Gerhard Richter im Museum Franz Gertsch

Gerhard Richter · Rokoko-Tisch, 1964, Öl auf Leinwand, 90 x 100 cm

Gerhard Richter · Rokoko-Tisch, 1964, Öl auf Leinwand, 90 x 100 cm

Besprechung

Kunstgrösse im kleinen Rahmen: In der Ausstellung «Ohne Farbe» würdigt das Museum Franz Gertsch den 72-jährigen Gerhard Richter mit einer kleinen, überwiegend sehenswerten Werkauswahl.

Gerhard Richter im Museum Franz Gertsch

Seit letztem Jahr tourt eine Ausstellung mit Druckgrafiken durch Kunsthallen und Museen, die im Herbst auch in Luzern zu sehen war. In Düsseldorf und im dänischen Louisiana-Humlebaek sind derzeit grosse Werkübersichten eingerichtet. Für viele Ausstellungsmacher steht Gerhard Richter ganz oben auf der Wunschliste. Auch für den Leiter des Museums Franz Gertsch, Reinhard Spieler, den es freut, dass es ihm trotz starker Konkurrenz gelang, für Burgdorf einige bekannte Werke Richters zu sichern. So zeigt sich die 30 Arbeiten umfassende Ausstellung als Kammerspiel mit Format.

«Ohne Farbe»: Das Thema der Präsentation ist im Titel klar benannt. Dass Plakat und Ausstellung dennoch Arbeiten aus der Farbfelder-Serie zeigen, soll darauf verweisen, dass alle Farben in der Nicht-Farbe Grau enthalten sind. Weiter gedacht heisst es, dass in der Ausstellung nicht alle, doch einige markante Positionen Richters vertreten sind. In der Tat verweist die ganz in Grau gehaltene Schau auf Themenschwerpunkte wie die Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte, mit Kunst, ihrer Rezeption und Wirkung. Die Konzentration auf Bilder ohne Farbe, die fast die Hälfte des Richterschen Werkes ausmachen, spielt schon auf einen zentralen Punkt an: den ebenso distanzierten wie analytischen Blick Richters. Grandios ist der Auftakt: der erste Blick in die Ausstellung fällt in den «Grauen Spiegel» von 1992. Vier Flügel, je einen Meter breit, drei Meter hoch, werden zum Spiegel der Ausstellungssituation, farbloses Abbild einer Bilderwelt, die selbst Reflexion der Aussenwelt ist. Farblos tritt der Besucher sich selbst gegenüber und wird so in die Kunstwelt mit hineingezogen. Flankiert wird der Spiegel von Variationen zur Wahrnehmung wie den nach Pressebildern entstandenen Waldstücken und dem Rokoko-Tisch, den Richter 1964 nach der Abbildung in einem Auktionskatalog malte, in jener Unschärfe-Technik, welche die Nüchternheit des Katalogfotos in verschwommene Ungewissheit verwandelt. Im zweiten Raum stehen einige Porträts für den politischen Richter. Neben einer Fotoversion des berühmten Bildes vom nett lächelnden Onkel Rudi im Mantel des Wehrmachts-Offiziers, findet sich dort mit «Decke» von 1988 auch die letzte Arbeit aus dem RAF-Zyklus. Das Werk zeigt Gudrun Ensslin, erhängt in ihrer Zelle, übermalt allerdings. Richter berührt hier die Frage nach der Anwesenheit des Unsichtbaren. Die Ausstellung führt mit diesem Bild in den letzten Raum, der den Oberflächenstrukturen gewidmet ist. Abstrakte Werke sowie einige Farbfelder-Arbeiten sollen verdeutlichen, wie Richter Kunst konstruiert - ganz handwerklich verstanden. Diese sehr didaktische Fragestellung steht über einer Bildauswahl, die leider weniger dicht und spannend wirkt als die der vorangegangenen Räume. Ein Blick zurück in den «Grauen Spiegel» lohnt sich allemal.

Until 
07.05.2005

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