Silvia Bächli im Museum zu Allerheiligen

Silvia Bächli · Lily, 2004, Gouache, 200 x 150 cm, Privatsammlung Genève

Silvia Bächli · Lily, 2004, Gouache, 200 x 150 cm, Privatsammlung Genève

Besprechung

Seit den frühen achtziger Jahren arbeitet Silvia Bächli (*1956) im Medium der Zeichnung. Diese hat sie zumeist in installativen Hängungen oder auch auf Tischen arrangiert. Die Konzeption des vor einem Jahr erschienenen Künstlerbuches, das ebenso eine Methode des Sichtens der eigenen Arbeit darstellt, scheint Veränderungen eingeleitet zu haben: In Schaffhausen sind Zeichnungen zu sehen, die sich an der Linie orientieren.

Silvia Bächli im Museum zu Allerheiligen

An den Anfang der Ausstellung sind zwei kleinformatige Farbfotografien gestellt. Sie zeigen hüttenähnliche Behausungen in offenen und verlassenen Landschaften, die in eine dünne Schneeschicht gebettet scheinen. Der gewählte Bildausschnitt lässt die unbewohnten Häuser wie Modelle wirken. Und selbst wenn ihre Eingänge eher an einfache Flächen denn an Türen erinnern, stehen sie in der Ausstellung programmatisch für einen spezifischen Zugang zu den versammelten Linienzeichnungen: Der fotografische Zugriff auf die Wirklichkeit, welche sie einfangen, deutet an, was die Zeichnungen mit ihren eigenen Mitteln umsetzen: Auf das Essenzielle reduziert, treten die Linien - unterschiedlich nuanciert - in multiplen Erscheinungsformen hervor, die sich selbst stets von Neuem vergegenwärtigen.

In den sieben grossformatigen Blättern (200 x 150 cm), die seit 2001 entstehen, zieht die in Basel und Paris lebende Zeichnerin mit schwarzer Gouache Linien über das Papier. Die Vertikalen scheinen sich nach der Länge des Papiers auszustrecken, während die Horizontalen die einzelnen Linien zu einem netzartigen Gebilde verweben. Durch die tiefe Hängung der gerahmten Zeichnungen fädeln die Linien den Blick des Betrachters ein. Ihren Verlauf zu beobachten bedeutet, selbst zum Zeugen einer Spur der Hand und ihrer Bewegung zu werden: Die schwarze Gouache verliert ihre Dichte, bleicht aus, lasiert, wird graufarben und macht die Struktur des Pinsels erahnbar. In diesen Linienbündeln tritt ein bemerkenswertes zeichnerisches Moment hervor: Stellen, an denen eine einzelne Linie unerwartet von ihrer Fährte abweicht und dabei eine andere berührt. Durch die feuchte Gouache infizieren sie einander. Die ineinanderlaufenden Linien beschreiben neuralgische Zonen, die das Zeichenblatt mit einer subtilen Spannung aufladen. Analoge Phänomene können sich ereignen, wenn die Hand eine Linie beendet, die Farbe sich staut und zerläuft, um schliesslich fleckenartige Inseln mit verfransten Konturen zu bilden.

Den Hochformaten sind dreizehn kleinere Zeichnungen gegenübergestellt. In einer Reihe, in unterschiedlichen Abständen und in leicht variierender Höhe grosszügig gehängt, interagieren sie mit den grossen Blättern. In diesen Arbeiten entfaltet die Künstlerin die Linie als ein Vokabular, das immer wieder andere Bedeutungen ins Spiel bringt und neue formale Zusammenhänge einlöst: Spiralen, Linien wie Nervenbahnen, geometrisierende Linienkompositionen. Und in den vereinzelten Federzeichnungen vermag die Linie einen Weg aus der Erinnerung zu reformulieren oder eine Art quasi-körperliches Gerät herzustellen, in das man sich einzufühlen versucht: Silvia Bächlis Linien sind zugleich gedacht, gesehen, berührt.

Katalog mit Dokumentation aller bislang entstandenen Linienzeichnungen. Fr. 38.--; Künstlerbuch Silvia Bächli, How It Looks. Zeichnungen von 1983?2003, Baden, Lars Müller Publishers 2004, Fr. 98.--.

Until 
16.04.2005

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