Münsters Skulpturensommer

Rosemarie Trockel · Weniger wild als andere, 2007, Foto Roman Mensing/sp07 © ProLitteris Zürich

Rosemarie Trockel · Weniger wild als andere, 2007, Foto Roman Mensing/sp07 © ProLitteris Zürich

Michael Asher · Installation Münster (Caravan), 2007, Foto cckj

Michael Asher · Installation Münster (Caravan), 2007, Foto cckj

Fokus

In ihrer vierten Ausgabe knüpfen die Skulptur Projekte Münster an frühere Auftritte an und lassen erstmalig auch Film und Internet zum Zuge kommen. Diese werden in diversen nicht-musealen Innenräumen gezeigt. Erneut bietet sich das Fahrrad als optimales Verbindungsvehikel an.

Münsters Skulpturensommer

Die vierte Ausgabe bleibt der Tradition verhaftet, was ihr aber gut bekommt

Gibt es - gute - Gründe, weshalb man in diesem «Kunstsommer» den Skulpturen-Parcours in und um die Stadt Münster aufsuchen sollte? Die gibt es. Neben vielen gelungenen Arbeiten, die im Aussenraum auf Zeit entstanden sind, ist es vor allem auch der legere Umgang, die unprätentiöse Art, wie hier mit Kunst umgegangen wird, und nicht zuletzt die spürbare Anbindung an eine beteiligte Öffentlichkeit, die einen Besuch bei den Skulptur Projekten Münster zum Vergnügen macht, bei dem tatsächlich auch etwas gelernt werden kann. Und schliesslich findet diese Ausstellung auch nur alle zehn Jahre statt.
1977 gegründet, sind die Skulptur Projekte Münster 07 nun die vierte Ausgabe eines Projekts, das sich, wie die Kuratoren Kasper König, Brigitte Franzen und Carina Plath meinen, auch als Teil einer «Langzeitstudie» über das Verhältnis von Kunst und Öffentlichkeit verstehen lässt. Ursprünglich entstanden aus der Notwendigkeit, einen lokalen Konflikt um eine zeitgenössische Skulptur zu thematisieren, entwickelte sich eine ambitionierte Skulpturen-Schau, deren Stärke bis heute darin liegt, einem erweiterten Publikum den Stand von autonomer Kunst, die in die Stadt implementiert wird, nahe zu
bringen. Was, so kann man jedesmal in Münster wieder erleben, auch wirklich funktioniert, angesichts der vielen Personen, die sich mit ihren Plänchen und Kurzführern in den Händen auf die Suche nach der Skulptur in Münster begeben. Da spielt es auch keine Rolle, dass sich der Skulpturenbegriff seit 1977 erheblich verändert hat und dass man doch insgesamt einem eher konservativen Verständnis von Skulptur im Sinne von Wucht und Masse nachhängt. Vielmehr ist die Sichtbarkeit, die dadurch erreicht wird, einer unvermittelten Diskussion über die einzelnen Arbeiten förderlich und scheint hier wichtig zur Herstellung von Öffentlichkeit.

Neue Medien und historische Bestände  So finden sich, erstaunlich genug, zum erstenmal in dieser Ausgabe 2007 Arbeiten, die Medien wie Film und Internet verwenden. Diese gehören allerdings nicht zu den besten Werken. Fast scheint es, als ob sich diese Medien hier im Kontext von Stadt und Öffentlichkeit erst noch beweisen müssten. Der Tiefpunkt dabei ist Eva Meyers und Eran Schaerfs Auseinandersetzung mit an sich interessantem historischem Filmmaterial von und aus Münster, das in eine unzumutbar konstruierte Form von theatralischer Vermittlung gepresst wurde. Clemens von Wedemeyer hat das stillgelegte Kino Metropolis beim Bahnhof wiederbelebt und zeigt dort einen Film mit Ortsbezug zum Bahnhof: Passanten gehen vorbei, Flüchtiges ereignet sich, Figuren queren den Platz, Stimmen und Gedankenfetzen auf der Tonspur - auch dies eine eher banale Assemblage, die eine etwas fragwürdige Ortskonstruktion vorgibt, die allerdings gewinnt, sobald sich der Duft frisch gepoppten Corns durch den an sich stillgelegten Kinosaal zieht. Anders der Film von Deimantas Narkevic?ius, der im Innenhof des LWL-Landeshauses als Grossprojektion installiert ist und den Begriff Skulptur am Beispiel einer übergrossen Marxbüste in einen politischen Kontext hebt. Die Geschichte demontierter Denkmäler aus der Sowjetzeit mit historischem Filmmaterial lässt Narkevicius im Jahr 2000 spielen, eine geglückte Fiktionalisierung des Stoffes.
Zu den interessanten Erfahrungen dieser vierten Skulpturenschau gehört auch die Möglichkeit des Vergleichs mit älteren Plastiken, die in der Stadt stehengeblieben sind, mit Arbeiten von Daniel Buren, Claes Oldenburg, Jenny Holzer, George Brecht, Rachel Whiteread oder George Pardo beispielsweise, deren Ansprüche oftmals ganz andere waren als heute, obwohl die Kernproblematik - die Privatisierung des öffentlichen Raumes und die Bedürfnisse der Bevölkerung in einer mehr und mehr kommerziellen Sphäre - auch bereits vor 30 Jahren gegeben war. Nachvollziehen lässt sich dies auch in der schönen Archivausstellung im LWL-Landesmuseum, wo nicht nur Originale der vergangenen drei Ausstellungen, wie Projektskizzen, Briefwechsel oder Zeitungsdokumente zu sehen sind, sondern auch auf den weiteren kulturellen Kontext der jeweiligen Zeit hingewiesen wird, wie etwa auf Bücher von Jürgen Habermas (Strukturwandel der Öffentlichkeit, 1962), Alexander Mitscherlich (Die Unwirtlichkeit unserer Städte, 1965) oder Richard Sennett (Die Tyrannei der Intimität, 1977). Im assoziierten Westfälischen Kunstverein wird parallel dazu Gustav Metzgers Projekt «Aequivalenz - Shattered Stones» dokumentiert.
Überraschend ist es daher nicht, wenn sich in diesem Jahr einige neue Arbeiten mit dem historischen Bestand der Ausstellung selbst auseinandersetzen. Dominique Gonzalez-Foerster hat einen entzückenden Skultpurengarten mit Miniaturmodellen von früheren Werken zusammengetragen, auch von solchen, die in Münster wieder abgebaut wurden, wie etwa Thomas Hirschhorns Beitrag von 1997. Geschichte und unterschiedliche Programmatiken von plastischer bildender Kunst sind auch Thema des Theaterstücks «Drama Queens» von Michael Elmgreen & Ingar Dragset, das für die florale Originalarchitektur der 1950er Jahre des Städtischen Theaters entstanden ist. Sechs «Superstars aus der Geschichte der modernen Skulptur» (von Alberto Giacometti, Barbara Hepworth, Ulrich Rückriem, Jeff Koons, Sol Lewitt, Hans Arp und Andy Warhol) sind dem Museum entkommen und beliefern sich gegenseitig mit kunsthistorischem Klatsch und einem verbalen Schlagabtausch über ästhetische Konzepte und die diversen «Ismen», die hinter diesen Figuren stehen.

Lokale Geschichten  Ein historisches Projekt ganz anderer Art, das erstaunlicherweise kaum gealtert ist, auch wenn das dazu verwendete Wagenmodell bereits längst in die Kategorie Oldtimer gehört, ist Michael Ashers Wohnmobil, das Woche für Woche an einem anderen Ort im Stadtbild abgestellt wird. Seit 1977 ist es bereits dabei als eine Art «Geschichte in Progress» und konterkariert so noch immer und immer wieder mit seiner Idee von Flüchtigkeit und Täuschung die Monumentalität von Denkmälern im städtischen Raum. Von den insgesamt 34 Projekten, die diesmal realisiert worden sind, befassen sich mehrere Arbeiten mit der lokalen Geschichte. So recherchierte Silke Wagner mehrere «Geschichten von unten», deren erste von der Person des Münster Bürgers Paul Wulf handelt, der von den Nazis zwangssterilisiert wurde und der nach dem Krieg ein umfangreiches Archiv mit antifaschistischem Dokumentationsmaterial zusammentrug. Auch Martha Rosler versucht einen aufklärenden Blick auf Teile der Geschichte Münsters, indem sie in ihrem Projekt «Unsettling the Fragments» die Aufmerksamkeit auf architektonische Details an städtischen Gebäuden lenkt, wie etwa die schaurigen Käfige hoch am Turm der gotischen Lambertikirche, in denen im 16. Jahrhundert die Leichen von Wiedertäufern zur Schau gestellt wurden. Roslers Arbeit bleibt zwar in einem undifferenzierten historischen Ansatz stecken, wirft aber selbst ein erhellendes Licht auf die Projektion von US-amerikanischen Bürgerinnen, die sich mit einer so «reichen» Geschichte wie derjenigen Münsters konfrontiert sehen. Einen nicht ganz so durchsichtigen und etwas charmanteren Beitrag liefert da die komprimierte «Denkmal und Freizeitanlage York Engelen Schmitz» von Manfred Pernice, die eigentlich die Problematisierung eines Problems selbst darstellt, nämlich einen geeigneten Ort für ein Erinnerungsmal zu finden und dies unter Verwendung von gebrauchten Baumaterialien sowie Textfragmenten auch schafft.

Site Specific und Service-Kunst  Einige site-spezifische Arbeiten, die Ephemeres erkennen lassen, ziehen sich entlang des Freizeitgewässers Aasee, wie beispielsweise der traumverlorene «Trampelpfad» von Pawel Althamer oder Rosemarie Trockels Eibenhecke in Kubusform, die in direkter Nachbarschaft zur massiven Ringinstallation von Donald Judd gepflanzt worden ist und so auch als ein ironischer Kommentar auf eine frühere Arbeit der Skulptur Projekte gelesen werden kann. Und schliesslich finden sich diesmal in Münster auch aktuelle Formen von servicebezogener Installationskunst: Mike Kelleys rührender Streichelzoo mit Ponys, Schafen, Kühen und Hühnern in einer Hinterhofanlage in der Nähe des Bahnhofs oder Hans-Peter Feldmanns sanierte und neu ausgestattete öffentliche Toiletten am Domplatz, dem gesellschaftlichen Zentrum von Münster. Als eine Art umgekehrter Service lassen sich auch Andreas Siekmanns geschredderte Stadtmarketing-Figuren verstehen, die Kunststoff-Kühe, Löwen etc., die seit den 1990er Jahren einen Siegeszug durch die Innenstädte der westlichen Hemisphäre angetreten haben und überall irgendwann auftauchen - Siekmann hat sie zu einer Trashskulptur vor einer barocken Fassade zusammengestaucht. Wer sich aber für all diese Geschichten nicht interessiert, lässt sich vielleicht in Maria Pasks friedlicher Zeltstadt im Garten des Schlosses nieder und trinkt einen kleinen Tee. Hier soll man sich nicht nur ausruhen, sondern kann sich in pastoraler Atmosphäre über Religionen und Denkrichtungen der Welt informieren, die auf der grünen Wiese alle ein visionär-idyllisches Nebeneinander gefunden haben.

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