Zilla Leutenegger — Zu Besuch in Zillas Raum-Universum

Zilla Leutenegger · Library, 2007, Installation mit Wandzeichnung, 1 Eames-Loungesessel, 1 Feuerstelle, Holzstücke, 1 Lampe, 1 Projektion (Farbe, Ton, 3’), Sammlung Goetz, Medienkunst, München

Zilla Leutenegger · Library, 2007, Installation mit Wandzeichnung, 1 Eames-Loungesessel, 1 Feuerstelle, Holzstücke, 1 Lampe, 1 Projektion (Farbe, Ton, 3’), Sammlung Goetz, Medienkunst, München

Zilla Leutenegger · The Dancer, 2020, Installation mit Frottage auf Wand und 5 Monotypien, Öl auf poliertem Chromstahlblech, je 120 x 60 cm, Courtesy die Künstlerin und Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Zilla Leutenegger · The Dancer, 2020, Installation mit Frottage auf Wand und 5 Monotypien, Öl auf poliertem Chromstahlblech, je 120 x 60 cm, Courtesy die Künstlerin und Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Besprechung

Zilla Leutenegger thematisiert Räume als einen zentralen ­Aspekt ihres Schaffens. Im Bündner Kunstmuseum zeigt sie räumliche Kompositionen, die von ihrer einzigartigen medialen Vielfalt charakterisiert sind. Sie sind Speicher von persönlichen Erinnerungen, Momenten des Alltags, Träumen und Ängsten.

Zilla Leutenegger — Zu Besuch in Zillas Raum-Universum

Chur — Zilla Leutenegger (*1968) bespielt die weite Ausstellungsfläche im Neubau des Bündner Kunstmuseums Chur multisensorisch und vereint Zeichnungen, Monotypien, Videos und Objekte zu virtuosen Installationen. Einige sind von Tönen umhüllt, die Atmosphären kreieren. So schafft ‹Piano legato› eine Kulisse von sanften Klavierklängen, die durch kurze Töne von ‹Piano staccato› ergänzt werden. Während Erstere durchgehend erklingen, werden Letztere durch einen Bewegungsmelder ausgelöst, wenn sich Besuchende dem Klavier nähern. In der Arbeit ‹Library› schafft das knisternde Feuer im Kamin neben einem gemalten Büchergestell ein heimeliges Ambiente, während die Silhouette von Leuteneggers Alter Ego im Schattenwurf eines realen Eames-Sessels mit den Fussspitzen wippt. Unheimlicher wird es auf der anderen Seite des Ausstellungsraums, wo ein Wasserhahn stetig tropft und der ‹ZillaGorilla› verängstigt weinend in einem dunklen, nicht betretbaren Raum zu hören ist.
Auf überraschende und geniale Weise kristallisieren sich Interaktionen zwischen einzelnen Werken und dem Publikum heraus. Ein überaus gelungenes Beispiel ist  das Werk ‹The Dancer›, das aus fünf Monotypien auf Chromstahlblech und einer an der Wand vis-à-vis angebrachten roten Frottage besteht, die in der Spiegelung zum Tanzboden wird. Je nach Perspektive wird auch der gemusterte Boden aus der Videoarbeit ‹Der lange Gang› plötzlich zur Bühne für Leuteneggers tanzendes Alter Ego.
Der umfangreichen Werkschau liegt die Idee eines Hauses mit verschiedenen Räumen zugrunde. Dieser Ansatz widerspiegelt sich in Werktiteln wie ‹Mondzimmer›, ‹Paps Werkstatt› oder ‹Bagno verde› – eine Referenz auf Alberto Giacomettis grünes Badezimmer. Der Ausstellungstitel ‹Espèces d’Espaces› ist dem gleichnamigen Buch von Georges Perec entlehnt, wo der Begriff des Raums experimentell beschreibend ausgeweitet wird – vom Blatt Papier über das Mietshaus bis zur Welt. Was beim französischen Autor die Sprache ist, ist bei Leutenegger die Kunst, mit welcher sie Beobachtungen, Erinnerungen und Gefühle präzise auszudrücken vermag. Mit ihrer künstlerischen Orchestrierung erschafft Leutenegger reale Räume und Universen der Fantasie, die zwischen Alltäglichkeit und Poesie oszillieren. Die Werke sind Einladungen zum Träumen und Rätseln, um innezuhalten und sich auf sich selbst und seine eigenen Räume zu besinnen. Zur Ausstellung erscheint Anfang Juli eine umfangreiche Publikation. 

Until 
01.08.2021

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