Jochen Lempert — Bilden und erblickt werden

Jochen Lempert · Automimikry, 2018, Gelatine-Silber-Print, 28 x 23 cm, Courtesy BQ, Berlin and ­ProjecteSD, Barcelona © ProLitteris

Jochen Lempert · Automimikry, 2018, Gelatine-Silber-Print, 28 x 23 cm, Courtesy BQ, Berlin and ­ProjecteSD, Barcelona © ProLitteris

Besprechung

Vor über dreissig Jahren begann der Hamburger Biologe mit Fotografie. Ab 2005 entdeckte ihn Paris, trotz vieler internationaler Auftritte steht die Schweiz noch aus. Nun zieht das Centre Pompidou Bilanz eines, so der Kurator Florian Ebner, «immer sanften, nie sentimentalen Blicks auf die gemeinsame Umwelt».

Jochen Lempert — Bilden und erblickt werden

Paris — Das Fotografie-Kabinett im Centre Pompidou zeigt künstlerische Positionen, die fragen: Was macht das Bild? Wodurch wird es fabriziert? Jochen Lempert gibt mit einer präzise komponierten Schau Antworten. Intensiv wirken die Bilder, persönlich und anrührend, nicht trotz, sondern wegen der soliden wissenschaftlichen und kunsthistorischen Kenntnis, die sie tragen. Ein Leitthema: Symmetrie und Körperbau. Ein mit Leuchtalgen erzeugtes Fotogramm hängt neben einer mit Sommersprossen übersäten Schulter. Erzählt das Motiv etwas über die Lehren des Ähnlichen, so wird die Verbindung zwischen bildgebendem Objekt und vorgestelltem Subjekt deutlich. «Die Leuchtalgen haben das Bild quasi selbst gemacht», so Lempert, «weil ihre Biofluoreszenz das Licht liefert, um diese Spuren auf dem Papier zu hinterlassen.»
Das führt zum wichtigsten Aspekt: Zeichnen mit Licht. Seine schmunzelnden Dekonstruktionen bildnerischer Anthropomorphismen zeichnen filigran unbewusste Formensprachen nach – sei es in Vogelschwarm-Formationen oder von kleinen Fröschen, die er unterm Belichter auf dem Fotopapier umherhopsen lässt. Beutet der auf Libellen spezialisierte Entomologe das Tier als ästhetischen Assistenten aus, wie man es Tomás Saraceno für seine Spinnen vorhalten könnte? «Ich bin Beobachter, nicht Jäger», erklärt er, «mir geht es um eine Schule des Sehens.» Das wechselseitige Gestalten gemeinsamen Lebensraums «von Menschen und anderen Tierstämmen» verkörpert eine Gottesanbeterin, die vermeintlich direkt ins Auge des Betrachters blickt. Fotografie als Lebensraum wandelt eine Auto-Antenne zum Insektenfühler, Wellen und deren Schaumkronen zu ungestümen Pferden. Aby Warburg eingedenk, erzeugt der 64-jährige Künstler solche Wahlverwandtschaften durch den Ausstellungsaufbau: «Ich entwickle vor Ort mit den Bildern eine Komposition.» Darin erscheint der Mensch von seiner Umwelt selbst erblickt. Wie jener an einer Bushaltestelle von einem leuchtenden Fliegenschwarm begleitete Mann, der nicht das Geringste bemerkt. Seit 1989 bearbeitet Lempert, 2017 mit dem Camera-Austria-Preis für zeitgenössische Fotografie ausgezeichnet, Lichtbilder als Material. Auf dem Fotopapier lässt er der Chemie Spielraum zur Weiterentwicklung, klebt die Abzüge mit kleinen Pflasterröllchen direkt auf die Wand. Für das Museum «eine kleine Revolution»: Restaurator:innen mussten überzeugt, zusätzliches Wachpersonal eingestellt werden. Lempert meint dazu augenzwinkernd: «Es sind jeweils Einzelwerke, aber man kann sie auch wieder abziehen.»

Until 
04.09.2022

→ ‹Jochen Lempert›, Centre Pompidou Paris, Galerie de photographies, bis 4.9. ↗ centrepompidou.fr

Exhibitions/Newsticker Data Tipo Località Paese
Jochen Lempert da 11.05.2022 a 04.09.2022 Ausstellung Paris
Frankreich
FR

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