Die Ost-Antennen der Pro Helvetia im internationalen Vergleich

Stanislav Filko · Environment Universel, 1966/67, Maison de la culture Grenoble, 1968, Oldenburg, Kunstverein und Kunsthalle Wilhelmshaven, 1969

Stanislav Filko · Environment Universel, 1966/67, Maison de la culture Grenoble, 1968, Oldenburg, Kunstverein und Kunsthalle Wilhelmshaven, 1969

Heinrich Lüber · Performance, Bratislava, 2003, Foto: Filip Vanco

Heinrich Lüber · Performance, Bratislava, 2003, Foto: Filip Vanco

Fokus

Seit 1992 hat die Pro Helvetia in den ehemaligen Oststaaten Aussenstellen betrieben, die laut einer unabhängigen Evaluationsstudie der österreichischen Kulturdokumentation exzellente Arbeit geleistet haben. Leider werden drei der vier Aussenstellen bis Ende Jahr geschlossen mit der Begründung, dass mit der Osterweiterung der Europäischen Union diese Förderung nicht mehr prioritär sei. Im folgenden Gespräch erläutert Veronika Ratzenböck, welche die Evaluation durchgeführt hat, welche Rolle die Pro Helvetia mit ihren Aussenstellen in Prag, Budapest, Bratislava und Krakau im internationalen Vergleich gespielt hat.

Die Ost-Antennen der Pro Helvetia im internationalen Vergleich

Patricia Grzonka Welches sind die generellen Linien einer Auslandskulturförderung? Gibt es Unterschiede in den einzelnen Ländern?

Veronika Ratzenböck Es gibt nicht so viele unterschiedliche Varianten. Lange Zeit war die Rolle von Auslandskulturinstituten auf den Bereich «kulturelle Diplomatie» zugeschnitten, mit dem Ziel, ein positives Image des Landes durch Kultur zu vermitteln und dadurch diplomatische Aktivitäten zu erleichtern. «Kulturelle Diplomatie» wird hauptsächlich über bilaterale Kulturabkommen organisiert und ist ganz klassisch in den verschiedenen Sparten angesiedelt. Länder wie Frankreich und Grossbritannien haben eine lange Tradition, ihre Auslandskulturaktivitäten an die Sprache zu binden, indem sie beispielsweise Sprachkurse oder Dichterlesungen anbieten. Dann gibt es das Modell der entwicklungsorientierten Kulturarbeit. Hier würde ich die Pro Helvetia einordnen.

PG Indem hier die Kulturförderung an politische und wirtschaftliche Entwicklungsarbeit gekoppelt wird?

VR Ja, indem man in den jeweiligen Ländern Strukturen aufbaut und Ressourcen anzapft oder zur Verfügung stellt, kann man auch dort aktiv werden, wo es Defizite gibt. Daneben existiert aber immer noch die klassische Form des Kulturexports, als eine der einfachsten Möglichkeiten zur Kulturförderung im Sinne eines kulturellen Transfers zwischen den einzelnen Ländern. Aber hier entwickelt sich ein neuer Trend. Der bewegt sich in Richtung eines dialogischen, professionellen Austauschs, in dem es darum geht, Partnerschaften zu etablieren, mit denen Kulturkonzepte entwickelt werden können. Da haben sowohl Deutschland als auch Österreich seit dem Jahr 2000 wichtige Schritte gemacht.

PG Wie sind die inhaltlich definiert?

VR Die Schwerpunkte dieser Auslandskulturpolitiken sind etwa: Auslagerung des Veranstaltungsmanagements an Multiplikatoren vor Ort, Reduktion der dortigen Infrastruktur und Konzentration auf thematische Schwerpunktprojekte. Österreich geht beispielsweise beim Auslandskulturkonzept von vier Hauptpunkten aus: zum einen sind das einige wenige Kulturzentren, meist grössere Häuser in New York, Paris oder London, die sehr imageträchtig und dabei autonom in ihrer Programmierung sind. Eine weitere Ebene wurde definiert als «Entwicklungsregionen» für den Kulturaustausch, womit eine multilaterale Kulturarbeit gemeint ist. Diese Regionen sind zur Zeit der Kaukasus, Südosteuropa sowie der Balkan. Die dritte Ebene sind die kulturellen Nachbarbeziehungen. Hier wird gerade innerhalb des Regionenprojektes «Centrope» ein länderübergreifendes Gesamtprojekt für Mitteleuropa entwickelt. Dies verweist auf die vierte Ebene der österreichischen Auslandskulturarbeit, auf Projektzentren auf Zeit für die Regionen.

PG Die Schweiz unterhielt seit 1992 vier Auslandskulturbüros in den Visegrad-Staaten: in Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei. Diese wurden zunächst von der DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) eingerichtet und gingen dann an die Pro Helvetia über. Zurzeit werden von der Pro Helvetia in acht südosteuropäischen Staaten weitere Kulturbüros betrieben. Existieren vergleichbare Ansätze in anderen Staaten?

VR Grossbritannien fällt mir dazu ein, das ebenfalls in diesen Regionen aktiv ist und sich jetzt neue Konzepte überlegt, um in erster Linie flexiblere und kostengünstigere Strukturen aufzubauen. Auch in Deutschland möchte man wegkommen von den organisatorisch aufwändig betriebenen Häusern der Goethe-Institute, die vor allem die Funktion von Kommunikations- und Begegnungszentren haben. Veranstaltungsorte vor Ort sind notwendig, aber eine schlanke Struktur auch. Deshalb sind Kooperationen mit den verschiedenen Kulturinstitutionen im Land so wichtig.

PG Bedeutet das im wesentlichen einen Schritt zu einem diversifizierteren Kulturkonzept, weg von den alten paternalistischen Modellen?

VR Natürlich. Da würde man nicht mehr nur auf einer Oneway-Ebene kommunizieren, sondern in Zusammenarbeit mit den Kulturinstitutionen, KünstlerInnen und Kulturvermittlern in den jeweiligen Ländern. Es wäre offener, interessanter und spannender, weil diverser. Man kommt viel näher an das tatsächliche Kunstgeschehen heran. Dies entspricht natürlich viel mehr der Kunst, die eigentlich immer grenzüberschreitend ist und sich oft nur informell bewegt. Ganz wesentlich dabei ist auch die Interdisziplinarität, nicht nur innerhalb der Sparten. Viele Kunstprojekte können nur mehr spartenübergreifend, in grösserem Rahmen realisiert werden. Man arbeitet zusammen mit der Wirtschaft, dem Sozialbereich, bezieht neue Technologien mit ein usw. Das heisst, man braucht vielseitige Kompetenzen und Fähigkeiten.

PG Sie haben für die Stiftung Pro Helvetia eine Evaluationsstudie über die vier Kulturbüros in Prag, Budapest, Bratislava und Krakau verfasst. Könnten Sie deren Resultate kurz resümieren?

VR Zusammenfassend kann man sagen, dass diese vier Büros - alle klein, mit kleinen personellen Strukturen und kleinem finanziellem Rahmen ? einen sehr grossen Output gehabt haben. Sie waren und sind ungewöhnlich stark präsent mit einem ausgesprochen guten Image und grossem Prestige für die Schweiz. Alle vier Auslandsbüros haben den Akzent auf zeitgenössische Kunst und Kultur gelegt, hierbei unterscheiden sie sich stark von den anderen Auslandspräsenzen. In Bratislava beipielsweise war die Pro Helvetia die einzige Aussenstelle, welche die zeitgenössische Kunst, die unter Meciar nicht existieren sollte, gefördert hat, um nur ein Beispiel zu geben. Konkret heisst das, dass hier die Pro Helvetia nationale Defizite ausgeglichen hat.

PG Kann man sagen, dass diese Büros zur Bekanntheit der Schweiz als «Kulturnation» oder zum Image der Schweiz in diesen Ländern beitragen konnten?

VR Das bestehende traditionelle Bild der Schweiz, das ja nicht primär mit Kultur verbunden ist, konnte durch die ? man könnte fast sagen - «avantgardistische» Kulturförderung dieser Büros revidiert werden. Hier konnte vermittelt werden, dass die Schweiz eine engagierte, zeitgenössische und dynamische Kunst- und Kulturszene hat. Ich fand interessant, dass diese Büros den Auftrag hatten, nicht nur Schweizer KünstlerInnen in die Visegrad-Länder zu bringen, sondern auch den Austausch der KünstlerInnen aus diesen Ländern in die Schweiz zu forcieren. Auch die Kooperation zwischen den vier Büros mit dem Auftrag der vernetzten Kulturarbeit funktionierte trotz unterschiedlicher Rahmenbedingungen eigentlich gut.

PG Mit dem Argument, dass diese Staaten 2004 durch ihren Beitritt zur EU einer neuen finanziellen Struktur und Kulturpolitik angegliedert wurden, sollen nun diese Büros geschlossen werden beziehungsweise für die gesamte Region eine neue Organisationsstruktur gefunden werden. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung?

VR Ich verstehe natürlich das Argument, dass man sagt, Kunst- und Kulturförderung wird nun eben durch neue Töpfe von der EU abgedeckt, man braucht die Schweiz, die ja selbst nicht in der EU ist, nicht mehr dazu. Ich teile auch teilweise das Argument, dass es nicht notwendig ist, in allen diesen vier Ländern Büros zu betreiben, sondern über eine einzige Zentrale zu agieren, um so einen viel breiteren Kooperations- und Austauschraum zu betreuen. Aber das Gegenargument ist doch, dass man hier sorgfältig aufgebaute Strukturen gewissermassen verschleudert, obwohl diese mit einer Korrektur auf aktuelle Bedürfnisse sehr einfach umzunutzen wären.

PG Diese Region ist stark geprägt von den jüngsten politischen Geschehnissen. Welchen Beeinflussungen ist die Auslandskulturförderung dadurch unterworfen?

VR Mit den Auswirkungen der Globalisierung und der Veränderung der politischen Landschaft Europas haben sich auch die Rahmenbedingungen für den Bereich der Auslandskultur beziehungsweise der transnationalen kulturellen Kooperation in ganz Europa wesentlich geändert. Die involvierten AkteurInnen und Institutionen müssen ihre Ziele und Strategien den geänderten Verhältnissen anpassen. Politische Veränderungen spiegeln sich nicht nur im wirtschaftlichen Bereich, sondern auch in einem veränderten Konsum- und Kulturverhalten. In den Staaten mit ihren sozialistischen Systemen hatte die Kultur eine viel stärkere Bildungsfunktion inne. Jetzt müssen sich auch diese Bereiche vermehrt nach Marktkriterien orientieren. Prioritär war in diesen Staaten die repräsentative, nationale Hochkultur, die auf einige Häuser, auf Opern und Staatstheater und auf das kulturelle Erbe bezogen war. Der zeitgenössische, avantgardistische Bereich, der Mainstream, entwickelt sich erst jetzt.

PG Welche Form soll eine ausländische Kulturpräsenz vor Ort aufweisen?

VR Die reale Vorortpräsenz ist natürlich wichtig, aber nicht in dem Sinne, dass man dort grosse Häuser betreibt. Man müsste neue Formen schaffen, temporäre Büros für strategische Partnerschaften und Netzwerksbildung. Eine Möglichkeit besteht auch darin, eine Beteiligung bei einer Grossveranstaltung zu übernehmen, wobei sich das nicht auf belangloses Sponsoring reduzieren darf, sondern sehr wohl auch eine Mitbeteiligung an der Programmierung umfassen soll, um auch auf inhaltlicher Ebene zu greifen.

PG Nun werden neben den klassischen staatlichen Förderungen immer häufiger auch private Kultursponsoren in den Ländern Zentraleuropas aktiv. Ein prominentes Beispiel in Österreich ist das Engagement der Erste-Bank-Gruppe, die ein ambitioniertes Programm initiiert hat, das stark auf Interdisziplinarität und Netzwerksarbeit setzt. Gibt es da einen Interessenkonflikt zwischen privaten und staatlichen Förderern?

VR Da kann es keinen Konflikt geben. Das Einzige, was wirklich effektiv ist, sind Kofinanzierungsmodelle. Und hier bringt die Beteiligung möglichst vieler nur Synergien und in dem Sinne einen gesunden Wettbewerb. Die Erste Bank betreut für die Länder um Österreich sehr elitäre, gut strukturierte, professionell und kompetent durchgeführte Projekte. Siemens zum Beispiel hat spezifisch für Mittel- und Osteuropa einen ähnlichen Schwerpunkt und ich finde das eine ganz positive Entwicklung. Diese Mischformen der Finanzierung werden sicher die Zukunft für die Kulturarbeit sein.

1992 Gründung der Aussenstellen in den Visegrad-Staaten als Antennen der Pro Helvetia mit Unterstützung der DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit), seit 2000 sind Programmierung und Finanzierung an die Pro Helvetia übergegangen. Im Bereich der Bildenden Künste waren die vier Büros besonders im gegenseitigen Austausch von KuratorInnen und KünstlerInnen zwischen ihren Ländern und der Schweiz aktiv, wie auch bei der Organisation und Unterstützung von Ausstellungen, Performances und Workshops. Ab Ende 2004 werden halbjährlich die Büros in Budapest, Bratislava und Prag geschlossen. Das Krakower Büro zieht im Juni nach Warschau um. Zurzeit existieren acht weitere Geschäftsstellen der Pro Helvetia als Mandat der DEZA in Südosteuropa und der Ukraine: in Belgrad, Bukarest, Pristina, Sarajewo, Skopie, Sofia, Tirana und Kiew.

Veronika Ratzenböck, Kulturwissenschaftlerin, gründete 1991 die «Österreichische Kulturdokumentation. Internationales Archiv für Kulturanalysen» und leitet seither dieses Institut für angewandte Kulturforschung. Arbeitsschwerpunkte sind: Kulturpolitik im internationalen Vergleich, Kultur und Beschäftigung, Cultural Diversity, urbane Kuturpolitik.

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