Welt aus den Fugen — Welt 2.0

Pamela Rosenkranz · Anamazon (Green, Blue, Green), 2017, Ausstellungsansicht Kunst Museum ­Winterthur. Foto: Gunnar Meier

Pamela Rosenkranz · Anamazon (Green, Blue, Green), 2017, Ausstellungsansicht Kunst Museum ­Winterthur. Foto: Gunnar Meier

Raphaela Vogel · Fuge meam propinquitatem!, 2020, Ausstellungsansicht Kunst Museum Winterthur. Foto: Gunnar Meier

Raphaela Vogel · Fuge meam propinquitatem!, 2020, Ausstellungsansicht Kunst Museum Winterthur. Foto: Gunnar Meier

Besprechung

Neun Rauminstallationen von elf Künstler:innen setzen sich im Kunst Museum Winterthur in der Ausstellung ‹Welt aus den Fugen› mit den Krisen und Herausforderungen des Jetzt auseinander. In imposanten Installationen lassen sie zukünftige Dystopien entstehen. Bleibt auch Platz für Hoffnung?

Welt aus den Fugen — Welt 2.0

Winterthur — «Die Zeit ist aus den Fugen geraten», murmelt Hamlet in William Shakespeares Stück, nachdem er vom Mord an seinem Vater erfahren hat und mit seinem Schicksal hadert. Auch gerne übersetzt als «die Welt ist aus den Fugen geraten», funktioniert das Zitat, obwohl verstaubt, als Zeitdiagnose: Klimakatastrophe, Pandemie und Kriege – in den Fugen ist die Welt nicht.
Dementsprechend eröffnet Anne Imhofs Installation ‹Room› die Schau in Winterthur: Auf einer gesprungenen Glasscheibe prangt ein Graffiti. Dahinter findet sich ein nüchternes Zimmer mit Bett und einer E-Gitarre. Die Jugendliche, die hier wohnen könnte, ist ausgeflogen. Vielleicht in den nächsten Raum, von wo aufdringliches Weinen ertönt. Wer dem Lärm folgt, steht bald vor Bildschirmen, in denen sich Menschen die Seele aus den Leibern heulen. Aber etwas stimmt nicht: Wenn man genau hinschaut, erkennt man Pixel in den Augen – es sind computeranimierte Figuren. Ekel, Mitleid, Unverständnis – die digital generierten Bilder vom Künstler Ed Atkins berühren. Aber warum? Weil sie das Endstadium des digitalen Homo Sapiens reflektieren? Keine Fragen lässt Pamela Rosenkranz mit ‹Anamazon (Green, Blue, Green)› offen. Dem Regenwald gewidmet, schimmert der Raum in leuchtstoff-grellem Grün, von der Decke tropft Wasser aus einem Katheter. Die Metapher ist sprechend: Genauso wie der Katheter irgendwann leer sein wird, wird der Amazonas irgendwann gerodet sein.
Alle Installationen sind immersiv und hochwertig – und teilen eine dystopische Schlagseite. Das Gefühl kommt auf, dass unsere Gegenwart eine tickende Zeitbombe ist. Bestätigt wird der Verdacht bei Raphaela Vogels Installation, in der ein menschliches Skelett von der Decke baumelt. Ein Zeigefinger berührt bereits den Boden – es ist die Conditio humana, kurz vor dem Aufprall, wir rasen auf ein Ende zu. Warum schaffen Künstler:innen so wuchtige Werke zur Gegenwart? Vielleicht findet sich die Antwort bei Shakespeare, wenn Hamlet klagt: «Die Zeit ist aus den Fugen. Fluch ihren Tücken, dass ich zur Welt kam, sie zurechtzurücken!» Zur Generation zu gehören, die sämtliche Krisen der Gegenwart ausbaden wird, ist nicht lustig – aber der Zeitgeist ist damit nicht ganz eingefangen. Ein Blick aufs Saalblatt verrät, was fehlt: Alle Künstler:innen sind vor 1990 geboren. Der «Fridays for Future»-Widerstand ist nicht vertreten. Schön wäre eine Folgeausschau à la: ‹Welt 2.0›. Weil – wenn wir schon bei Zitaten sind –jedes Ende, selbst das der Welt, auch ein neuer Anfang ist. 

Until 
14.08.2022

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