Emily Jacir im Kunstmuseum St. Gallen

Emily Jacir · Memorial..., 2001, Zelt und Stickerei,
Ausstellungsaufnahme Kunstmuseum St. Gallen

Emily Jacir · Memorial..., 2001, Zelt und Stickerei,
Ausstellungsaufnahme Kunstmuseum St. Gallen

Besprechung

Das Kunstmuseum St. Gallen zeigt das vielseitige Werk der Palästinenserin Emily Jacir, das auf die dramatischen politischen Umstände im Nahen Osten fokussiert. Erstmals ist dieser aussergewöhnlichen Künstlerin eine Einzelausstellung in der Schweiz gewidmet.

Emily Jacir im Kunstmuseum St. Gallen

418 palästinensische Dörfer sind 1948 durch Israel zerstört, ausgesiedelt und besetzt worden. Die Namen dieser Dörfer hat nun die palästinensische Künstlerin Emily Jacir mit Hilfe von über Hundert, meist exilierten PalästinenserInnen auf ein Flüchtlingszelt gestickt. Entstanden ist eine Gedenkstätte, die angesichts der fortdauernden Besatzung notgedrungen als «work in progress» angelegt ist und gegenwärtig in einem Raum des Kunstmuseums St. Gallen steht. Die Dorfnamen sind nicht arabisch, sondern auf Englisch geschrieben und jeder Betrachter kann sich fragen, warum er noch nie von ihnen gehört hat. Wir erfahren, dass sie von der offiziellen israelischen Geschichtsschreibung ausgelöscht worden sind. Für die Stickerinnen und Sticker muss die Auseinandersetzung mit den Erinnerungen quälend sein, besonders angesichts der Tatsache, dass die Situation kaum Hoffnung zulässt. Entsprechend evozieren die im Inneren des Zeltes herunterhängenden Fäden Haarsträhnen, leblose menschliche Glieder oder Tränen.
Für die in Saudi-Arabien aufgewachsene, in Ramallah und New York lebende Künstlerin Emily Jacir (*1970) sind Themen des Exils, des Verlustes und der eng begrenzten Mobilität zentral. Die beeindruckende Videoarbeit «Crossing Surda (a record of going to and from work)», 2002, ist wohl nur dank ihrer privilegierten Situation als Inhaberin eines amerikanischen Passes realisierbar gewesen. Mit einer in der Handtasche versteckten Kamera filmte die Künstlerin ihren täglichen Fussmarsch zwischen Ramallah und der Universität Birzeit durch den schwer bewachten Surda-Kontrollpunkt.
Auf Jacirs ungeschönte Art, die politischen Umstände im Nahen Osten zu thematisieren, reagierten viele BetrachterInnen mit emphatischen, aber auch mit gehässigen Rückmeldungen per Mail. Die Mails hat Emily Jacir auf Holztafeln in A4-Format in oft krakeliger Schrift abgemalt, welche nun friesartig im Oberlichtsaal hängen. Aus ihrer Lektüre erfahren wir viel über die Ängste, Trauer, Wut und Bedrohung, denen ihre Freunde ausgesetzt sind. Die Suche nach Identitäten arabischer Völker und der Angehörigen der arabischen Diaspora im Westen liegt der Film-Doppelprojektion «Ramallah/New York» zu Grunde, die schon 2005 an der Biennale in Venedig gezeigt wurde. Die Videoarbeit handelt von Alltagssituationen in den beiden Wohnorten der Künstlerin. Ob in New York oder Ramallah lässt sich jeweils gleich feststellen, auch wenn sich die Lokalitäten in New York offensichtlich in einem palästinensischen Quartier befinden. Die Ausstellung zeigt auf, dass Emily Jacir es versteht, das Überleben in einer politisch ausweglosen Situation in eine ganz eigene metaphorische Sprache zu packen. Dabei sind bedeutungsvolle und tragische Geschehnisse auf subtile Weise angedeutet und selbst dem Unwiderbringlichen vermochte die Künstlerin poetische Momente abzugewinnen.

Until 
24.11.2007

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