Real life, real art?

Real Life versus The World, 1999, Interaktive Installation mit den Flaggen aller Staaten und Pingpongtisch. Im Rahmen der Ausstellung «LKW. Dinge zwischen Leben, Kunst und Werk», O.K. Centrum für Gegenwartskunst Linz

Real Life versus The World, 1999, Interaktive Installation mit den Flaggen aller Staaten und Pingpongtisch. Im Rahmen der Ausstellung «LKW. Dinge zwischen Leben, Kunst und Werk», O.K. Centrum für Gegenwartskunst Linz

The Sound of Young Scottland, 1998. Installation und Performance, Galerie Walcheturm

The Sound of Young Scottland, 1998. Installation und Performance, Galerie Walcheturm

Fokus

Das vielbesungene Crossover ist ein wenig in die Jahre gekommen. Dass dieser Ansatz High and Low, Kunst und Leben, Galerie und Club miteinander kurzzuschliessen aber immer noch so spannend wie problematisch ist, dies ist nicht zuletzt der Arbeit des Schotten Ross Sinclair ables- und abhörbar.

Real life, real art?

Über die kulturellen Taktiken des Ross Sinclair

Da sitzen zwei nicht mehr ganz junge Männer barfuss auf einem Bett. Beide haben eine Gitarre in der Hand und sprechen über das Stück «Jesus» von Velvet Underground. Dabei versuchen sie, das Stück in einer eigenen Interpretation zu spielen. Ross Sinclair und sein Freund und Kollege Dave Allen erinnern sich in dieser musikalischen «Übungsstunde», gezeigt im Video «Jesus», 1997, an einen Song aus ihrer Jugend, eine musikalische Ikone der Sechziger. Während dieser trainierenden «Einverleibung» eines klingenden Zeichensystems der Popkultur verhalten sich die beiden fast schon melancholisch und halten dabei doch fest an einem Glauben an eine Musik, die «ein Leben retten kann» (R. Sinclair). Anders als heutige Jugend, «die nicht nach der Musik tanzt, die sie mag, sondern die Musik mag, nach der sie tanzen kann» (Lawrence Grossberg) – Techno ist hier das wohl prägnanteste Beispiel – und die sich nur von denen distanziert, die «der Musik zuviel Bedeutung beimessen», definiert Rockmusik hier noch die eine Identität und eine beinahe existentialistische Sehnsucht. Fast schon heilig erscheint bei Sinclair und Allen die Rockmusik, gleichzeitig aber wirken die beiden Protagonisten nicht nur «geläutert», sondern fast schon resigniert. Im Gegensatz zu der kalkuliert-markttauglichen, nur scheinbar obsessiven und vor allem pseudopubertären und zynischen Popveralberung eines Jonathan Meese, sind hier eben zwei Künstler am Werk, die sehr bewusst und leidenschaftlich die Entwicklung des Crossover und der Rockmusik im Besonderen erleben und untersuchen.

«Smells Like Teen Spirit» (Nirvana)? Neben Dave Allen, Douglas Gordon, Christine Borland und Jonathan Monk gehört Ross Sinclair zu einer jungen Generation Glasgower KünstlerInnen, die seit Anfang der neunziger Jahre im internationalen Kunstbetrieb für Aufsehen sorgen. Sinclair ist dabei sicherlich derjenige, dessen Werk am konsequentesten die Popkultur und -musik als Reibungs- und Ausgangspunkt sucht. In seiner Jugend hat Sinclair selbst in einer Rockband gespielt. Bezeichnend sind seine nachträglich geäusserten Gründe, aus dieser Form von Musikbusiness auszusteigen: «Das Musikgeschäft ist noch geldgieriger als die Kunstszene – es ist einfach zuviel Geld beteiligt. Ich musste aus dieser Situation herauskommen und zur Kunst zurückkehren. Das Musikgeschäft kann die Entwicklung eines kreativen Malstroms nicht tolerieren. Jeder Fehler ist viel zu kostspielig, und die grossen internationalen Plattenfirmen können nur eine gewisse Summe steuerlich als Verlust abschreiben.»

Singing the Blues Auch Ross Sinclairs Kunst durchzieht die Spannung von Kunst und Kommerz wie ein roter Faden. Vor allem seine Verwendung diverser Strategien, die auf dem «freien Markt» zur Umsatzsteigerung und Verkaufsförderung eingesetzt werden, baut diesen Spannungsbogen auf. So nutzt Ross Sinclair beispielsweise T-Shirts, Plakatwände und Buttons als Werbeplattform für diverse Rockikonen und Slogans wie etwa «The Sex Pistols», «Two girls for everybody» oder «I was born dead». Auch installierte der Künstler Neonschriftzüge mit seiner programmatischen Kampflosung «Real Life» – die er sich übrigens auch auf seinen Rücken hat tättowieren lassen – im Stadtraum Bremens als «Kunst im Öffentlichen Raum», 1998. In der niederländischen Stadt Nijmwegen repetierte er 1995 als Strassenmusiker stundenlang verschiedene Rocksongs und verdiente so sein Geld («I Never Felt More Like Singin the Blues»). Drei Jahre später funktionierte er in Zürich die 26 Wappen der Schweizer Kantone um in einprägsame, schwarzweiss gestylte «Logos», die so das cleane Image der Schweiz mit der buntscheckigen Realität des Landes konfrontieren sollten. Schliesslich variierte der Künstler in «Magazine Covers», 1994, die Titelseiten diverser Magazine wie den «Rollings Stone», «Vanity Fair» oder «Esquire» für seine ge/wendeten Botschaften einer zuweilen schon verzweifelten Selbstvergewisserung. Vor allem aber der Aufbau seiner raumfüllenden Installationen spielt mit diversen Techniken aus kommerziellen Betriebssystemen: Wie eine grosse, künstliche Welt eines aufwendig gestalteten Kaufhausschaufensters mutet auf den ersten Blick beispielsweise sein Szenario «Real Life Rocky Mountain», 1996, an. Eine Berglandschaft aus künstlichem Gras, Wasserfall, Felsbrocken, plätscherndem Bach, Bäumen aus Fiberglas, ausgestopften Tieren und einer Berghütte baut sich da vor dem Betrachter auf. Versteckt in diese romantische Landschaft wurde ein Fernsehapparat, auf dem das Video «The Sound of Young Scotland. Part 2», 1996, läuft. In ihm wird der Künstler inmitten wirklicher Wildnis gezeigt. Auf dem lebensgrossen Display der so idyllischen wie künstlichen «zweiten Natur» (Karl Marx) steht Sinclair mit dem Rücken zum Publikum und spielt in sich versunken und obsessiv wochenlang alte und neue schottische Weisen, mit denen er sich und die Geschichte «seiner» Heimat befragt, neu entwirft und zugleich sentimental auflädt.

Songs sind Fundstücke Auffallend also ist, dass Ross Sinclair sich konsequent weigert, neue ästhetische Formen zu entwickeln. Immer greift er auf bereits bestehende Konstruktionen zurück. «Auch Songs sind Fundstücke», behauptet der Künstler. Das behutsame und konsequente Setzen auf Readymades unserer consumer culture – dies ist bei Sinclair die einprägsame Grundmelodie seiner Form von Crossover. Doch was leistet dieser Transfer? Zunächst gelingt es dem Künstler den «Alltag» durch die Versetzung in die «Kunst» von dem sich alles unterwerfenden Druck des «zuvielen Geldes» zu entlasten. So werden die sehnsuchtsvollen, ja utopischen, aber auch sich verweigernden Qualitäten der consumer culture freigesetzt. Gleichzeitig wird umgekehrt die Kunst in der Konfrontation mit den Alltagsanleihen nicht nur auf den Boden des «Real Life» geholt, sondern auch in einer allgemein verständlichen Sprache formuliert. Das Nichteingelöstsein der Hoffnungen aus der Jugend etwa wird in dem oben beschriebenen Video «Jesus» eben durch die Ver/Wendung eines alltäglichen «Fundstückes» für jedermann nachvollziehbar. Die bewusste Unterbietung eines markttauglichen Standards bekommt hier, im Kontext der Kunst, signifikante und reflexive Qualitäten – im «Real Life» würde diese Unterbietung erstmal nicht mehr bedeuten als ungeschickte Hausmusik. So wird die Rockmusik in «Jesus» zum Vorteil der Kunst instrumentalisiert. Was allerdings durch diese Instrumentalisierung verloren geht, ist mindestens zweierlei: einerseits droht bei der Reflexion, beim Nachdenken der Kunst das aktiv-innovative und aggressive Moment der Rockmusik in den Hintergrund zu geraten – Sinclair versucht letzteres Problem durch den besagten obsessiven Charakter seiner Auftritte zu entschärfen. Andererseits wird das Velvet-Underground-Stück nun nur noch vom Kunstpublikum rezipiert. Ob dieses langfristig durch das Crossover seine Struktur tatsächlich verändert hat, ist höchst zweifelhaft. Ross Sinclair ist da noch optimistisch: «Mein Wunsch, jedes Publikum einzubeziehen, basiert auf dem fundamentalen Glauben, dass Kunst mehr kann als den Platz über dem Kamin einesreichen Enthusiasten zu schmücken. Dasist ein Einfluss der grossartigen demokratisierenden Wirkung populärer Musik».


Exhibitions/Newsticker Data Tipo Località Paese
Ross Sinclair da 20.09.1999 a 06.11.1999 Ausstellung
Artisti
Ross Sinclair
Author(s)
Raimar Stange

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