Sammlerstücke — Küssen bitte! Küssen!

Johann Heinrich Füssli · Die Vision des Dichters, 1806/07, Öl auf Leinwand, 61,5 x 46 cm, Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte. Foto: Philipp Hitz/SIK-ISEA

Johann Heinrich Füssli · Die Vision des Dichters, 1806/07, Öl auf Leinwand, 61,5 x 46 cm, Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte. Foto: Philipp Hitz/SIK-ISEA

Fokus

Ob die Vision des Dichters, die der Maler Johann Heinrich ­Füssli 1806/07 in London schuf, auch im Sinne eines Dichters wäre, der sich von seiner Muse Lorbeer wünscht? Genauer besehen könnte sich die feierliche Krönung des Poetenhauptes hier auch leicht als ein böser Schabernack entpuppen. 

Sammlerstücke — Küssen bitte! Küssen!

Obwohl ich nun schon seit bald vierzig Jahren täglich dichte, habe ich doch noch nie davon geträumt, dass eine Muse herbeifliegt und mich küssen oder mir einen Lorbeerkranz auf den Schädel setzen wollte. Das mag seinen Grund darin haben, dass ich auch noch nie mit einer Lyra zu Bett geschlüpft bin. Habe ich nachts Visionen, die mit meiner Schreibarbeit zu tun haben, dann geht es darin meist um verpasste Termine oder abgelehnte Manuskripte, um zähnefletschende Redaktoren und Korrektoren mit Rotstiften, die wie Splitterbomben über meinen Sätzen explodieren. Es geht um die Scham unverschämter Ansprüche, um Ungenügen und Unbehagen in jeder Kultur. Würde sich tatsächlich eine Muse in dieses Kriegsgebiet vorwagen, ich würde sie wahrscheinlich für einen feindlichen Geist halten und mit giftiger Tinte nach ihr spritzen. Das könnte allerdings ein weiterer Grund sein, warum die Töchter von ­Mnemosyne und Zeus nie bei mir auftauchen: Vielleicht hocken sie vereint in der Waschküche und sind vollauf damit beschäftigt, sich die Sepia aus der Toga zu spülen.
Johann Heinrich Füssli (1741, Zürich bis 1825, Putney/London) hat sich so ein Schreiberleben und vor allem Schreiberträumen anscheinend etwas anders vorgestellt. In seiner ‹Vision des Dichters› ist der Poet in seinem malvenfarbigen Schlafgewand so weggenickt, dass sein entblösster Hals geradezu danach schreit, geküsst zu werden. Durchaus zum Entzücken der Erscheinung, nennen wir sie Muse, die sich aus dem Nichts der Nacht über ihm materialisiert, mit gewaltiger Nase und rot leuchtenden Lippen, die ihr vor Begeisterung leicht verschoben im Gesichte stehen. Geführt von einem dicken Arm krabbelt ihre Rechte, einer bleichen Spinne ähnlich, über die rote Lehne der Liege auf die Harfe zu, die der Schreiber wie eine Geliebte vor der Brust hält. Wird der Zeigefinger gleich ein Tönchen aus den Saiten zupfen, eine Lobeshymne erklimpern? Entschieden streckt die lustige Lady derweil mit der Linken einen Lorbeerkranz über dem Haupt des Dichters aus, dem im Vorgefühl seines Glücks schon mal die Schlafmütze von der Stirne gerutscht ist. Nicht aber das Haarnetz! Ob das würdig ausschauen wird, so eine krautige Krone auf einem Spitzenhäubchen?
Vielleicht ist das der Grund für die fiese Freude des Fräuleins, das sich als Mäuschen im Schatten der Muse über die Schlafstatt des Dichters beugt? Auch ihr Händchen krabbelt bereits gierig auf den Poeten zu. Ihr Blick lässt nichts Gutes erahnen? Könnte es sein, dass hier gleich ein Dichter zum Dödel wird? Armer Kerl!
Ich werde für meinen Teil also wohl auch künftig lieber ohne Lyra zu Bette gehen.

Samuel Herzog, Textbauer, Inselbauer, Schüttsteinschreiber. info@samuelherzog.net

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