Véronique Zussau in der Kunsthalle

VÉRONIQUE ZUSSAU · Anywhere but outside, 2008, Computerskizze

VÉRONIQUE ZUSSAU · Anywhere but outside, 2008, Computerskizze

Besprechung

Laute und explizite Töne waren noch nie die Sache von Véronique Zussau. Die in Bern lebende Künstlerin (*1962 in Paris) zieht es vielmehr vor, Andeutungen zu machen. Ihre Installationen besetzen nicht den Raum, sie öffnen ihn vielmehr, indem sie auf unerwartete Weise unerwartete Dinge zueinander in Beziehung bringen.

Véronique Zussau in der Kunsthalle

Die präzise gesetzten Leerstellen, das Unbekannte und Unerwartete wecken notwendigerweise die Neugierde und sind darin poetischen Verfahren verwandt. Automatisch beginnt man, Bezüge herzustellen. Und so erzählt dieser Raum der Konstellationen leise und langsam eine Geschichte. Diese könnte so sein, aber sie könnte auch ganz anders verlaufen. Sie ist meist traumartig, ja geradezu surreal. Und sie will sich immer wieder entziehen, weil es keine Eindeutigkeiten gibt. Die Künstlerin stellt keine Behauptungen auf, sondern schafft Möglichkeiten: potenzielle Fabeln. Sie schafft Erfahrungsräume. So zurückhaltend diese schwebenden Setzungen von Véronique Zussau sind, so stark ist unweigerlich der Sog, den sie ausüben. Dieser kann durchaus auch ins Alptraumhafte kippen, das noch dadurch verstärkt wird, dass es dafür keine Erklärung gibt. Die Fragen finden keine Antwort.
So auch in der neuesten Installation in der Kunsthalle Arbon. Der Raum ist eine Bühne mit einem völlig reduzierten Bühnenbild. Die Akteure sind abwesend - und dennoch ist von ihnen die Rede. Eine Insel, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, plätschernde Wellen. Das ist die pure Idylle der Ferienkataloge, der Traum von Freiheit, wie er im Bilderbuch steht. Diese auf Monitoren gespielten Szenerien werden brutal durchschnitten durch grelles Scheinwerferlicht. Spanische Reiter - diesemartialischen Grenz- und Befestigungsverhaue - schotten einen imaginären Raum ab. Grenzen sind hart gesetzt. Es fehlen nur die schwer bewaffneten Grenzsoldaten und auch diejenigen, die zur Grenze kommen und ins Schweinwerferlicht geraten könnten, sind nicht da. «Anywhere but outside», dies der Titel des Werks, erzählt so von Ausgrenzungen, von Ausgegrenzten, die überall sind und doch immer draussen bleiben müssen. Sie kommen vielleicht von den idyllischen Inseln, die so idyllisch gar nicht sind, weil hinter der Idylle Armut und Not herrschen. Ohne eine Moral oder eine Anklage zu formulieren, rückt «Anywhere but outside» mit scheinbar leichter Hand die Realität von Emigration und Immigration ins Bewusstsein - und schafft darüber hinaus ein Bild, das die Ausgrenzung als existenzielle Erfahrung sichtbar macht.

Until 
24.05.2008

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