La Condition Humaine

Aneta Grzeszykowska · Album, 2005, Fotografien in Album, Courtesy Aneta Grzeszykowska; Raster, Warsaw

Aneta Grzeszykowska · Album, 2005, Fotografien in Album, Courtesy Aneta Grzeszykowska; Raster, Warsaw

Jorge Queiroz · June 17 1972, 1998, Video still, Courtesy Jorge Queiroz, Galerie Nathalie Obadia, Paris

Jorge Queiroz · June 17 1972, 1998, Video still, Courtesy Jorge Queiroz, Galerie Nathalie Obadia, Paris

Fokus

Die 4. Berlin Biennale präsentiert sich formal schlüssig und atmosphärisch dicht. Inhaltlich setzt sie auf ein zwar düsteres, aber durchaus kunstmarktkompatibles Zeitgeistgefühl.

La Condition Humaine

Asger Jorn - Dead Artist, Barbara Hepworth - Dead Artist, Marc Chagall - Dead Artist. Eine ganze Reihe von solchen toten Künstlern hat Benjamin Cottam (*1975) in fragilen Miniaturen porträtiert, winzigen Zeichnungen, die wie Totenmasken eine der unteren Wände in den Berliner Kunstwerken säumen. Eine makabre Galerie? Vielleicht. Eine ironische Volte? Eher nicht. Eine plakative Geste? Schon möglich.

Es bleibt vieles im Ungefähren bei dieser 4. Berlin Biennale, die acht Jahre nach der ersten Ausgabe, 1998 «Berlin/Berlin», dank gesicherter Finanzierung nun turnusgemäss angelaufen ist. Die Kuratoren Massimiliano Gioni, Ali Subotnick und Maurizio Cattelan haben rund 130 Beiträge von 70 Künstlern entlang eines suggestiven Parcours zusammengestellt und diesen in der Auguststrasse im Galerienviertel in Berlin Mitte in Szene gesetzt. Von einem alten Militärfriedhof bis zu einer neoromanischen evangelischen Kirche ? mit einer leicht schauerromantischen Installation von Andro Wekua, mit dem dieser an seinen toten georgischen Vater erinnert, sowie der lakonischen Arbeit des Belgiers Kris Martin, einer leer klickenden, mechanischen Anzeigetafel - erstreckt sich die Ausstellung auf der rund 900 Meter langen Strasse. Man flaniert vorbei an einem Baucontainer mit einem Video über eine Radtour in die Niederungen der deutschen Neonazi-Gegenwart (Erik van Lieshout), besucht einen alten Ballsaal, wo sich ein Schauspielerpärchen auf dem Boden küsst und ab und an den Namen des Künstlers (Tino Sehgal) ruft, oder tritt in die ehemaligen Pferdestallungen des alten Berliner Postfuhramtes, das gerade frisch für Partyaktivitäten renoviert wurde. Die Konzentration auf die Auguststrasse trägt wesentlich zu der geschlossenen Gesamtatmosphäre bei, die zu den stärksten Eindrücken der Biennale gehört. So werden auch einige Privatwohnungen als Ausstellungsorte miteinbezogen - die ländlich-mönchische Klause des Malers Norbert Schwontkowski, dessen Bilder dort zu sehen sind, oder das Erdgeschossappartement eines DDR-Intellektuellenpaars, wo ein Tisch und ein Bett zu vibrieren beginnen (Damián Ortega) und ein bearbeitetes Fotoalbum vergessen herumliegt (Aneta Grzeszykowska).

Die Dichte der Stimmung ist aber auch ein Produkt der Konsequenz, mit der die Kuratoren ihre thematischen Vorgaben - bei allem Unwillen, ein Konzept oder eine reflektierte Erklärung abzugeben - verfolgen und dabei die inhaltlichen Debatten der letzten Jahre weitläufig umschifft oder gar eliminiert haben. Vorbei die Dokumentarismen, Repräsentationskritiken, sozialen Analysen - Interesse am Ungefähren, an den «ewigen» Bedingungen des Lebens wird signalisiert und damit auch an einem neuen Konservativismus. Zurück sind die allgemeinen Fragen nach den Bedingungen der Existenz (Mircea Cantor), Geburt (Corey McCorkle) und Tod (Roberto Cuoghi). Unerklärliches, paranormale Phänomene (Jorge Queiroz), Melancholie (Tacita Dean) sind Thema der Arbeiten. Existenzialistisch wird es nicht nur in thematischer Hinsicht, sondern auch auf formaler Ebene: Büstenskulpturen (Paloma Varga Weisz), neorealistische Installationen (Hammwöhner/Jakob/Vormstein), aber auch die Plastik eines kleinen Jungen, der auf die Schulbank festgenagelt ist (Tadeusz Kantor), erinnern in ihren surrealen Momenten an ein vergangenes kunsthistorisches Zeitalter. Das «Motto» dieser ganzen Veranstaltung «Von Mäusen und Menschen» entstammt denn auch einem dunklen Roman von John Steinbeck aus den dreissiger Jahren. Und so lastet die gesamte depressive Stimmungslage dieses Buches auf der Ausstellung wie eine hermetische Käseglocke.

Die Hauptausstellungsorte sind mit den Kunstwerken als institutionellem Veranstalter der Biennale einerseits bereits bekannt, andererseits wurde mit der ehemaligen jüdischen Mädchenschule ein bisher geschlossener Ort neu aufgetan. In diesem spektakulärsten Gebäude der Biennale bröckelt der Putz von den Wänden, die hängengebliebenen Schultafeln erinnern an längst überholten Physikunterricht und die Mustertapeten in vielen Zimmern bilden den grösstmöglichen Kontrast zu jeder White-Cube-Galerie. Hier betritt man eine Zeitkapsel, die präsentierte Kunst scheint eigens für diese Räume hergestellt worden zu sein, so sehr verschwindet sie in der halluzinatorischen Inszenierung.

«Kunst ist Pop» jubelte das Berliner Stadtmagazin «Zitty» in Hinblick auf die Biennale und feierte den Kurator als neuen DJ, die Galerie als neuen Club - interessant nur, dass Spasskultur diesmal in einem so düsteren Kostüm daherkommt. Aber trotz aller suggerierten Tiefe der Themen, trotz einer präsenten Geschichtlichkeit in der Auguststrasse geht es hier nicht um die Analyse einer historischen Situation. Es handle sich eher um Ruinenromantik, die Archäologie von Gefühlen, meinten die Kuratoren und die Auguststrasse sei «nur ein Beispiel», das überall sein könne. Damit aber entgeht die Ausstellung dennoch nicht dem Berliner Nachwendekrisen-Mythos, der noch immer das Bild und das Leben der Stadt prägt.

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