Die RAF-Ausstellung in KW Institute for Contemporary Art

Martin Kippenberger · Ohne Titel, 1986, Leihgeber: Sammlung Speck, Köln, Courtesy Nachlass Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln

Martin Kippenberger · Ohne Titel, 1986, Leihgeber: Sammlung Speck, Köln, Courtesy Nachlass Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln

Besprechung

RAF, das Kürzel steht für Rote Armee Fraktion und ist nach wie vor ein rotes Tuch in der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Zumindest ist die Erinnerung an diese Terrororganisation nach wie vor so präsent, dass gilt, was der Bundesinnenminister a. D. Gerhart Baum bei der Eröffnung gesagt hat: Eine Gruppe junger Menschen hat der Bundesrepublik den Krieg erklärt und der Staat hat diese Kriegserklärung angenommen. Ähnliche Sprengkraft hat es offenbar, wenn
sich eine Kunstinstitution dem (Nach-)Leben der RAF in Kunst und Medien widmet und die Bilder, die in unser kollektives Gedächtnis eingeflossen sind, ausstellt. Genau darin besteht nämlich die Beunruhigung: Man bewegt sich jenseits exakter, verhandelbarer Begrifflichkeit. Und wer hat die Deutungshoheit über die Bilder?

Die RAF-Ausstellung in KW Institute for Contemporary Art

Die Kontroverse hatte sich an einem ungeschickt formulierten Konzeptpapier entzündet, das im Sommer 2003 in der Presse kursierte: Die Verpoppung und Mythisierung der RAF wurde befürchtet, die Opfer würden verhöhnt. Auf breiter Front wurden damals Zweifel an der Ernsthaftigkeit und Legitimität des Projekts geäussert, man distanzierte sich. Die bereits ausgezahlte Förderung durch den Hauptstadtkulturfonds wurde auf politischen Druck wieder zurückgezogen. Danach herrschte Schweigen. Erst eine privat organisierte Benefizauktion Ende 2004 sorgte dafür, dass die bis zuletzt auf der Kippe stehende RAF-Ausstellung im Januar eröffnet werden konnte. Ein Lehrstück für die Vergabepraxis der öffentlichen Hand?

Wie will man nach dieser Vorgeschichte über die RAF-Ausstellung noch etwas sagen? Auch die Ausstellungsmacher, Klaus Biesenbach, Ellen Blumenstein und Felix Ensslin, haben im Lauf der Zeit dazu gelernt und schützen sich jetzt mit der Formulierung: «Dabei haben wir ausschliesslich das ausgestellt, was schon öffentlich, das heisst bereits veröffentlicht war.» Trotzdem ist das Material heiss und spricht Bände.

So gibt es in der grossen Ausstellungshalle eine umfangreiche Zeitleiste mit 29 ausgewählten Daten vom Tod Benno Ohnesorgs 1967 bis zur Auflösung der RAF 1998, wo die führenden west- und falls verfügbar ostdeutschen Medien versammelt sind. Hier kann man im Kontext vermischter Meldungen die RAF-Berichterstattung in ihrer schwankenden Fokussierung verfolgen - und parallel dazu die Mobilmachung des Staates im Kampf gegen den Terror als hysterische, Schule machende Reaktion. Herzstück der Halle aber ist ein weisser Kubus, der in seinem Inneren «Die Toten» von Hans-Peter Feldmann zeigt: Opfer und Täter Seite an Seite - neunzig Menschen, die infolge der Gewalteskalation starben.

Im Raum daneben präsentiert sich die so genannte Gegenöffentlichkeit. Hier befinden sich Flugblätter, Fanzines, Schriften linker Verlage, das Fahndungsplakat, aber auch Fotos von Gudrun Ensslin und Andreas Baader 1969 in einem Café in Paris. Und sofort entsteht vor dem inneren Auge ein Film voller Liebe und Leidenschaft.

Astrid Proll, die früher zum inneren Kreis der «Baader-Meinhof-Bande» gehörte, hat schon vor Jahren Fotos zusammengetragen, die den «Mythos RAF» auch als bewusste Selbstinszenierung illustrieren - auch diese Praxis hat zur heutigen Perfektionierung medialer Inszenierung von Gewalt und Terror beigetragen. Einige dieser Fotos finden sich wieder im weiter oben ausgestellten «Atlas» von Gerhard Richter, der sich ganze Motivserien vornahm und auf ikonische Schemen reduzierte. Das daraus hervorgegangene Hauptwerk, der Zyklus «18. Oktober 1977», ist in der Ausstellung nicht vertreten, aber als Leerstelle trotzdem präsent.

Auch viele andere Arbeiten der rund 40 beteiligten Künstler und Künstlerinnen, Zeitgenossen wie Nachgeborene gleichermassen, setzen sich explizit mit den durch die Medien verbreiteten Motiven auseinander, darunter Johannes Kahrs, der Ulrike Meinhof in Sträflingskleidern mit über dem Kopf erhobenen Armen porträtiert, oder Lutz Dammbeck, der die auf Leinwand gemalten Gesichter der Terroristen zerschneidet und mit Arno-Breker-Figuren zu Frankensteingeschöpfen vernäht.

Manche beschwören mit Orten und Namen unsere Vorstellungen des Terrors herauf, die längst ein Hybrid aus Medienrealität und individueller Sozialisierung geworden sind, wie beispielsweise Johannes Wohnseifer mit seiner Fotografie «Zum Renngraben 8», jener unscheinbaren Hochhaussiedlung, in der Arbeitgeber-Präsident Hanns-Martin Schleyer 1977 gefangen gehalten wurde und vor welcher der Künstler als Junge Skateboard gefahren ist, oder sein schlicht und pathetisch gemaltes «Gudrun». Andere lassen das Leben im Untergrund als offene Textcollage aus Sicht der Nachbarn erstehen (Stih & Schnock) oder untersuchen konspirative Wohnkonzepte (Korpys/Löffler). In der Sphäre zwischen Realität und Imagination bewegt sich auch das Flucht- und Befreiungsfahrzeug aus Volkswagen und Rotorblättern von Franz Ackermann, das Daniel Düsentrieb zur Ehre gereicht hätte.

Ein ganz früher Kommentar stellt die Arbeit von Joseph Beuys dar, «Dürer, ich führe persönlich Baader + Meinhof durch die Dokumenta V», die 1972, etwa zeitgleich zur Verhaftung von Andreas Baader und Ulrike Meinhof, entstanden ist, und damit den Einstieg zu einem weiteren Themenkreis bildet: Stammheim, die Ultima Ratio des Strafvollzugs. Wie das in letzter Konsequenz aussehen könnte, zeigen Rob Moonen und Olaf Arndt mit ihrer «camera silens», einer jegliches Geräusch schluckenden, hermetisch abgeschlossenen Isolationskammer, die grell erleuchtet ist.

Peter Weibel, der übrigens die Ausstellung für das Landesmuseum Joanneum in Graz übernehmen wird, beteiligt sich mit einem bleistiftgeschriebenen Vers aus dem Jahr 1975: «Ich stamme aus Mannheim, mein Heim ist Stammheim.» Dieser Spruch, ein Entwurf für «Marmorliteratur», ist vielleicht der lakonischste Kommentar in einer Ausstellung, die beinahe über «Prada Meinhof» gestolpert wäre und jetzt erstaunlich solide dasteht. Mit zweibändigem Katalog, in der Ausstellung 45 Euro, im Buchhandel 65 Euro.

Until 
15.05.2005

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