Bruce Conner — Schönes Schaudern

Bruce Conner · Crossroads, 1976, 35-mm-Film, s/w, Ton, 37’, Musik: Patrick Gleeson U Terry Riley, Restaurierung: UCLA Film & Television Archive, Courtesy Kohn Gallery u. Conner Family Trust © ProLitteris

Bruce Conner · Crossroads, 1976, 35-mm-Film, s/w, Ton, 37’, Musik: Patrick Gleeson U Terry Riley, Restaurierung: UCLA Film & Television Archive, Courtesy Kohn Gallery u. Conner Family Trust © ProLitteris

Jerry Burchard · Bruce Conner in His Studio, ca. 1958–59, Courtesy The Estate of Jerry Burchard © ProLitteris

Jerry Burchard · Bruce Conner in His Studio, ca. 1958–59, Courtesy The Estate of Jerry Burchard © ProLitteris

Besprechung

Das Museum Tinguely zeigt das aussergewöhnliche ­Filmmaterial des Künstlerpioniers Bruce Conner, der historische Ereignisse ungewohnt ins Bild rückte und eine neue Ästhetik anstrebte. Seine Medienkritik ist erschütternd – ebenso die Ambivalenz seiner Bilder zwischen Sinnlichkeit und Grausamkeit.

Bruce Conner — Schönes Schaudern

Basel — Eine neue Perzeption von Wirklichkeit strebte der US-Amerikaner Bruce Conner (1933–2008) an.  Seine Filme sind avantgardistische Zusammenschnitte einzelner starker Bildsequenzen in Schwarz-Weiss, die einerseits brutale Szenen zeigen und andererseits eine visuelle Ästhetik erzeugen. Conner war politisch. Er war Anarchist, legte sich oft mit Ausstellungsinstitutionen an. Er appellierte gegen Krieg und Gewalt. Er arbeitete für mehr Menschlichkeit.
Sein Werk ‹Crossroads›, 1976, zeigt Atomwaffentests im pazifischen Bikini-Atoll. Die USA führten hier 1946 gross angelegte Unterwassersprengungen von Kernwaffen durch und zerstörten damit ein Paradies. Die Archivbilder dieser  Explosion sind gigantisch. Conner kombinierte die in vielen, perspektivisch unterschiedlichen Kameraeinstellungen aufgenommenen Filmausschnitte mit synthetisch generierten Klängen, die zwar die Explosionsgeräusche nachzuahmen scheinen, gleichzeitig aber für eine diffuse Entfremdung sorgen. Die Botschaft ist sublim. Der emotionale Zugang unmittelbar. Eine riesige pilzartige Wolke bricht aus dem Meer empor. Sie sprengt jede Vorstellungskraft. Die freigesetzte Energie ist beeindruckend und erschreckend zugleich. Wir fragen uns, wozu Menschen noch fähig sind. Es tut weh.
Der eher ruhige Duktus dieser grossformatigen Bildprojektion kontrastiert mit den rasant hintereinander ablaufenden Bildern in anderen Filmen. White Frames. Black Frames. Cut. Bruce Conner versteht sein Handwerk und vereint dieses mit ­einem hohen Mass an Vision und Entwicklungspotenzial. Die Dynamik in seinen Bildern scheint beinahe greifbar. Es geht nicht mehr um eine blosse Sinngenerierung. Es geht vielmehr um eine Loslösung davon und eine Bewegung hin zu einer nur sinnlichen, assoziativen Ordnung. Malerische Bildkontraste öffnen zusammen mit einer innovativen Vertonung eine Tiefe, deren Spannung sich in einem intensiven Dialog aus Nähe und Distanz, Mikro und Marko, Intimität und Bigger Picture offenbart. Bilder eines wilden, dramatischen Autorennens wechseln sich ab mit der Aufnahme einer in Dessous gekleideten, sich erotisch bewegenden Frau. Ein Soldat drückt einen Auslöser. Wieder geht eine Bombe hoch. Conners Filme wirken stets klar konzipiert und vermitteln zugleich ein Gefühl von intuitivem Vorgehen. Der Künstler hat einen Blick für das Detail im Ganzen und umgekehrt, für die Brüche im Homogenen, die er als Ereignisse in einen gesellschaftlich-historischen Kontext einordnet. 

Until 
28.11.2021
Exhibitions/Newsticker Data Tipo Località Paese
Bruce Conner — Light out of Darkness da 05.05.2021 a 28.11.2021 Ausstellung Basel
Schweiz
CH

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