Franz Gertsch — Ein Raum in Ultramarin

Franz Gertsch · Blauer Waldweg (Campiglia Marittima), 2021, Eitempera auf ungrundierter Baumwolle, 180 x 263 cm. Foto: Dominique Uldry

Franz Gertsch · Blauer Waldweg (Campiglia Marittima), 2021, Eitempera auf ungrundierter Baumwolle, 180 x 263 cm. Foto: Dominique Uldry

Besprechung

Blau und monumental, so präsentiert sich aktuell der Hauptsaal im Museum Franz Gertsch. Der Namensgeber des Hauses ist seit 2019 in seinem Alterswerk in eine neue «blau-ultramarine Phase» eingetreten – ein lang gehegter Wunsch und eine neue Form der monochromen Malweise, wie er im Gespräch erläutert.

Franz Gertsch — Ein Raum in Ultramarin

Burgdorf — Lapislazuli, so verheissungsvoll der Name, so teuer ist das Pigment und so aufgeladen dessen Geschichte: Seit rund vier Jahren arbeitet Franz Gertsch (*1930) mit dem Farbstoff, der aus dem gleichnamigen, in Afghanistan abgebauten Halbedelstein stammt. Fra-Angelico-Blau heisst er in seiner hochwertigsten Form nach alter Rezeptur, die Gertsch für das Gemälde ‹Gräser VIII› von 2019 verwendete. Auch die weiteren vier Gemälde der neuen «blauen» Serie beruhen auf Naturmotiven aus dem Repertoire des Künstlers und bilden einen Farbraum von besonderer Intensität. Nun bin ich als Kunsthistoriker angesichts der Lebensphase des Künstlers und des kunsthistorisch prägenden Pigments versucht, der Farbe eine fast metaphysische Dimension zuzuschreiben. Doch viel schöner formuliert es der Saaltext: Gertsch «gönnt sich seit 2019 das völlige Eintauchen in eine intensive ‹blau-ultramarine Phase›». Der Künstler selbst sagt zur Farbe und deren Aufladung: «Nachdem ich das erste Lapislazuli-Bild gemalt hatte, beschloss ich, einen blauen Raum zu verwirklichen – ein alter Traum von mir. Manch mystische Eigenschaft wird dem blauen Stein zugesprochen. Das hat sicher meine Wahl beeinflusst. Aber schlussendlich war es seine einzigartige Schönheit.»
Auch im Umgang mit den Bildvorlagen zeigt der Künstler eine freiere Praxis. Basierten die tiefblauen ‹Gräser VIII› 2019, oder ‹Blauer Sommer›, 2020, aus dem bekannten ‹Jahreszeitenzyklus› noch auf den originalen Diaaufnahmen, entstanden die neueren Gemälde ‹Gräser IX› von 2020 und ‹Blaue Pestwurz› nach Abbildungen der eigenen Holzschnitte. Ersteres sei sehr frei nach ‹Das grosse Gras› von 2001 geschaffen worden und Letzteres nach einem Dia eines Holzschnitts von 2005. Im Bildvergleich von ‹Gräser IX› mit dem dreiteiligen Druck zeigt sich auf der Leinwand ein geschlossenerer Bildeindruck und eine grössere Tiefenwirkung. Auf der Holzplatte dagegen, in der Drucktechnik begründet, ergeben sich ein einheitlicherer Farbraum und präzise abgegrenzte Weissflächen. Auf der Leinwand ist die Reduktion der detaillierten Blattstruktur zugunsten einer Betonung des Lichteinfalls mittels heller Bereiche auf den Halmen zu beobachten. Der Hintergrund zeigt weiche, fast wolkige Strukturen. Die Gräser verwandeln sich in eine Art Dickicht, wobei Halme im Gegensatz zum Vorbild plötzlich hinter einem Stängel verschwinden oder vor einem weiteren hervortreten. Franz Gertsch erklärt das Verhältnis von Malerei und Holzschnitt so: «Es ist reine Primamalerei und lässt keine Korrektur zu. Der Holzschnitt besteht aus ja und nein. Ja ist die Einkerbung mit einem Hohleisen in die Holzplatte. Nein ist die unversehrte Platte.» Die Vorstellung eines Farbfilters, der Details reduziert und farblich verfremdet, beschreibt treffend den Eindruck der Gemälde. «Mit dem Holzschnitt gelangen mir monochrome Bilder, ein alter Traum. Lange glaubte ich, dies sei dem Holzschnitt vorbehalten. Erst mit der blauen Farbe gelangen mir monochrome Malereien mit all den Möglichkeiten des Farbauftrags. Bei meinen Bildern heisst das, mit Borstenpinsel die Temperafarben in das ungrundierte Baumwollgewebe einzumassieren», sagt Franz Gertsch.
Das fünfte Gemälde ‹Blauer Waldweg (Campiglia Marittima)› von 2021 ist nun erstmals zu sehen. Es zeigt den titelgebenden Pfad, dessen Licht- und Schattenspiel in eine schon fast abstrakte Ornamentik übergeht. Im Untergeschoss des Museums ist schliesslich ergänzend zu den fünf Malereien eine erhellende Auswahl an Holzschnitten von 2001 bis 2016 zu sehen, welche Vergleiche der Techniken zulässt – Nuancen von Tonwerten, Sättigung, Tiefe, die sich am besten bei einem Ausstellungsbesuch vor Ort selbst nachvollziehen lassen.
Gertsch ist derweil weiter beständig an der Arbeit, solange es ihm möglich ist: «Im Atelier hängen an zwei weissen Wänden zwei der monumentalen Malereien, die eine vollendet, die andere in Arbeit. Ich arbeite noch zwei bis drei Stunden täglich. Das heisst, ich male schneller als früher.» Wobei der oben erwähnte ‹Waldweg› einen weiteren Aspekt dieser Serie illustriert. Nur das erste Gemälde ‹Gräser VIII› wirkt auf den ersten Blick wie «reines» Lapislazuli. Gertsch nutzt weitere Farben, Weissmischungen oder zusätzliche Blautöne, die er verwischt oder auch gezielt mit einem Stift aufträgt. Es sind diese Feinheiten, die einem Gesamteindruck von zu viel Pathos entgegenstehen. Sie machen aus der Beschäftigung mit der symbolträchtigen Farbe weit mehr als das Spiel mit einer besonderen Wertigkeit, und es ist zu hoffen, dass weitere Gemälde aus der blauen Phase ihren Weg ins Museum finden. Franz Gertsch sagt: «Wichtig ist eine positive Beurteilung meiner Frau Maria des jeweiligen Tagwerks, denn meine Bilder sind in solche aufgebaut.» 

Until 
29.08.2022
Exhibitions/Newsticker Data Tipo Località Paese
Franz Gertsch — blau da 19.03.2022 a 28.08.2022 Ausstellung Burgdorf
Schweiz
CH

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