Blicke sammeln

Blick ins Sammlungsdepot. Vorauswahl und Hängung nach Anweisung von Kunstlaien zusammen mit Sara Smidt und Dominik Imhof.?Foto: Kunstmuseum Thun

Blick ins Sammlungsdepot. Vorauswahl und Hängung nach Anweisung von Kunstlaien zusammen mit Sara Smidt und Dominik Imhof.?Foto: Kunstmuseum Thun

Fokus

Was darf man im Museum? Was nicht? Wenn Laien Ausstellungen gestalten, wird auch mal an Grenzen gerüttelt. Das Kunstmuseum Thun lädt im Projekt «Blicke sammeln» verschiedene Gruppen ein, mit Werken aus dem Depot des Hauses kleine Präsentationen zu gestalten. Überraschungen sind bei diesem Vorgehen garantiert.

Blicke sammeln

Laien kuratieren überraschend bis subversiv

Museen, die ihre Sammlung unter einem neuen Blick präsentieren wollen, laden oft versierte Gastkuratoren ein. Sara Smidt, Kulturvermittlerin im Kunstmuseum Thun, geht einen Schritt weiter: Sie lässt Kunstlaien im Projektraum «enter» Werke aus dem Depot arrangieren. Fünf verschiedene Gruppen aus Thun und Umgebung nehmen am Projekt teil, das vorerst auf das Museumsjahr 2008/09 begrenzt ist. Dabei möchte Smidt, «alle gesellschaftlichen Bereiche berücksichtigen, nicht nur Minderheiten». So ist nicht nur eine Migranten-Gruppe dabei, sondern auch Kinderpsychologen, junge Mädchen, sogar Sehbehinderte und Blinde. Den Anfang machten im Spätsommer Mitglieder des See Clubs Thun. Für Sara Smidt eine buchstäblich nahe liegende Entscheidung, steht das Museum doch direkt am Aareufer. Sieben Damen und Herren des Ruder-Clubs machten mit, wählten Kunst mit See geprüftem Blick und konstatierten überrascht, dass Kuratieren viel Arbeit macht.
Drei bis vier Treffen von je gut zwei Stunden Dauer braucht es, bis eine «Blicke sammeln»-Ausstellung steht. Zum Aufwärmen führen Sara Smidt und Dominik Imhof, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum, durch die aktuelle Ausstellung und vermitteln Basiswissen: Wie wirken Bildabstand und Lichtverhältnisse auf die Werke? Wieviel visuellen Platz beansprucht ein Werk?
Wichtig ist den Kunstvermittlern, dass die Gruppe sich gemeinsam auf eine Werkauswahl einigen kann und nicht jeder ein Lieblingsbild bestimmt. Ideal sind Gruppen von fünf bis zehn Personen. Für die Grobauswahl surft Dominik Imhof mit der Gruppe durch die Museumsdatenbank, die 7000 Werke katalogisiert. Oft eine Phase heisser Diskussionen. Wird die Vorauswahl aus dem Depot geholt, fällt die letzte Entscheidung meist schnell: «Die direkte Wirkung der Kunst kommt an», sagt Smidt.
Nicht nur die Kunstauswahl der Laien birgt Überraschungen. Die Ruderer hatten mit abstrakten Werken eine Schau zum Thema Oberfläche, Rhythmus und Struktur gestaltet. Am Eingang des Raums installierten sie zudem vier Bootssitze. Sara Smidt war zuerst skeptisch: «Ein Museum ist ein kreativer, aber kein beliebiger Raum.» Doch die Idee einer visuellen Visitenkarte überzeugte sie. Die jungen Mädchen, die den Raum ab Dezember bespielen, werden eine grössere Herausforderung. Sie wollen die Wände bemalen und mit Bildern behängen. «Sie wollen alles auf den Kopf stellen», sagt Sara Smidt. Man darf gespannt sein!

Until 
22.11.2008

Alice Henkes lebt als freiberufliche Kunstkritikerin im Berner Oberland alice.henkes@bluewin.ch

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