sich neben den verschiedenen Spielformen von Streulis «Bildwucherungen» auch Beispiele der stilllebenartigen ‹Fusion Food›-Serie, der ‹Erholungsgebiete› im Vintage-Postkarten-Stil oder der kritisch-frech übermalten Medienbilder aus der Zeit nach 9/11. Auf den ersten Blick täuschend echt, entpuppt sich die Auslage beim Nähertreten als Retrospektive in Form einer gedruckten Tapete.
Tapeten, die Streuli schon mehrmals mit selbst kreierten Mustern in Dialog zu ihren Gemälden gesetzt hat, gelten generell als Inbegriff des spiessbürgerlich «Heimeligen». Sie passen zu den mauerartig getürmten Kissen mit handgehäkelten Bordüren im Eingangsbereich der Schau, die Streuli 2015 für das Jubiläum ihrer Galerie Sfeir-Seimler angefertigt hat. Gerne würde man in den Kissen wühlen, denn auf jedem ist frontseitig ein Werk von Streuli aufgedruckt, während ein Stoff aus der Kollektion der Künstlerin die Rückseite ziert. Doch Umschichten ist nicht erlaubt, die Form der Mauer ist gegeben in Anlehnung an die Sandsack-bewehrten Grenzwachposten im Libanon, wo Sfeir-Seimler nebst Hamburg einen Standort hat. So hält uns das reproduzierte Kunstwerk – nur scheinbar bequem greifbar gemacht als Kissen – auf Distanz, und ebenso wie an der glatten Oberfläche des Tapetenbildes rutscht der Blick hier schliesslich ab. Der vielfältig verfügbaren Reproduktion mangelt es – das ist nicht neu, aber hier wieder deutlich spürbar – an sinnlicher Qualität.

Unerschrocken raumgreifend
Tapete und Kissen sind gleichzeitig auch als Methoden der «Überforderung» erkennbar, als Instrumente von Streuli, um das Ungestüme ihrer Leinwände, wie so oft, auch auf den Raum übergreifen zu lassen: Früh schon hat sie Gemälde am Boden installiert oder direkt auf Boden und Wand gemalt. Unvergessen ist die farbige Wucht, mit der sie 2007 den Schweizer Pavillon in Venedig mit einer Kombination aus Wand malerei, Bildern und Monotypien erblühen liess. Auch in Thun sind die Wände in Beschlag genommen, teils orange bemalt. Vor allem aber wird eine Serie neuer Werke im grossen Ausstellungsraum von gigantischen, auf Klebefolie geplotteten Pinselspuren überzogen. Fast schmerzhaft anzusehen ist das frivole Stelldichein von Handwerk und Industrieprodukt: Noch selten hat jemand derart unerschrocken die uns verinnerlichten Bewertungsmechanismen von Original und Kopie auf den Punkt gebracht.

Kampf ums Gegenüber
Lenkt man seine Aufmerksamkeit dann auf die Werke, die unter den grossen, aufgeklebten Pinselgesten hervorlugen, erkennt man die Veränderung, die Streulis Schaffen in den letzten zwei, drei Jahren vollzogen hat: Muster, Figuren und Rapporte sind nun keine mehr zu sehen, die Farbe explodiert scheinbar unkontrolliert, triefend und fliessend auf den violett grundierten Leinwänden. «Das Handwerk kam mir in die Quere», kommentiert die Künstlerin diese Entwicklung. Nach all den Jahren, in denen sie die Fertigkeit im Umgang mit den verschiedenen malerischen Möglichkeiten perfektioniert habe, stellte sich plötzlich die Frage: «Wie weiter, wenn ich genau weiss, wie ich etwas ausführen kann?» Die erste Antwort darauf lieferte sie 2017 mit den ‹Warpaintings›, wobei der Titel der Serie nicht nur dem Camouflage-Muster geschuldet ist, das hier in Signal- statt Tarnfarben auftritt und zusehends in freien Farbverläufen aufgelöst wird. Der Begriff sei auch wörtlich für den inneren Kampf zu lesen, den die Künstlerin mit ihren eingefleischten Malprozessen führen musste.
Es bleibt die Frage, was Streuli antreibt, diesen Kampf bis heute weiterzuführen. «Ich kämpfe dafür, dass uns Menschen Begegnungen mit Kunstwerken erhalten bleiben, dass wir nach wie vor und physisch an ein Gegenüber herantreten können und sinnliche und geistige Erfahrungen sammeln können», sagt Streuli. Was klingt wie ein Aufschrei in Zeiten des kulturellen Lockdown, ist in Wahrheit eine Art künstlerisches Manifest einer Malerin, die seit zwanzig Jahren Bilder schafft, an denen der Blick Haftung findet, Reibung auch, wenn er sich verführen lässt zum Eintauchen in diese komplexe Schichtung visueller Möglichkeitsräume.

Deborah Keller ist Redaktorin des Kunstbulletins, freie Kunstkritikerin und Kuratorin. keller@kunstbulletin.ch

→ ‹Christine Streuli – Lange Arme, kurze Beine›, Kunstmuseum Thun, bis 12.7.; mit zweisprachigem Katalog (D/E), Termin für Buchvernissage und Werkgespräch mit Christine Streuli folgt ↗ www.kunstmuseumthun.ch

Until 
12.07.2020

Christine Streuli (*1975, Bern), lebt und arbeitet seit 2008 in Berlin
1997–2001 Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) & Universität der Künste Berlin (UdK)
Seit 2015 Professur Universität der Künste Berlin (UdK)

Einzelausstellungen (Auswahl)
2020 ‹Lange Arme, kurze Beine›, Kunstmuseum Thun
2017 ‹Fred Thieler Preis für Malerei – Christine Streuli›, Berlinische Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Berlin
2013 ‹Nonstoppainting›, Haus am Waldsee, Berlin; ‹Revolution›, Kunstmuseum Luzern
2008 ‹fusion food›, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2007 ‹Colour_Distance›, Schweizer Pavillon, Biennale Venedig (parallel zu Yves Netzhammer); ‹Christine Streuli / Bruno Jakob›, Kunsthaus Langenthal
2005 ‹Bekanntmachungen/Bilderstreit›, Kunsthalle Zürich

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Frozen Gesture›, Kunstmuseum Winterthur
2014 19th Biennale of Sidney
2009 ‹Boden und Wand / Wand und Fenster / Zeit›, Helmhaus, Zürich
2008 Art Unlimited | Art Basel

Exhibitions/Newsticker Dataordinamento crescente Tipo Località Paese
Lange Arme, kurze Beine da 29.02.2020 a 12.07.2020 Ausstellung Thun
Schweiz
CH

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