Kakophonie, Kohlköpfe und Stiefmütterchen

Alle Fotos: Ohne Titel, Überblendungsprojektion, 1997160 Einzelbilder

Alle Fotos: Ohne Titel, Überblendungsprojektion, 1997 160 Einzelbilder

Alle Fotos: Ohne Titel, Überblendungsprojektion, 1997160 Einzelbilder

Alle Fotos: Ohne Titel, Überblendungsprojektion, 1997 160 Einzelbilder

Fokus

Es erwischt uns immer wieder kalt, dieses Duo Infernale aus dem Zürcher Atelierwunderland, wo es rasende Teekessel, schroffe Kissenberge, stille Nachmittagszucchinis und auch sonst fast alles gibt – zum Beispiel Fernsehen satt. Da machte nach der Biennale-Langeweile von 96 Stunden Schweiz pur das Bice Curiger-Wort von den «Sonntagskindern» die Runde, man sprach von «schönsten Ferienerlebnissen» und «unspektakulären Wundern des Alltags», der Sammlungskurator des Kunsthauses gar von «Albert Anker des 20.Jahrhunderts». Und nun das.

Kakophonie, Kohlköpfe und Stiefmütterchen

Das Fischli/Weiss-Spiel geht weiter

Diese Teufelsbraten! Sie haben einfach ein wenig am Lautstärkeregler gedreht, und schon dröhnt es den Besuchern in den Ohren wie Papi, dem das sanft vorbeistreichende Violinkonzert durch Spitzbubenhand zum furchterregenden Opern-Getöse wird. Von wegen Sonntag, lange Weile und Gemächlichkeit! Ein Hallenmotoradrennen röhrt gnadenlos neben dem lautstark werkelnden Zahnarzt und orientalischer Bauchtanzmusik. Etikettiermaschinen sirren, Drillbohrer drillen. Dort rattert ein Traktor im Nebel, hier wummert der Mega-Rave unter Stroboskopgewittern. Fasnächtliche Maskenträger schellen enthemmt. Da helfen auch ein paar Bildzonen der Ruhe wie der tiefgrüne Wald oder ein stiller Teller mit Schweizerkreuz und Käse nicht. Das Alpenland auf den zwölf Bildschirmen wird zum kuriosen Klangpanoptikum. Rastlos irrt der Blick, von immer neuen Geräuschquellen angezogen, zwischen den lärmenden Fernsehern umher. Eine an- und abschwellende Kakophonie von Pfeifen, Zischen, Musikfetzen und Rasseln umtost den Betrachter, als wäre man wie in James Bonds «Moonraker» plötzlich in den Karneval von Rio katapultiert, ohne Übersicht dem Tanz und Bilderreigen ausgeliefert.

In Venedig mögen Fischli/Weiss noch «grosse Verlangsamer» (Boris Groys) gewesen sein. Hier drehen sie auf. Obwohl das Videomaterial eins zu eins dasselbe ist: Entstanden ist durch minime, aber präzise Eingriffe ein komplett neues Werk unter geradezu umgekehrten Vorzeichen. Ohne Stühle und Wasserspender, der Raum dunkel bis auf die flimmernden Bildschirme, erinnert hier nichts mehr an einen Wartesaal des banalen Alltags. Plötzlich dieser Sinn! Die epische Breite der Stunden um Stunden erhält erstaunliche Fülle, Tempi und Dramatik allein durch den Ton, nun eher bedrohlich als beschaulich. Gleich Elias Alder aus «Schlafes Bruder» vermögen wir auf einmal Klänge und Geräusche von überall her zu hören. Das eifrige Tunneln in den Bergen, das Bimmeln der Kühe auf den Almen, ja selbst das hundsordinäre Zischen der tiefgefrorenen Rösti in der Pfanne drei Häuser oder dreihundert Kilometer weiter dringt massiv an unsere Ohren. Statt business as usual tut sich das spektakuläre «Wunder» des Panoramahörens auf. Jenseits aller Langsamkeit eine intensive Gleichzeitigkeitserfahrung «In a restless World» – so der amerikanische Titel der Retrospektive.

Retrospektive? Die Neuinstallation der Biennale-Arbeit von 1995 beweist, wie überhaupt die ganze Wolfsburger Schau, dass den wachen Burschen plus minus Fünfzig der Blick zurück nicht im entferntesten am Herzen liegt. Fischli/Weiss konterkarieren jeden Gedanken an Retroperspektivisches, indem sie altbekannten Werken neue Sinne und Sinnlichkeit geben. So sind sie nun einmal, diese «Söhne des Parahesios», wie Arthur C. Danto sie respektvoll nennt, die zugleich in ihrem fortwährenden Umwertungsspiel eine subtile Paarung von Dada-Max und Wilhelm Buschs Moritz scheinen. Die Inszenierung ihrer «Arbeiten im Dunkeln» ist an sich schon ein gelungener Streich, doch damit nicht genug. Der Projektion des immer noch eindrücklich verqueren «Laufs der Dinge» von 1987 etwa wird auf hohem Sockel das «Kleine Bett» aus Polyurethan von 1983 beigesellt und so der Film unversehens zum (Alp)Traum à la Bill Viola. Hommage oder Persiflage? Geht das Spiel nun in Richtung Verstörung? Wieder schlagen die alten Hasen einen Haken und – verblüffen uns mit ihrer neuesten Arbeit. Betörung scheint nunmehr die Devise.

Stundenlang könnte man zuschauen, wie die Lichtbilder wechseln: hochästhetische, wandfüllende Überblendungen farbleuchtender Ansichten aus Garten, Wald und Wiese. Margriten und Rosen spriessen wie Geistererscheinungen vom Himmel herab aus unwirklichem Grün. Weintrauben glänzen samtig zwischen Stiefmütterchen. Kohlköpfe glitzern im Morgentau über Himbeeren im Abendlicht. Verblühte Astern gleiten sanft zwischen fruchttragende Apfelbäume. Immer wieder scheint im Projektionsraum warmes Rot und Gelb auf. Wahrlich, ein betörendes Kaleidoskop vom Wachsen, Spriessen, Blühen und Verwelken.

Regel Nummer Vier der Fischli/Weiss-Anleitung «How to work better» für Künstler, Kunstkritiker und andere Wissbegierige lautet «Learn to ask questions». Machen wir also ein kleines Fragentöpfchen auf: Welche Qualität der Veredelung resultiert hier aus dem visuellen «Mendeln» von Blumen und Gemüse? Geht es um die Wiederentdeckung des Staunens über die gleichwertige Schönheit von Salat, Dahlien und Radieschen, um die Poesie des Prosaischen? Oder handelt es sich um eine Transzendierung der Münsteraner Gartenerfahrung vom letzten Jahr, den notwendigen Umschlag in bezaubernde Künstlichkeit nach der puren Realität des Kleingartens? Geht es um das Brechen von Kitschtabus (Mut zum Sonnenuntergang!) oder eine Baselitz-Parodie: Blumen, kopfüber? Zeigt sich vielleicht ein alles bestimmender Zyklus des Lebens in den rhythmisierten Bildern von Tages- und Jahreszeiten? Die Wiederkehr des stets anderen Immergleichen oder doch eher ein Delirium floralis? Geht es gar um ein schreckliches Zirkulieren im Altweibersommer, wie eine «Zeit»-Kritikerin festzustellen meinte? Oder ist es schlicht und einfach nur atemberaubend schön? Und dadurch schon wieder subversiv? Wieder einmal sehen wir beglückt und nicht betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.


Werbung