Sabine Hertig — Home

Sabine Hertig · Landscape 18, 2020, analoge Collage auf Leinwand, 185 x 245 cm. Foto: Angelo A. Lüdin

Sabine Hertig · Landscape 18, 2020, analoge Collage auf Leinwand, 185 x 245 cm. Foto: Angelo A. Lüdin

Sabine Hertig · Landscape 19, 2020, analoge Collage auf Leinwand, 245 x 510 cm, Ausstellungsansicht Grimmwelt Kassel. Foto: Nils Klinger

Sabine Hertig · Landscape 19, 2020, analoge Collage auf Leinwand, 245 x 510 cm, Ausstellungsansicht Grimmwelt Kassel. Foto: Nils Klinger

Besprechung

Sabine Hertig schafft bildgewaltige Collagen, die aus der Distanz einem wogenden, unergründlichen Bildermeer gleichen und aus der Nähe betrachtet in ihre Einzelbilder zerfallen. Dia­logisierend mit dem Publikum fragen sie im Museum Grimmwelt nach unserem Umgang mit der täglichen Flut an Visuellem.

Sabine Hertig — Home

Kassel — So könnte die Welt nach einer Apokalypse oder nach einem Erdbeben aussehen: chaotisch, zerstückelt und voller Bedrängnis in Dunkel- und Grautöne getaucht. Gleichzeitig fühlt man sich an Bosch’sche Fegefeuer-Phantasmagorien erinnert. In den schwarz-weissen Wimmelbildern öffnen sich Abgründe, verschliessen sich wieder, und Wege aus dem Chaos in hellere Gefilde tun sich auf. ‹Landschaften› nennt Sabine Hertig (*1982, Basel) ihren Werkzyklus aus monumentalen Collagen. Sie baut sie aus Abertausenden von Bildfragmenten aus Zeitungen, Magazinen und Büchern auf. Wie sie sagt, malt sie mit Schere und Leim. Sie klebt die Schnipsel auf einem grau-hell-dunklen Bildgrund in mehreren Schichten in- und übereinander und sucht so nach einer malerischen Sprache. Die Einzelbilder entpuppen sich als ein Geflecht aus Leibern, Tieren und Gegenständen, aus Bilderrahmen und Tankstellen, Wohnaccessoires und Textilien. Kein Wunder, dass man immer wieder Neues entdeckt. Organische Formen bindet Hertig mitunter in architektonische Strukturen ein, um irgendwie einen Halt zu etablieren. Atmosphärisches erzeugt die Künstlerin mit den Hell-Dunkel-Kontrasten, die eine Tiefendimension zeitigen und die Bilder als Zeugen oder gar als Boten einer vergangenen Zeit deuten lassen.
Seit nunmehr zehn Jahren erforscht Sabine Hertig den unerschöpflichen Bilderfundus: «Es ist die Faszination am Bild an sich, die mich antreibt», sagt sie. «Es ist auch der Versuch, den historischen, archivierten Bildern wieder einen Wert zu geben, indem sie in ein neues Ganzes eingebunden und damit in eine Zeitgenossenschaft geführt werden.» Diese Absicht bringt sie in die Nähe zur umfassenden Archiv- und Sammelarbeit der Brüder Grimm, die die Kinder- und Hausmärchen veröffentlichten und das Deutsche Wörterbuch begannen.
Die Collagen ‹Landscape 13–19› sind in einem Raum einander gegenübergestellt. So werden verschiedene, ungewöhnliche, noch ungesehene Vorstellungen von Landschaft sichtbar. Bilden sie nun, wie es der Ausstellungstitel andeutet, eine «Heimat» oder fragen sie nach der Wirklichkeit, die wir zunehmend von der Bilderwelt nicht mehr unterscheiden können? Doch was ist Wirklichkeit, wenn uns gleichzeitig bewusst ist, dass das, was wir wahrnehmen, keine getreuen Abbildungen einer wie auch immer gearteten Wirklichkeit sind? Was wir sehen, ist aus neurobiologischer Sicht, etwa von Wolf Singer in ‹Iconic Turn›, 2004, formuliert, das Ergebnis komplexer Konstruktionen und Interpretationsprozesse unseres Gehirns.

Until 
26.09.2021

Werbung