Stöckerselig in der Kartause Ittingen

stöckerselig · Installation Kartause Ittingen, 1997

stöckerselig · Installation Kartause Ittingen, 1997

Besprechung

Im Kellergewölbe, von milchigem, weissem Licht umspielt, zeigt das Schweizer Künstlerpaar stöckerselig ein Repertoire von Formen als «Durchgangsgefässe».

Stöckerselig in der Kartause Ittingen

Über 1000 Tonobjekte liegen auf drei grossen Paletten verteilt auf dem Boden der Kartause Ittingen. In jahrelanger Arbeit entstanden diese Hohlkörper, allesamt rundlich, alle weiss gebrannt. Sie unterscheiden sich durch nichts als durch ihre Form. Viele erinnern an bekannte Dinge, könnten Vorformen oder Abgüsse von etwas sein. Dort scheint eine Gruppe von Auspuffen aufgereiht, hier Hanteln und Heizkörper, hier überdimensionierte Spielhütchen gestapelt. Immer sind mehrere gleichformige Stücke zusammengestellt – zu viele, um als einzelne kunstvolle, vielleicht ausgegrabene Artefakte auratisiert zu werden, zu wenige, um eine maschinelle Produktion nahezulegen. Die Dinge scheinen zu warten, was mit ihnen weiterhin passiert. Sie befinden sich in einem undefinierten, traumhaften Grenzbereich, lagern auf der Schwelle zwischen Ausstellungs- oder Gebrauchswert. Zwar erinnern sie an eine funktionale Welt und bergen deren Möglichkeiten, bringen aber zugleich eine die Funktionalität erweiternde, fast manische Kreativität zum Ausdruck.

Den gelagerten Dingen zugeordnet sind elf Monitore mit schwarz-weissen Bildern. Zwei stehen gleich am Eingang, empfangen die Besuchenden mit flimmerndem Kreis auf schwarzem Grund, drei stehen den Paletten gegenüber, zeigen je das gleiche Paar Hände, das eine zusammenfaltbare Papierblume umspielt. Die Bewegung der Hände wirkt zittrig und fremd, als geschähe das Berühren der Blume blind. Etwas geschieht, das man zu kennen meint, und das man doch nicht entschlüsseln kann. Hervorgerufen wird diese Irritation dadurch, dass Bruchteile eines Bewegungskontinuums immer von neuem wiederholt werden. Auf weiteren Monitoren befinden sich alltägliche Dinge, deren Sosein bestimmt wird von alltäglichem Tun.

Die Installation von stöckerselig heisst «Durchgangsgefässe». Stöckerselig, Annette Stöcker (*1962 in Biel) und Christian Selig (*1954 in St. Gallen) arbeiten seit 1987 zusammen. Seit einigen Jahren verwenden sie immer wieder diesen Titel für einzelne Werkgruppen. Gefässe dienen zur Aufbewahrung von etwas, ihre Form ist einem möglichen Inhalt meist optimal angepasst. «Durchgangsgefässe» bezeichnen wohl Behältnisse, die ihren Inhalt häufig wechseln, die also weniger etwas bewahren, als mehr einen Durchfluss, eine Bewegung optimieren. Die auf den Paletten gelagerten, tönernen Dinge sind alle hohl. Durch welche Energie, für welchen Gebrauch wurden ihre Formen bestimmt? Stöckerseligs «Durchgangsgefässe» können als Ausdruck einer plastischen Kraft gelesen werden, die – wie in einem alltäglichen und doch befremdlichen Geschehen – sich beständig repetiert.


Until 
25.04.1998

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