Die Strasse, die Sprache und die Kunst

Richard Wentworth, 1987. Foto: Paul Andriesse. Courtesy Lisson Gallery, London

Richard Wentworth, 1987. Foto: Paul Andriesse. Courtesy Lisson Gallery, London

Spread (Freiburg), 1997; Foto: Helmut Hartwig; Courtesy Kunstverein Freiburg

Spread (Freiburg), 1997; Foto: Helmut Hartwig; Courtesy Kunstverein Freiburg

Fokus

Mit zwanzig hat er für Henry Moore gearbeitet, mit vierzig die «Young Brit Art» gefördert. Und nun, mit fünfzig, scheint er selbst auf dem Weg zu einer internationalen Karriere. Der Engländer Richard Wentworth, langjähriger Dozent am Goldsmith’s College, ist im Gegensatz zu seinen Schülern Damian Hirst oder Rachel Whiteread eher ein Mann der leisen Töne.

Die Strasse, die Sprache und die Kunst

Richard Wentworth oder die kuriose Beiläufigkeit des Skulpturalen.

Was also tut dieser «Mann im Hintergrund», während seine Schüler Haie in Formaldehyd versenken oder komplette Häuser mit Beton ausgiessen? Er fixiert einen Schuhsohlenabdruck. So geschehen in Kopenhagen 1992: In der Ausstellungshalle des TAPKO, die Wentworth nur noch am Übergang von der Wand zur Decke mit einer Tellerbordüre bespielt, findet sich irgendwo auf dem grossen, verfleckten Betonboden der einzelne Abdruck eines Schuhs in Zement, flacher als jede Bodenskulptur von Carl Andre. Die wie in feuchten Sand geprägte Riffelung des Schuhwerks dürfte auf dem uneben-rissigen Beton leicht zu übersehen gewesen sein. Doch wer sie einmal wahrgenommen hat, den wird sie nicht mehr losgelassen haben: diese alltägliche und zugleich geheimnisvolle Spur einer abwesenden Anwesenheit in der Weite des Raums. «Friday» hat Wentworth diese minimale Ausstellungszutat mit hintersinnigem Humor genannt. Und so die Erfahrung des Spurenlesens mit Robinson Crusoes existentieller Entdeckung menschlichen Lebens kurzgeschlossen. «Friday» kann als heimliches Credo des «Bildhauers» Richard Wentworth gelesen werden, bei dem sich Setzungen von Minimalaufwand mit Titel-Sprachwitz zu skulpturalen Denkstücken vereinen. Exemplarisch äussert sich hier ein Bekenntnis zur Sprache der Strasse und den oft nur flüchtigen Spuren des Menschen.

Soziologie des Alltags Es ist der geschärfte Blick auf das vermeintlich Unwesentliche im Stadtalltag, der Wentworth auszeichnet. Mehr als Kunstschauen interessieren ihn «Möbelausstellungen, die jeden Morgen anfangen und abends zu Ende gehen.» Stets ist er auf der Suche nach Improvisationen und Wegmarken, spürt Zufallsskulpturen auf Strassen, Gehsteigen und Balkonbrüstungen, in Hauseingängen, Rinnsteinen und Grünstreifen auf. Seit den späten siebziger Jahren dokumentiert er sie fotografisch. Die Londoner Caledonian Road, gleich um die Ecke von seiner Wohnung, lässt ihn immer wieder fündig werden: Sie ist in ihrem seltsam freien und doch sich selbst organisierenden Wildwuchs inmitten der Themse-Metropole ein urbaner Zwischenraum par excellence – ebenso wie die Wiedervereinigungsbaustelle Berlin. Die Hauptstadt ohne Mitte hat den Strassensoziologen so fasziniert, dass er während seines DAAD-Aufenthalts ein Foto-Tagebuch von «117 Landmarks» erstellt hat. Zu Wentworths «Marksteinen» gehören leere Rahmen für Strassenschilder und die zerknitterte Bauanleitung für einen Grill im Tiergarten ebenso wie Hinterhofvogelscheuchen und das willkürliche «meeting» von Zigarettenkippe und Plastikcowboy auf dem Sandstreifen – unwillkürliches Porträt eines Stadtjugendlichen.

Wentworth hat mehr als nur eine Spürnase für die Zu- und Abfälle, aus denen der Subtext einer Stadt entsteht, für die kleinen «Kollisionen, die wirklich massgebend und typisch für unser Alltagleben sind». Seine Funde sind längst Fundus geworden. In einem fotografischen work in progress mit dem sprechenden Titel «Making Do + Getting By» gruppiert der Künstler das von ihm Wahrgenommene zu typologisch anmutenden Paarungen skulpturaler Konstellationen. Ein Einkaufswagen steht auf Tontöpfen, ein Tischbein balanciert auf einem Aschenbecher, hier hält ein Kürbis eine Tür auf, dort eine Kehrschaufel. Die Ding-Anarchie der Provisorien dokumentiert zugleich eine neue Ordnung und Sinnaufladung der Gegenstände, bis hin zur Subjektivierung von Objekten im metonymischen Spiel, wenn Gitterspitzen zur Hand werden durch auf sie gesteckte Handschuhe oder eine Geländerstange zum Arm durch die um sie gehängte Uhr.

Studio-Arbeit Das Fotografieren von «Alltagsskulptur» im Stadtraum ist das eine, das eigene skulpturale Arbeiten im Atelier das andere. Auch wenn das Prinzip der «Objekt-Emulsionen» (Wentworth) – den von ihm verbundenen Dingen einen neuen Sinn jenseits von Funktion und eigentlicher Bedeutung zu geben, ohne dass sie dabei ihren eigenen Charakter verlieren – der Strasse abgelauscht ist: Das kreative Schaffen läuft parallel, nicht deckungsgleich. «I live in a ready-made landscape, and I want to put it to work.» Ein langer Prozess der Probe und Reifung ist dazu nötig. So wie er auf dem Leuchtkasten immer neue Paarungen seiner Dias ausprobiert, so schiebt er auch auf dem Atelierboden sein in alle Richtungen ausgebreitetes Objektsammelsurium hin und her, auf dass es langsam zu sich finde. «It’s as fumbling as that. I like the world revealing itself.» Wentworth hat sich eine liebevolle, fast romantische Haltung gegenüber dem oft lediglich als funktionierendes «Objekt» wahrgenommenen Alltagsgegenstand bewahrt: Für ihn «Schläft ein Lied in allen Dingen...», auch in ausgebrannten Glühbirnen. Er macht sich noch auf die naheliegendsten und damit periphersten Gegenstände einen Reim, der zum irritierenden Rebus oder Rätsel werden kann.

Zum anarchisch-spielerischen Ansatz der lustvollen Abweichung – «I like aberrations...» – gesellt sich allerdings in der Ausführung durchaus ein formales Bewusstsein, das oft auch genuin skulpturale Themen wie Balance, Schwerkraft und Bodenhaftung paraphrasiert oder parodiert. Nicht umsonst sind neben Leitern, Eimern und Stühlen Gewichte eines seiner Leitmotive seit 1983. In «Antarctica with Lead Balls» von 1984 ziehen Bleikugeln eine transparente Plastikfolie mit blauem Antarktisumriss in eine weisse Emailleschüssel, der Kältepol wird in der Untiefe einer Waschschale ausgelotet. Die ebenso skurrile wie elementare Wandarbeit «Buttress» von 1990 verwirklicht die titelgebende «Mauerstütze» schlicht umgekehrt reziprok: Backsteine halten das Fundstück eines hölzernen «Strebepfeilers» aufrecht. 1991 schliesslich hat Wentworth am Ende einer aufwendigeren Werkserie mit Bottichen zwei zusammengeschweisst, auf einer Waage ausbalanciert und mit einer Schicht messingbemalten Stahls Flüssigkeit imitiert. Entstanden ist so eine Parodie klassischer Skulptur, die zugleich – «Aide Mémoire» – nochmals ihre Bauprinzipien Stand- und Spielbein vorführt, wenn auch ohne diese. Auch hier ist dem Künstler eine exemplarische «Objekt-Emulsion» gelungen, denn der «Torso»-Effekt stellt sich ein, ohne dass man je vergisst, was man vor sich hat – eine Waage, auf der ein Doppelbottich austariert wird.

Lexikalische Verdauungsstörung Die Weiterentwicklung von Wentworths Arbeit geht stets auch einher mit der Erschliessung von neuem Kunst-Material: eines davon sind Bücher. Liess sein Landsmann John Latham die materialisierten Zeugnisse menschlichen Geistes in Reliefbildern wie «The Bible and Voltaire» aus der Leinwand wuchern oder gar als Fanal einer «ausgebrannten» Kultur zeremoniell verbrennen, oder baute etwa der Amerikaner Lucas Samaras sie mit Nägeln, Glasscherben, Rasiermesser- und Scherenklingen obsessiv psychologisierend zu scharf verletzenden «Wortbastionen» aus, so schliessen Wentworths Lexikon-Arbeiten distanzierter und ironischer zugleich an seine Befragung der Strasse an und erweitern sie zur Sprachreflexion. Während bei «Tract (from Boost to Wham)» von 1993 eingeschobene Süsswarenhüllen ein Pocket Oxford Dictionary andicken und mit Phantasienamen von Produkten anschwellen lassen, die körperliche Realitäten prägen, aber im Lexikon – bis auf klingende Anleihen an abenteuerliche Vergangenheit wie im Falle «Bounty» – nicht vorkommen, sprengen in «Danish Vice – Thirty one Nouns Lost & Found» von 1997 die Rinnsteinrelikte von Kopenhagens Strassen wie Kamm, Bananenschale, Holz-, Kordel- und Papierreste ganz und gar den Rahmen des Dänisch-Englischen Wörterbuches und stören mit ihrer realen Anwesenheit die strikte lexikalische Ordnung der Dinge. Ebenso leichtfüssig wie hintersinnig führt Wentworth hier den Zusammenhang von Zeichen und Bezeichnetem ad absurdum, indem er beides auf engstem Raum zusammenführt. Wenn er allerdings – wohl im Hinblick auf seine aktuelle Ausstellungstournee – in «Das Deutsche Wort. Beschreibung und Erklärung des deutschen Wortschatzes sowie der Fremdwörter» nur benutzte alte Zollstöcke, Massbänder und Lineale einfügt, dann wird es klischeehaft und damit peinlich – zumal Lexika aller Länder zu beckmesserischer Pedanterie neigen. Er hätte sich auch hier lieber, wie in seinen «Berlin. Landmarks», auf tatsächliche Alltagsfunde verlassen sollen, dann wäre ihm dieser Schnitzer nicht unterlaufen...

Tellerkreis und Tellerkreisen Neben den Lexika haben sich in den letzten Jahren zunehmend auch Arbeiten mit Geschirr im Werk von Richard Wentworth etabliert. Sie können sich mitunter zu grossdimensionierten Installationen auswachsen wie im Falle von «Spot (Istambul)», 1995, oder «Spread (Freiburg)» von 1997. Immer versammeln diese Tellerkreise Porzellan aus den Orten, wo sie auftreten und verbinden sich damit der «ready-made»-Kollektion seiner Fotografie. Zwar sieht der unabgeschlossene Freiburger Tellerkreis einer Palette ähnlich: Doch Wentworths Intention ist nicht das «Malen» mit anderen Mitteln, nicht die farbsensible figurative Assemblage, wie sie Tony Cragg in den achtziger Jahren mit bunten Plastikteilen realisierte, sondern eine skulpturale Formulierung von Alltagskultur, wo der Wandertagsteller mit Schwarzwaldhaus neben dem Aschenbecher «Berlin. Checkpoint Charlie» und der zeitlosen Vorlegeschale zu stehen kommt. Auch wenn Wentworth Teller zerbricht und danach in der Vertikalen anbringt wie im Freiburger «Spaziergang»: Mit Spoerris von Nahrungsresten verdrecktem Essgeschirr hat seine Wandarbeit ebenso wenig zu tun wie mit Julian Schnabels Scherbenbildern, die – teilweise übermalt – kubistische Effekte im Dreidimensionalen inszenieren. Wentworth installiert seine nach dem Bruch wieder sauber schwarz gekitteten Teller zu einer visuellen Gratwanderung, bei der sein Porzellan zugleich mehr «Kunst» ist als bei Spoerri und mehr «Teller» als bei Schnabel. Das erweist sich auch in einer weiteren Freiburger Installation, oben auf der Empore. Schwärzliche Stahlkugeln treten hier in einen Dialog mit weissem Geschirr, heben mit ihrer Schwere die Teller zugleich vom Boden und halten sie im Gleichgewicht. Ist die virtuose Einfachheit dieser Balance mit Bodenhaftung auch eine ironische Auseinandersetzung mit skulpturalen Kraftakten vom Schlage eines Serra? «Sentence made up from its own Punctuation» jedenfalls entwickelt aus den statisch bewegten Kugel-Teller-Gespannen den gross ausschwingenden Bogen eines Kreises, dessen Vollendung nur jenseits des Ausstellungsraumes möglich ist: Die imaginäre Umlaufbahn des dynamisierten Geschirrs führt geradewegs in den Luftraum der Stadt. Auch in dieser Arbeit findet Wentworth seinen Weg aus dem internen Kunstterrain, diesmal mit der leisen Poesie sich aufschwingenden Porzellans.

Von der Ökonomie des Ephemeren Richard Wentworth gehört zur Generation von Richard Long (*1945) und Hamish Fulton (*1946), doch anders als seine ungleich berühmteren Künstlerkollegen hat er nie die Weite der Natur gesucht. Er arbeitete schon in den Siebzigern nach seiner unlängst formulierten Devise, «dass sich in einer global vernetzten und zugänglichen Welt der Ort vor der eigenen Tür möglicherweise der exotischste Raum überhaupt ist.» Während Long und Fulton mittlerweile Klassiker der Gegenwartskunst sind, wird Wentworths Kunstposition zunehmend aktueller. Er, der «vom Ende unserer industriellen Kompetenz» spricht, arbeitet als Künstler exemplarisch ökonomisch, und setzt kaum noch etwas in die Welt, was er nicht auch wieder in den Kreislauf des Lebens zurückführen könnte. Gerade die neueren Arbeiten Richard Wentworths bezeugen dies. Die Teller können aufgestapelt, die Kugeln fortgerollt, die Lexika geleert werden. Jenseits von Doppelsinn und Balanceakt können sie jederzeit von neuem das sein, was sie immer schon und auch bei Wentworths Eingriff waren: Teller, Stahlkugeln und Lexika. Nicht nur nähert er sich so einer Quintessenz der ephemeren Strassenausstellungen und Objektarrangements, die über Nacht auftauchen und ebenso schnell wieder verschwinden können. Sein Tun ist auch eine skulpturale Formulierung seiner skeptisch-ironischen Weltsicht: «However much we try to control the world, the world is always turning round and yapping at us, and being different.»


Fand der erste grosseSchritt in die Kunstöffentlichkeit für Wentworth 1993/94 statt, als zeitgleich mit seinem DAAD-Stipendium in Berlin eine umfangreiche Retrospektive seines Schaffens durch England, Holland und Nordfrankreich reiste, so gibt derzeit eine Trias von Einzelausstellungenin Deutschland Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit seinen neueren Arbeiten. Nach demKunstverein Freiburg Ende letzten Jahres ist die «Richard Wentworth»-Schau nun in der Städtischen Galerie Göppingen (bis 8.3.) und anschliessend im Bonner Kunstverein 21.4.–7.6.) zu sehen.Biographische Angaben1947 in Samoa1965 Ausgebildet am Hornsey College of Art1967 Arbeitet mit Henry Moore1970 MA Royal College of Art, London1971–87 Lehrt am Goldsmith’s College, Universität London1993–94 DAAD-Stipendium, Berlinlebt und arbeitet in London

Author(s)
Ralf Beil
Artisti
Richard Wentworth

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