Hendrikje Kühne und Beat Klein im Kunst Raum Riehen

Hendrikje Kühne/Beat Klein · Autos, 1999, Foto: Serge Hasenböhler

Hendrikje Kühne/Beat Klein · Autos, 1999, Foto: Serge Hasenböhler

Besprechung

Ob sie nun mit Postkarten und Feriendias arbeiten oder eine Polizistin auf einer Kreuzung beobachten, stets sind in den Werken von Kühne & Klein Detail und Gesamtbild in raffinierter Weise verschränkt. Die Organisation von Mengen ist eine Spezialität von Hendrikje Kühne und Beat Klein, die derzeit im Kunst Raum Riehen erstmals gemeinsame Werke präsentieren.

Hendrikje Kühne und Beat Klein im Kunst Raum Riehen

Wer den grossen Saal der Ausstellung von Hendrikje Kühne (*1962) und Beat Klein (*1956) betreten will, findet sich vor einer riesigen Masse ineinander gesteckter grauer Kartonformen wieder, die fast den ganzen Boden bedecken – nur da und dort sind in dem grauen Labyrinth schwache Farbreflexe zu sehen. Durch einen schmalen Korridor, der zwischen Bodenskulptur und Wand freigelassen ist, kann sich der Betrachter um das komplizierte Gesteck herum bewegen und hat bei jedem Schritt einen gänzlich anderen Anblick: Zuerst geben nur einige der grauen Flächen ihre farbige Vorderfront preis, dann verwandelt sich das Grau vollends in ein Mosaik von verwirrender Buntheit. Erst jetzt erkennen wir, dass die ganze Bodenskulptur aus unzähligen Bildern von Autos besteht, die auf grauen Karton aufgezogen, entlang ihren Umrissen ausgeschnitten und zu Gruppen und Grüppchen zusammengesteckt wurden.

Rund 10’000 Bilder von Fahrzeugen haben die Künstler aus Prospekten und Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften hier zusammengetragen. In monatelanger Arbeit versuchten sie, für jedes der knapp 60’000 im Kanton Basel-Stadt registrierten Autos ein kleines papierenes Pendant zu schaffen – ein Ziel, das sie trotz der fleissigen Mitarbeit von rund 50 Freunden bei weitem nicht erreichten. Angesichts dieses Meeres von Automobilen wird beinahe körperlich nachvollziehbar, welch unglaubliche Masse von Fahrzeugen sich täglich durch eine kleine Stadt wie Basel quält. Kaum ein Fahrzeug kommt dabei zwei Mal vor, da sind lauter Individuen im Individualverkehr. Wenn wir den Raum allerdings dann durch den schmalen Korridor wieder verlassen, verwandelt sich die bunte Vielgestaltigkeit allmählich zurück in eine anonyme graue Masse.

Dem Basler Verkehr begegnet man auch in der Arbeit «Spalentor zwischen 7.15 und 8.15 Uhr»: Während dieser einen Stunde haben die Künstler mit der Fotokamera vom immer gleichen Punkt aus eine Polizistin bei ihrer Arbeit mitten auf einer Kreuzung beobachtet: Die 612 Bilder, die während dieser Zeit entstanden sind, haben sie zu einem grossen Gemälde zusammengestellt, das aus einiger Distanz völlig ungegenständlich erscheint – die abstrakte Wiedergabe einer Stunde. Erst aus der Nähe schlüsselt sich diese abstrakte Grösse in Momente und Geschehnisse auf, lässt sich als eine Folge von Ereignissen lesen, stellen sich Querverbindungen und Gruppierungen her. Andere Arbeiten dieser Ausstellung bewältigen grössere Mengen etwa von Postkarten oder Feriendias: Und auch hier schwankt der Blick stets zwischen der Lektüre von Details und dem Erfassen einer übergeordneten Form, sind das Einzelne und die Masse dialektisch verschränkt.


Until 
30.10.1999

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