Blickmaschinen oder wie Bilder entstehen

Kara Walker · Miss Merrimac and the Monitor, 2001, vier Scherenschnitte, vier Folien, Lichtprojektor.Courtesy Deutsche Bank AG. © Kara Walker

Kara Walker · Miss Merrimac and the Monitor, 2001, vier Scherenschnitte, vier Folien, Lichtprojektor.Courtesy Deutsche Bank AG. © Kara Walker

Besprechung

Der Heilige ist ein kitschiges kleines Devotionalien-Figürchen - religiöse Folklore, sozusagen Segen im Westentaschen-Format. Hier wirft er allerdings einen meterhohen Schatten - und der wirkt, dank der herrisch erhobenen Lanze, eher bedrohlich denn Heil versprechend. Wie man sich täuschen kann!

Blickmaschinen oder wie Bilder entstehen

In Regina Silveiras Arbeit «The Saint's Paradox», 1994, bringt es nicht die Sonne, sondern besagter Schatten an den Tag. Denn der Apostel Jacobus, den die Figur vorstellen soll, gilt als Schutzpatron des spanischen Militärs - indes der aus schwarzer Folie geschnittene Umriss, der sich hinter der Volkskunst-Schnitzerei erhebt, zu einem modernistischen Denkmal gehört, das einem Helden des brasilianischen Heers gewidmet ist. Dieses stellt den Fürsten von Caixas dar, der im neunzehnten Jahrhundert für sein Land blutige Schlachten schlug.
Ein düsteres Zerrbild, das Licht ins Dunkel historischer Komplexe trägt: Diese zunächst tatsächlich paradox anmutende Wendung ist charakteristisch für viele Blickmaschinen - und nicht nur diejenigen, in denen zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler alte Techniken und Apparaturen für sich entdecken. Schon die Vielfalt der historischen «Optical Toys», alle aus der Schatzkammer des Filmemachers und Sammlers Werner Nekes, reichen von Anamorphosen, deren Zerrbilder erst im Spiegel lesbar werden, über Guckkästen, Laterna Magica-Projektionen, Kaleidoskope und das Wundertrommel-Kino der Zoetrope bis zu frühen Kinematographen. Die Fülle belegt neben der Faszination an der Sache stets auch die Lust am Aberwitz und den Ehrgeiz, Klaviaturen von Täuschung und Ent-Täuschung möglichst virtuos zu bespielen.
So begegnet man beim Rundgang durch die Ausstellung unzähligen «Black Boxes», in die man mitunter wortwörtlich hineinschauen muss, wie im Fall von Roland Stratmanns Installation «Upside Down - Plantagentausch», 2008, in der schlichte Pappkartons, mit Loch und Linse zur Camera Obscura umgebaut, Bewegtbild-Raumkino bieten oder bei Pippilotti Rist, die in «Deine Raumkapsel», 2006, eine Kunst-Transportkiste zum Schlafzimmer mit Video-(T)Raumprojektion macht. Besonders spannend sind allerdings jene Arbeiten, die den Mechanismus der Maschinen aktivieren, um Bilder- und Blickpolitiken zu untersuchen - neben Silvieras Schatten-Bild etwa Kara Walkers Sklaverei und Rassismus thematisierende Scherenschnitt-Projektionen oder William Kentridges Anamorphose-Kino, das ins Afrika der Apartheid und der Kolonialkriege entführt. Hier lässt sich in doppeltem Wortsinn erkunden, wie Bilder entstehen: Jene vor den Augen und jene im Kopf.

Until 
30.04.2009

Publikation. Nike Bätzner, Werner Nekes, Eva Schmidt (Hg.), DuMont Köln, 2008.

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