Point of Sale – Gallery Shopping: Ein Lebensmittelladen von Andreas Wegner

Besprechung

Die Eleganz der langgestreckten gebogenen Glasfassade aufnehmend, breitet der Laden sein Warenangebot freundlich, hell und geräumig aus. Das bis an die Decke sich hochrankende Regalsystem ist akkurat gefüllt. Der Käsetheke entströmt ein appetitanregender Duft. Obst und Gemüse konkurrieren um die Frische. Im zurückhaltenden, funktionalen Design präsentiert sich das dem Lebensmittelladen angeschlossene Café im Nebenraum, wo frischgepresste Säfte und täglich wechselnde Menus preisgünstig serviert werden. Die Aschenbecher auf den niedrigen Tischen erwecken gleich Sympathie.

Point of Sale – Gallery Shopping: Ein Lebensmittelladen von Andreas Wegner

Prima, denkt man, Qualitätsshopping in einem wohltuend sachlichen Ambiente. Doch etwas stimmt hier nicht. Soviel ungenutzter Raum würde einem Krämer Alpträume bereiten. In den Schaufenstern irritiert ein Arrangement aus Kartoffelchips-Tüten, neben der Kasse hält eine Box detaillierte Informationen über die angebotenen Waren bereit, und in einer Ecke stapeln sich Papiere wie in einem Info-Laden auf dem Kiez.

Man geht ein bisschen herum, schnüffelt an den Bananen, studiert die Weinpreise und stöbert endlich in der Info-Ecke herum. Aha. Das Ganze ist ein Kunstprojekt und zugleich ein funktionierendes Lebensmittelgeschäft, initiiert und betrieben vom Berliner Künstler Andreas Wegner, den es deshalb nach Wien verschlug, weil hier die Anschubfinanzierung (115000.– DM) durch den österreichischen Staatskurator Wolfgang Zinggl, Vertreter eines sozialen Kunstbegriffs, winkte.

Der im März ?99 eröffnete Laden, den Wegner zusätzlich zur staatlichen Förderung mit Privatkrediten in gleicher Höhe finanzierte, erzielt mittlerweile Umsätze in der Gewinnzone. In kürzester Zeit bildete sich eine Stammkundschaft, die sowohl das Qualitätssortiment als auch die kritische Beratung zu schätzen weiss. Doch es geht nicht um Existenzgründung auf dem Umweg der Kultursubvention, denn Wegner will den Laden mittelfristig, sobald eine funktionierende wirtschaftliche Basis geschaffen ist, weiterverkaufen beziehungsweise dem Mitarbeiterkollektiv übergeben.

Die Erfolgsstory von «Point of Sale» ist umso erstaunlicher, da hier zwei Produktionsmodelle – das des Künstlers und das des Unternehmers – in eins fielen. Der im bürgerlichen Verständnis auf Symbolproduktion verpflichtete Künstler siedelt sein Projekt von Anfang an auf einer Ebene an, der Ökonomie, die ihn im Kunstbetrieb eigentlich erst am Ende der Reproduktionskette erreicht. In der Rolle des Künstlers als Unternehmer manifestiert sich ein paradoxaler Aspekt der Warenzirkulation: Nicht der Markt, er selbst bestimmt im Idealfall den Massstab der Wertabschöpfung.

Diese Gegenökonomie soll tendenziell so funktionieren: Das Warensortiment – im wahrsten Sinne des Wortes ein «duales System» – enthält jeweils die gleichen Produkte aus konventionellem und biologischem Anbau. Die Preisgestaltung ist dabei die zentrale Mechanik des Projekts. So sollen Produkte aus konventionellem Anbau, deren Herstellung Schäden an der Umwelt und in der Nahrungskette verursachen, teurer verkauft werden als öko-Produkte, deren Herstellung zwar teurer, dafür aber umweltschonender ist. Diese diametral gekippte Preisgestaltung ist Ausdruck der sogenannten «Ganzheitlichen Bilanzierung», denn billig produzierte konventionelle Produkte verursachen an anderer Stelle gravierende Schäden, die im Preis keine Berücksichtigung finden.

Die «Ganzheitliche Bilanzierung», entwickelt vom Institut für Kunststoffprüfung und Kunststoffkunde der Universität Stuttgart, erlaubt die gleichzeitige Beurteilung der wichtigsten ökologischen Auswirkungen von Produkten; sie führt den Endpreis eines Produkts nicht ausschliesslich auf die Herstellungskosten und den Arbeitsbegriff zurück, sondern setzt ihn in Beziehung zum gesamten Produktionskontext. Derart kontextualisiert, erweist sich die Preisgestaltung im «Point of Sale»-Laden als ökonomisches Instrument der Gegenfinanzierung. Noch aber ist Wegner überwiegend auf eine konventionelle Preisgestaltung angewiesen; er schlägt die handelsüblichen Margen auf den Einkaufspreis drauf.

Das Projekt wird begleitet von Produktlinien- und Pendelanalysen (unterschiedliche Beratungsmethoden im Hinblick auf die Einflussnahme des Kaufverhaltens) des öko-Instituts Freiburg, die in der Info-Box nachzulesen sind. Eine Chemikerin recherchiert zusätzlich die bei der Lebensmittelproduktion entstehenden Nebeneffekte. Ein-, zweimal im Monat verwandelt sich der Laden in einen Veranstaltungsort, wo Vorträge und Diskussionen u. a. zu Alfred Sohn-Rethel, gentechnisch veränderten Lebensmitteln oder zu den sozialen Folgen der Produktion allgemein stattfinden.

«Point of Sale» (im Untertitel ironisch «Gallery Shopping») ist ein durch eine tendenziell alternative Ökonomie zusammengehaltenes soziales System kommunikativen Austauschs, ein Supermarkt in Form eines «Tante Emma Ladens». Nicht nur dass die drei Mitarbeiter als Verkäufer und kritische Berater fungieren, der Laden ist insgesamt eine Alternative zu den Malls nach US-amerikanischen Muster, wo das erlebnisorientierte Einkaufen mit der Beseitigung störender Elemente von Obdachlosen bis Drogenbenutzern einhergeht. Der Krise des Urbanen, der Verödung städtischen Lebens, der Privatisierung öffentlicher Räume und der Unterscheidung der Menschen in konsumfähig und -unfähig begegnet «Point of Sale» mit einem Gegenmodell, das den Kauf mit kritischer Beratung und sozialen Ruhezonen verbindet.

Historische Beispiele einer Gegenökonomie kennen wir aus dem italienischen Nordosten Ende der Siebzigerjahre. Dem Niedergang der Grossindustrie folgte eine kurze Blüte der wirtschaftlichen Dezentralisierung. Die entlassenen Arbeiter gründeten mit den schwer erkämpften Abfindungen funktionierende, industrie-unabhängige Kleinbetriebe. Toni Negri hat untersucht, wie sich in kürzester Zeit Formen der Zusammenarbeit und der Kooperation bei der Verwaltung ihres Territoriums entwickelten, insbesondere die Präsenz auf dem politischen Markt. Doch die Industrie machte dem Experiment ein Ende, indem sie die Formen der Dezentralisierung kooptierte, etwa Benetton.

Trotz der erreichten relativen Autonomie, allerdings mit Mitteln der Kulturförderung, antizipiert «Point of Sale» möglicherweise ein Verkaufsmodell, wie Kritik zu einem integrativen Marketingfaktor umgepolt werden kann. Vorerst geht der Kampf aber weiter: Im Sommer führte Julius Deutschbauer im Laden eine Performance mit dem Titel «Mein Kampf gegen die Brau Union» durch; Deutschbauer verkostete Biersorten, die von der Brau Union in Österreich aufgekauft und im Zuge der Rationalisierungsmassnahmen geschmacklich standardisiert worden waren.


Author(s)
Marius Babias
Artisti
Andreas Wegner

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