Robert Kusmirowski im Kunstverein

Robert Kusmirowski · The Ornaments of Anatomy, 2005

Robert Kusmirowski · The Ornaments of Anatomy, 2005

Besprechung

Die Fiktion ist sauber angerichtet. Der polnische Künstler Robert Kusmirowski (*1973) hat den unteren Raum des Hamburger Kunstvereins, eigentlich ein quadratischer und fensterloser White Cube, deutlich verkleinert, um zwischen den verengten weissen Wänden passgenau eine marod wirkende Fassade einzupflanzen.

Robert Kusmirowski im Kunstverein

Schon bei früheren Arbeiten hatte es Kusmirowski verstanden, die Aura des Ausstellungsraums zugunsten künstlicher und dabei äusserst kunstfertig erstellter «Realräume» oder gedoubelter Objekte umzunutzen - er baute etwa verlassene Werkstätten oder einen ausrangierten Eisenbahnwaggon täuschend echt nach. Seine Arbeiten sind aber nicht bloss Verdoppelungen von Bestehendem, sondern werden reichlich mit Erfindung unterfüttert. Das geht bei Kusmirowski zunächst übers Material: Mit simplen Mitteln wie Gips, Pappe, Holz oder Styropor imitiert er nahezu jede beliebige Oberfläche und bringt darüber dann auch die Verortung der Objekte durcheinander. Er stellte etwa fiktive «historische» Reisefotos glaubhaft realistisch nach oder reproduzierte ein altes, verrostetes Fahrrad, das Teil einer seiner Aktionen war. Dieses Rad ist weder «echt» noch Ready-made, sondern eine fein ziselierte Skulptur aus Holz und Gips. Solche handwerklich herbeigeführte Verdoppelung des Realen steht bei Kusmirowski stets im Dienste der Fiktion, er konstruiert Objekte und Installationen als Startpunkte für Geschichten und fiktive Handlungszusammenhänge, die er allerdings nicht eigentlich erzählt oder direkt ausspricht, sondern übers Arrangement wie nebenbei hervortreten lässt. In der Installation «The Ornaments of Anatomy», 2005, sieht man zuerst die Fassade und blickt dann durch die erleuchteten Fenster: Der voyeuristisch inszenierte Blick fällt auf eine karg möblierte Studierstube, die mit einer Fülle von Büchern ausgestattet ist; meist Medizinisches, auch ein paar anatomische Modelle und heilkundliche Gerätschaften stehen herum. So antiquiert das Ganze erscheint, wirkt der Raum dennoch, als habe sein Bewohner ihn gerade erst und bloss für kurze Zeit verlassen. Aufgeschlagene Bücher liegen herum, alles deutet auf intensive Beschäftigung mit einem medizinisch-anatomischen Projekt. Unwillkürlich zieht man Rückschlüsse auf den Bewohner: Hier könnte ein skurriler Forscher, vielleicht ein allein stehender Landarzt hausen, in jedem Fall ein Sonderling, dessen Forschungen auch ein gewisses Unbehagen auslösen. Detailliert spielt Kusmirowski Andeutungen aus, die sich in den Köpfen der Besucher fortpflanzen. Im Blick aufs Ausstellungsplakat entdeckt man einen weiteren Ansatzpunkt: Hier wird das Buch eines gewissen Dr. Vernier beworben - der Titel: «The Ornaments of Anatomy». Ein weiteres Versatzstück in der Inszenierung dieses Rätsels bildete Kusmirowskis beiläufige Performance am Eröffnungsabend: Nur ab und zu tauchte der Künstler in der von aussen unzugänglichen Kartause auf, sass dort als leibhaftiger Dr. Vernier herum, las oder schnitt sich die Haare, und mancher Besucher, der die «Figur» zunächst für einen Teil des Stilllebens gehalten hatte, erschrak über das so unerwartet belebte und scheinbar vollends in Realität umschlagende Bild. Am Ende schaut hier aber niemand hinter die Oberfläche: Den inszenierten Voyeurismus, in dem das Geheimnisvolle prächtig gedeiht, hält der Künstler an jeder Stelle durch. Und das Spiel lässt sich steigern: Fürs kommende Jahr ist im Kunstverein eine umfangreiche Einzelschau mit Kusmirowski alias Vernier schon eingeplant.

Until 
02.04.2005

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