Antje Schiffers und Thomas Ganzenmüller im Kunstverein

Antje Schiffers · Hauptsache man hat Arbeit, 2003, Detailansicht, Courtesy Kunstverein Hannover, Fotos: Raimund Zakowski

Antje Schiffers · Hauptsache man hat Arbeit, 2003, Detailansicht, Courtesy Kunstverein Hannover, Fotos: Raimund Zakowski

Besprechung

Die Preisträger des Kunstvereins Hannover zeigen zum Abschluss ihres Stipendiums Arbeiten aus den letzten Jahren. Trotz der unterschiedlichen Methoden und Ästhetiken lässt sich bei beiden Künstlern eine Lust am Beschreiben erkennen, der langwierige Prozesse vorausgehen.

Antje Schiffers und Thomas Ganzenmüller im Kunstverein

Antje Schiffers schlüpft als Künstlerin immer wieder in verschiedene Rollen und initiiert Tauschgeschäfte, für die sie sich Geschäftspartner sucht. Im Projekt «Hauptsache man hat Arbeit», 2003, überzeugt sie die alteingesessene Hannoveraner Reifenfabrik ContiTech, sie für drei Monate als Werkkünstlerin einzustellen. Steht sie für die Bildproduktion vor Ort im direkten Auftragsverhältnis zum Unternehmen, so ist die Reflexion darüber für den Kunstkontext bestimmt. Ihre Tätigkeit als Werkkünstlerin, die Arbeitsbedingungen vor Ort sowie unterschiedliche Vorstellungen von Kunst werden sichtbar. Meistens stehen ihre Arbeiten jedoch eng mit dem Reisen und der Erfahrung fremder Welten in Verbindung. So wurde sie in «Unsere Frau in Minsk», 2004, als Korrespondentin der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst in osteuropäische Länder geschickt. Sie war zum kulturellen Austausch vom Baltikum bis in den Balkan beauftragt. Anhand eines ihr mitgegebenen Potpourris aus Geschichten erzählte sie von Deutschland und sammelte im jeweilig besuchten Land jene oft alltäglichen Dinge und Erzählungen ein, die ihr als Repräsentation mitgegeben wurden. Es entstand ein Kaleidoskop aus Bildern, Geschichten, Objekten und Videos aus Estland, Lettland, Litauen, Weissrussland, Mazedonien, Bulgarien, Rumänien und Moldawien, das sie in ihren Ausstellungen in Deutschland vorstellt. Die Präsentation erinnert an völkerkundliche Sammlungen. Aber auch in anderen Arbeiten blitzt immer wieder die Neugierde einer Ethnografin hervor, die versucht, sich die Welt zu erschliessen.

Thomas Ganzenmüller arbeitet hingegen expliziter mit wissenschaftlichen Methoden. Er konstruiert Zusammenhänge, die man nie vermuten würde. Zufälle oder absurde Vorkommnisse dienen als Ausgangspunkt für eine Fragestellung, die der Künstler mit wissenschaftlichen Erklärungsmodellen zu lösen versucht. Die Hypothese wird durch statistische Berechnungen zur Bild gebenden These. Im Projekt «Deadline», 2000?2005, verweisen bunte Streifen auf das Ergebnis der Fragestellung: Wie oft kommt es vor, dass Geburts- und Todestage von Soldaten zusammenfallen? Dies untersucht der Künstler anhand von Daten aus beiden Weltkriegen und dem Vietnamkrieg. Als Betrachter versucht man, die Grafen zu deuten und begibt sich auf eine gedankliche Reise, um die Aussagen zu interpretieren. Ganzenmüller forscht akribisch in Archiven, bevor er die Ergebnisse mathematisch auswertet. Die statistischen Darstellungsformen in seinen Bildern verleihen der Untersuchung eine Aura von Wahrheit. Dennoch formt er manchmal Zusammenhänge so, dass ein verblüffender Sinn entsteht. In «Coupe des Coupes (Lose)», 2003, werden die Flugreisen der Fussballmannschaft «Paris-Saint-Germain» während einer Meisterschaft durch Farbfäden in geografischer Anordnung miteinander verbunden. Die Europakarte ist jedoch so in die Breite gezogen, dass die gespannten Fäden das Bild des Sponsorlogos «Nike» ergeben. In der scheinbaren Sinnlosigkeit einer Fragestellung wird eine Sinnhaftigkeit produziert, die uns in Staunen und unser Gehirn in Schwingungen versetzt. Mit zwei Publikationen.

Until 
02.04.2005

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