Camillo Paravicini — Zwischen Kunsthistorie und Nonchalance

Bidule pour Talou VII, 2021, Öl auf Holz in Holzrahmen, 60 x 50 cm

Bidule pour Talou VII, 2021, Öl auf Holz in Holzrahmen, 60 x 50 cm

Improvisation mit Sportsocke, 2020, Öl auf Holz in Holzrahmen, 60 x 50 cm

Improvisation mit Sportsocke, 2020, Öl auf Holz in Holzrahmen, 60 x 50 cm

Hart, aber fair, 2021, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur

Hart, aber fair, 2021, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur

Foto: Michael Scherer

Foto: Michael Scherer

Denkmal, 2018, Beton, Eisen, Chromstahl, 194 x 51 x 50 cm

Denkmal, 2018, Beton, Eisen, Chromstahl, 194 x 51 x 50 cm

Fokus

Die mit dem Manor Kunstpreis einhergehende Ausstellung ‹Hart, aber fair› im Bündner Kunstmuseum ist die erste ­grosse institutionelle Schau von Camillo Paravicini. Ein Anlass, sich den Künstler und sein bisheriges Schaffen genauer anzusehen. Und angesichts seiner Werke in ein mehrdeutiges kunsthistorisches Referenzsystem einzutauchen. 

Camillo Paravicini — Zwischen Kunsthistorie und Nonchalance

Er möge Kunst, die sich nicht sofort einordnen lässt, erzählt mir Camillo ­Paravicini in seinem Atelier in Basel. Diesen schelmisch-verschmitzten Ansatz verfolgt der Künstler auch in seinem eigenen Schaffen. So unterwandert er in der Ausstellung ‹Hart, aber fair› im Bündner Kunstmuseum Chur Konventionen auf subtile Weise und fordert das Publikum zu genauem Beobachten auf. Die gezeigten Gemälde und die Ausstellungspräsentation sind gleichermassen Teil eines konzeptuellen Gesamtkunstwerks. Dazu später mehr.
Paravicini adressiert nicht nur die Betrachtenden, sondern thematisiert mit der Kunst auch seine eigene Position im Kunstsystem sowie den Kunstschaffenden in der Gesellschaft. Dabei sind wechselnde Blickwinkel wichtige Aspekte seiner Herangehensweise. Sich nicht allzu wichtig zu nehmen, scheint zudem die ­Geheimzutat des Bündners zu sein. Es reizt ihn, strukturelle Vorgaben als Akteur von innen heraus zur Diskussion zu stellen. Das können Themen aus dem Bereich des Kunstbetriebs sein, des handwerklichen Know-hows oder der Vorstellung des kreativen Künstlergenies. Paravicinis künstlerische Umsetzung ist dabei nie plakativ, sondern differenziert und zugleich kunsthistorisch verwurzelt. Ein ebenso fundiertes Hintergrundwissen scheint daher vonnöten zu sein, um die unterschiedlichen Ebenen und Implikationen seiner Kunst zu begreifen. Aber muss man immer alles verstehen? Nein, findet Paravicini. Es ist ihm wichtig, dass seine Werke zugänglich sind und auch einfach genossen werden können – wie gute Musik. Dennoch: «Meine Kunst soll auf den ersten Blick unkompliziert sein, darf aber bei eingehender Betrachtung gerne eine Komplexität entwickeln.» Das ist der Punkt, an dem es anfängt, spannend zu werden. Dazwischen erscheint alles leicht kryptisch und schräg.

Von Zitaten, Techniken und guten Geschichten
Schräg mutet beispielsweise das dunkle, organisch geformte, aber undefinierbare «Ding» im Gemälde ‹Bidule pour Talou VII›, 2021, an, aus dessen Innerem Rauch aufsteigt. Oder ist es Dampf? Gedampft haben mag es zumindest aus dem Überseefrachter, der im Roman ‹Impressions d’Afrique› von Raymond Roussel kenterte. Die fiktive Erzählung der schiffbrüchigen Akrobaten, Wissenschaftlerinnen und Erfinder, die vom afrikanischen Herrscher Talou VII gefangen genommen wurden, war für Paravicini, wie schon für zahlreiche Kunstschaffende der Moderne und der Gegenwart, eine Inspirationsquelle, aus der er in seinem eigenen Werk neue Geschichten entwickelte. Während hier das bildnerische Motiv ein Mysterium bleibt, wird in ‹Improvisation mit Sportsocke›, 2020, das gemalte Objekt klar benannt. Der  Werktitel erinnert an Wassily Kandinskys Improvisationsserie oder an beschreibende Titel, wie sie in der niederländischen Stilllebenmalerei auftauchen. Beide Gemälde hat Paravicini in der klassischen Technik mit Ölfarbe auf Holz gemalt. Sie sind derzeit im Bündner Kunstmuseum in Chur in der Ausstellung zum Manor Kunstpreis 2021 zu sehen.
Die übergrossen Rahmen der Bilder werden formal von der Skulptur ‹Bank›, 2021, aufgenommen. Diese lädt als räumliche, graue, kubische Struktur dazu ein, sich hinzusetzen und Kunst zu betrachten sowie sich mit anderen Kunstinteressierten auszutauschen. ‹Bank› beinhaltet mittig ein steinernes Beet mit vertrockneten, schilfähnlichen Gräsern und Halmen. Machen die toten Pflanzen das Ausstellungssetting zu einer «Nature morte»? Und wenn wir uns dort niederlassen, werden wir grad Teil davon? Mag das gar eine Anspielung auf unsere eigene Vergänglichkeit sein?
Das Verhältnis von Mensch und Natur, das hier angklingt, hat Paravicini etwa auch in einer Aussenskulptur 2018 thematisiert. Vögel von sich fernzuhalten, scheint das erklärte Hauptziel von ‹Denkmal› mit seinen vertikal abstehenden Metallstäben. Doch dieser ironische Seitenhieb an unseren Umgang mit unliebsamen «Mitnutzern» des öffentlichen Raums ist nur eine Ebene des brutalistischen Objekts. Die implizierte Aufforderung im Titel regt auch dazu an, über die Rolle des Monuments nachzudenken, und steigt damit in die aktuelle gesellschaftspolitische Debatte um Sichtbarkeit und Kontextualisierung von Denkmälern im öffentlichen Raum ein.

The Struggle Is Real
In einer Arbeit von 2011 reflektiert Paravicini seine eigene Rolle als installativer Künstler: In einem grossen, leeren Raum versucht er ein Minimal-Art-Objekt in die ideale Position zu rücken. Die endlose Suche nach der optimalen Positionierung wird zum realen Kampf. ‹Manuela sah mich lange und nachdenklich an›, 2011, heisst die Videoarbeit, die einerseits die zutiefst gefürchtete, aber menschliche Möglichkeit des Scheiterns und Versagens thematisiert. Vor allem aber entlarvt sie humorvoll-kritisch den Topos vom stets kreativen und produktiven Künstlergenie. Mit diesem Ansatz – so die Autorin Jana Bruggmann in der Publikation zur Ausstellung – breche Paravicini mit einer tradierten Erwartungshaltung des Publikums und lasse sich innerhalb der jüngeren Schweizer Kunst mit Grössen wie Fischli/Weiss, Dieter Roth oder Markus Raetz in Bezug setzen.
Zurück nach Chur in die Ausstellung. Der eigens für die Rauminstallation verlegte Bodenteppich dämpft die Klänge und erzeugt eine fast wohnliche Atmosphäre. Und dennoch, das Gefühl, dass irgendetwas komisch – ja, schräg – ist, lässt einen nicht los. Sind es die sonderbaren Gestalten in den Gemälden, die uns beobachten, das formale Zitat einer historischen Gemäldegalerie oder Paravicinis Schmunzeln, mit dem er die Ausstellung konzipiert hat? Eines ist sicher, der Künstler provoziert und stellt unsere Sehgewohnheiten in Frage.
Wachsendes Universum
‹Über alles im Bilde› lautet der augenzwinkernd ambitionierte Titel der Monografie, die im Rahmen der Ausstellung zum Manor Kunstpreis erschienen ist. Im handlichen, leinengebundenen Buch werden wir in einem Gespräch zwischen Camillo Paravicini und dem Kurator Damian Jurt durch das bisherige Schaffen des Künstlers geführt. Weitere Ansätze bringen die Textbeiträge von fünf Autorinnen und Autoren ein. Informativ, persönlich, unterhaltsam und mit vielen Einblicken in das ­Œuvre des Künstlers, ist die Publikation mehr als gelungen. Über jedes Detail wird man in Bezug auf Camillo Paravicini auch nach dieser Lektüre – hoffentlich – dennoch nicht im Bilde sein. Denn sein Schaffen ist ein Universum, das erst am Entstehen ist. Es scheint lohnenswert, diesen sympathisch-eloquenten Zeitgenossen und kritisch-reflektierten Beobachter weiterhin im Auge zu behalten.

Die Zitate stammen aus einem Gespräch mit dem Künstler am 20. Mai 2021 in Basel oder aus dem Ausstellungskatalog.
Seraina Peer ist Kunsthistorikerin, lebt in Chur und Bern. seraina.peer@bluewin.ch

→ ‹Camillo Paravicini – Hart, aber fair›, Bündner Kunstmuseum Chur, bis 15.8.; ‹Camillo Paravicini –
Über alles im Bilde. Betrachtungen›, Vexer Verlag, 2021 ↗ www.kunstmuseum.gr.ch

Until 
15.08.2021

Camillo Paravicini (*1987) lebt in Basel
2011 MA Fine Art – Glasgow School of Art
2009 BA Fine Art – Écal Lausanne

Ausstellungen (Auswahl)
2021 ‹Hart, aber fair›, Bündner Kunstmuseum Chur; ‹Cockroach or Queen?›, Last Tango, Zürich
2020 ‹Zentral!›, Kunstmuseum Luzern; ‹Un Certain Regard›, Kunst Raum Riehen
2019 ‹Jahresausstellung›, Bündner Kunstmuseum Chur; ‹Alles Kneten›, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
2019 / 2014 / 2013 ‹Swiss Art Awards›, Basel
2018 ‹Camillo Paravicini›, Benzeholz, Meggen
2016 ‹Problems›, Harpe 45, Lausanne (mit Francisco Sierra)
2013 ‹30 IX – Jeune Art Suisse›, Bâtiment d’art contemporain, Genf
2011 ‹The Wonders of the Visible World›, Northern Gallery for Contemporary Art, Sunderland
2010 ‹Cleave Til Cloven›, Victor & Hester, Glasgow
 

Exhibitions/Newsticker Data Tipo Località Paese
Camillo Paravicini da 01.05.2021 a 15.08.2021 Ausstellung Chur
Schweiz
CH

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