Michelangelo Pistoletto

Michelangelo Pistoletto mit ‹Sfera di giornali› (Kugel aus Zeitungen), 1966–2017, gepresste Zeitungen, 100 x 100 cm. Foto: A. Lacirasella

Michelangelo Pistoletto mit ‹Sfera di giornali› (Kugel aus Zeitungen), 1966–2017, gepresste Zeitungen, 100 x 100 cm. Foto: A. Lacirasella

Michelangelo Pistoletto · Il Terzo Paradiso, 2021, Castello San Materno Ascona. Foto: Alexandre Zveiger

Michelangelo Pistoletto · Il Terzo Paradiso, 2021, Castello San Materno Ascona. Foto: Alexandre Zveiger

Hinweis

Michelangelo Pistoletto

Ascona — Am Fuss des Monte Verità wird ‹La Verità di Michelangelo Pistoletto› gezeigt. Einen treffenderen Ort für die Retrospektive dieses bedeutenden Arte-Povera-Künstlers gibt es kaum. Denn die ‹Wahrheit des Michelangelo Pistoletto›, so subjektiv der Titel tönen mag, ist eine Wahrheit, die sich seit den ersten Werken Anfang der Sechzigerjahre eben nicht auf das Subjekt und Ego des Künstlers konzentriert. Im Gegenteil bemüht seine Wahrheit sich, die eigenen Grenzen und jene der Kunst, die er als sozialen Prozess versteht, aufzubrechen, um eine umweltverträgliche Welt anzuregen. Michelangelo Pistolettos (*1933) Themen wie Naturnähe und Basisdemokratie beschäftigten schon die Pioniere, die Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Monte Verità mit neuen Methoden des Zusammenlebens, der freien Liebe und des Veganismus experimentierten.
Die chronologisch aufgebaute Schau im Museo Comunale in Ascona mit vierzig Werken aus 63 Schaffensjahren von Pistoletto zeigt klar verständlich die Entwicklung der relationalen Ästhetik in seinem Werk auf – von den ‹Quadri specchianti› über die Aktionen bis zu den sozialpolitischen Projekten: In den «Spiegel-Bildern», in denen eine Figur inkludiert ist, reflektieren sich auch der Raum und das Publikum. Die Umwelt wird integraler Teil des Werks. 1967 wird Pistolettos «Zeitungskugel» in einer kollektiven Aktion durch die Strassen von Turin gerollt. 1968 ruft er mittels eines Plakats dazu auf, sich mit ihm an der Biennale von ­Venedig zu beteiligen. 1994 veröffentlicht er sein Konzept ‹Progetto Arte›, das die gesellschaftliche Rolle der Kunst befragt und die Grenzen zwischen den Disziplinen aufzulösen sucht. Daraus entwickelt sich 1998 die ‹Cittadellarte›: Das Kunst- und Kulturzentrum in einer Fabrik in Biella konzentriert sich auf die interdiszi­plinäre Vernetzung und Forschung von Akteurinnen aus unterschiedlichen Gebieten der Wissenschaft oder der Kunst. ‹Love Difference› schliesslich ist ein sozialengagiertes Ideenlabor, das den Mittelmeerraum vernetzt. Auf dem Monte Verità und beim Castello San Materno hat Pistoletto aus Anlass der Ausstellung je ein ‹Terzo Paradiso› im öffentlichen Raum geschaffen, eines aus Stein und eines aus Sträuchern: Das um eine dritte Schlaufe ergänzte Unendlichkeitszeichen soll den Widerspruch zwischen Natur und Technologie auflösen. Die Installation beim Castello wird über den Sommer von Theater-, Tanz- und Performancekünstlern aus dem Locarnese belebt: Kunst als interdisziplinäres Netzwerk mit dem Ziel der Weltverbesserung. 

Until 
26.09.2021

→ Museo Comunale d’Arte Moderna, bis 26.9.; Katalog ‹La verità di Michelangelo Pistoletto›, mit Texten von Alberto Fiz, Mara Folini Ceccarelli, Paolo Naldini, Hans Ulrich Obrist, Edizioni Casagrande, 2021 ↗ www.museoascona.ch

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