Guerreiro do Divino Amor — Fatale Superfiktionen

Guerreiro do Divino Amor · Superfictional Sanctuaries, Ausstellungsansicht Centre d’Art Contemporain Genève, 2022. Foto: Julien Girard

Guerreiro do Divino Amor · Superfictional Sanctuaries, Ausstellungsansicht Centre d’Art Contemporain Genève, 2022. Foto: Julien Girard

Guerreiro do Divino Amor · Supercarioca Superfictional Cosmogony, 2006–2017, digitale Collage für Leuchtvitrine mit animierter LED-Beleuchtung, 100 x 200 cm

Guerreiro do Divino Amor · Supercarioca Superfictional Cosmogony, 2006–2017, digitale Collage für Leuchtvitrine mit animierter LED-Beleuchtung, 100 x 200 cm

Besprechung

Der schweizerisch-brasilianische Multimediakünstler Guerreiro do Divino Amor hat auch etwas vom Talent Homers, Hesiods oder des Apostels Paulus. Umfassend gebildet, weiss er, wie man versprengte Glaubensinhalte miteinander verbindet. Und nutzt dies für eine eindrückliche Kritik an denselben.

Guerreiro do Divino Amor — Fatale Superfiktionen

Genf — Antoine Golay (*1983, Genf) schuf für den Architekturmaster zwischen der Hochschule für Architektur in Grenoble und jener für Kunst in La Cambre 2004–2006 eine Collage zu den spirituellen Fantasien, die Brüssel urbanistisch bewegen. Unter einem Pseudonym, das er für einen Auftritt mit seiner Band in der von seiner Stiefmutter in Rio de Janeiro geleiteten Pfingstkirche (Divino Amor) und nach seinem Namen mütterlicherseits (Guerreiro) gebildet hatte, wandelte er sich bald zum Künstler und begann an einer Freske zu arbeiten. Nicht nur entwickelte er dabei einen barocken, vom Brazil Pop inspirierten 0.2-Copy-Paste-Stil mit Theaterelementen. Ihm ging zugleich auf, wie stark die in Europa zwischen Mittelalter und Neuzeit wurzelnden Mentalitäten in Südamerika immer noch eine skrupellos ausbeuterische Gesellschaft in Gang halten. Dies spiegelt er seither in einem superfiktionalen Weltatlas.
Mit dem in der Retrospektive im Centre d’art contemporain Genève erstmals aufgeschlagenen Kapitel ‹The Miracle of Helvetia› geht GDDA nun auch auf sein Vaterland und dessen Vorstellung von zivilisatorischer Perfektion ein. Man tritt in einen Marmortempel, in dessen Vorhalle die Göttin Helvetia auf einem Brunnen rotiert. Wechselnd zeigt sie uns ein Haupt, das taub, stumm und blind ist, und ein Gesicht, das mit Argusaugen über die Ausbeute ihrer Nation wacht. Diese wird von ihren 13 Töchtern von Scopula über Calvina bis zu Nidustia verkörpert, die im nächsten Raum auf sakral wirkenden Leuchtkästen auftreten, ehe das ganze Pantheon im letzten Raum in einem Film nochmals aufscheint und beim Ausgang in einer Broschüre erklärt wird. Religion braucht Multimedialität und Wiederholung – auch in satirischer Form!
Spannend sind die Seitenkapitel, die sich zudem zwischen den brasilianischen und den schweizerischen Fresken auftun und einen Krieg zwischen Helvetia und Amazonas um Marktkontrolle und Ressourcen suggerieren. Letztlich scheint GDDA der Geschichte des Christentums als buchhalterischer Religion auf der Spur zu sein. Die globalen Folgen – mit denen sich bereits der Sozioökonom Max Weber und der Historiker Fernand Braudel befasst haben – werden auch heute erst bruchstückhaft deutlich. Immer noch werden Feudalwirtschaft oder Kapitalismus als rationale Ordnung zur irrationalen Bereicherung propagiert. Wer draussen bleibt, wird höchstens als Projektionsfigur für diejenigen systemrelavant, die sich nach einfachen Lebensformen und Authentizität sehnen. Doch wie die Schau zeigt, kommen wir allmählich an die apokalyptischen Grenzen dieser Imaginationen. 

Until 
07.08.2022

→ ‹Guerreiro do Divino Amor – Superfictional Sanctuaries›, Centre d’Art Contemporain, bis 7.8.; mit Gratisbroschüre ↗ www.centre.ch

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