Renée Levi bei Nicolas Krupp

Renée Levi · kem per, 2004, Acryl auf Leinwand, 380 x 460 cm

Renée Levi · kem per, 2004, Acryl auf Leinwand, 380 x 460 cm

Besprechung

Die in Basel lebende Künstlerin Renée Levi (*1960) ist bekannt für ihre wandfüllenden Sprayarbeiten mit fluoreszierenden Farben. In der aktuellen Ausstellung befragt sie die eigene Bildsprache: Statt mit Leuchtfarben sprüht sie mit dunklem Acryl, statt der Wand oder den MDF-Platten verwendet sie Leinwände und statt den sich wiederholenden Patterns sprayt sie die Linie als Linie.

Renée Levi bei Nicolas Krupp

Oben links ansetzen wie beim Schreiben: Mit der Hand, die sprüht, bewegt sich der ganze Körper nach rechts, dann wieder nach links. Als ob die physische Arbeit die Linie ziehen oder - umgekehrt - die Linie den Körper lenken würde. Renée Levi sprayt in ihren neuen Arbeiten eine einzige Linie ohne sie zu unterbrechen auf grossformatige Leinwände und beschreibt dieses Vorgehen als zeichnen. Nicht nur sind physische Ausdauer und psychische Befindlichkeit der visuellen Erscheinung der Linie eingeschrieben. Es lagern sich in ihrer unterschiedlichen Ausprägung auch die Bedingungen des Materials wie Farbqualität oder die Grösse des Sprühkopfs ab.

Die Ausstellung zeigt acht Bilder aus der 2004 entstandenen Serie «kem per», die - zum Teil installativ aneinander geschoben - gegenseitig Bezüge herstellen und sich die räumliche Situation zu eigen machen. Ergänzt durch kleine, früher entstandene Bilder, auf welchen Levi Form und Bewegung der Linien erkundet, vermittelt die Schau eine Dramaturgie, die sich auch auf das bildinhärente Geschehen übertragen lässt: Zunächst orientiert sich die Linie vertikal, ehe sie im Verlauf weiterer Ausdifferenzierungen in einem im letzten Ausstellungsraum präsentierten Bild die Horizontale andeutet. Während dicht aneinandergedrängte Linien ihren seismischen Charakter entfalten, spielt eine grosszügige Linienbewegung mit der Geste des Schreibens. Die schwarze Acrylfarbe hinterlässt auf der hell grundierten Fläche unnachahmbare Figurationen aus satten Linien. Ehe die Spraydose leer ist, versprüht sie die Farbe wie Staubpartikel, welche die Lesbarkeit der Linie auflösen. Dadurch kommt eine Zeitlichkeit ins Spiel, die das, was auf der Leinwand erscheint, in seiner Präsenz unterschiedlich gestaltet. Manchmal leiht gerade die Unschärfe einer Linie dieser ihre visuelle Dichte: In der kontingenten Ausdehnung des Gesprayten flirren Wirbel oder es zeichnen sich wolkenartige Gebilde ab. Und die gelbe Linie, die den dunklen Malgrund durchschimmern lässt, beginnt zu pulsieren und eine räumliche Konfiguration zu entwerfen. In diesen unterschiedlichsten Schwingungen der gesprühten Linien scheint denn auch - im Unterschied zu den früheren fluoreszierenden Arbeiten - das kontinuierliche Zischen der Spraydose wahrnehmbar zu bleiben: Die Linie wird selbst zum Geräusch. Sie fliesst über die Fläche, kratzt oder ritzt sie.

Selbst wenn die Bildflächen meist vollständig mit Linien bezeichnet sind und Levi auch vom «Füllen der Flächen» spricht, sind diese mehr als das bloss Überdeckte. Vielmehr befragt sie mit einem konzeptuellen Ansatz die Fläche als Grund ihrer künstlerischen Handlungen. Wenn Levi Linien zeichnet, damit Flächen füllt, in Serien arbeitet und in Ausstellungen manchmal einzelne Bilder zu wandfüllenden Texturen installiert, verweist das auf eine Suchbewegung: Die neuen Bilder Levis handeln - so könnte man pointieren - von der performativen Aneignung des Grundes, der dem Bild
als Fläche vorausgeht.

Until 
25.03.2005

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