Andrea Good in der Galerie Semina Rerum

Andrea Good · Zürich Paradeplatz, 27.7.06, Farbpapier, 183 x 390,5 cm

Andrea Good · Zürich Paradeplatz, 27.7.06, Farbpapier, 183 x 390,5 cm

Besprechung

Zunehmend scheinen Künstler das Bedürfnis zu verspüren, der Zeitbeschleunigung entgegenzuwirken. Für ein solches Unterfangen eignet sich die Camera obscura geradezu ideal.

Andrea Good in der Galerie Semina Rerum

Die überdimensionalen Bilder der Fotokünstlerin Andrea Good (*1968) strahlen und leuchten schon von weitem in intensiven Rot-, Orange- und Blautönen aus den Galeriefenstern. Noch nie hat man diese Orte so gesehen: den nüchternen Paradeplatz, das Bahnhofsgebäude, die Flaniermeile Limmatquai oder die verbaute Werdstrasse: entrückt, traumhaft und unwirklich. Seitenverkehrt und negativ abgelichtet eignet den Gebäuden etwas Geisterhaftes, geradezu Apokalyptisches an. Die Plätze und Strassen sind menschenleer und scheinen so in fast unheimlicher Ruhe dazuliegen. Die Bilder wirken dank einer leichten Weichzeichnung, die typisch für das Bild aus einer Lochkamera ist, wie gemalt. Die malerische Wirkung wird durch den Einsatz von verschiedenen Farbpapieren und einem zusätzlichen Filter enorm gesteigert. Dies wird besonders deutlich im Vergleich zu den anfänglichen Schwarz-Weiss-Aufnahmen.

Diese fast magische Verwandlung erzeugt Andrea Good durch die Urform aller fotografischen Geräte, nämlich die Camera obscura. Simpler könnte die Methode nicht sein: Mit einem lichtdichten Kasten wird durch einen Lichtstrahl, der durch ein Loch einfällt, ein Abbild der Aussenwelt auf die Rückwand des Kastens projiziert, seitenverkehrt und auf dem Kopf stehend. Diese Methode erfordert allerdings lange Belichtungszeiten und nötigt der Zürcher Fotografin entsprechend Geduld ab. Als wäre das nicht genug, verwendet Andrea Good als Gehäuse einen Schifffahrtscontainer, der ein Überbleibsel aus ihrer Ausbildungszeit an der Hochschule für Gestaltung Zürich ist. Verständlich, dass sie mit diesem Riesenmöbel immer wieder aneckt und ihr je nach Standort die polizeiliche Bewilligung verweigert wird. So macht sie aus der Not eine Tugend und verwandelt zuweilen auch etwa ein Hotelzimmer, die romanische Kirche St. Arbogast in Oberwinterthur, Büroräume oder den Raum der Galerie Semina Rerum in temporäre Lochkameras. In unterschiedlich langen Belichtungszeiten lagert sich Schicht um Schicht auf dem Fotopapier ab, sodass die Zeit selber sichtbar wird. Aufgrund der langen Belichtungszeiten kann die Lochkamera nur das aufzeichnen, was von Dauer ist. Daher verschwindet das Flüchtige. Erscheinungen wie Autos und Passanten sind lediglich noch in Spuren oder als Hauch wahrnehmbar. Dabei entstehen Bilder, in denen das Flüchtige unserer Existenz zu einer eindringlichen Metapher gerinnt.

Until 
26.01.2007

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