Kunst als Bewusstseinsmaschine

Lars Arrhenius (*1966 in Stockholm), lebt in London

Lars Arrhenius (*1966 in Stockholm), lebt in London

The Man without one Way, 1999, 171 laminierte Deltaprints, je 21 x 21 cm, total 17,6 m, nach einem Muster gehängt, das von Notenschrift und Computerspielen abgeleitet ist. Installationsaufnahmen (Ausschnitt): Bent Ryberg; Foto: Courtesy Galerie Magnus Karlsson, Stockholm

The Man without one Way, 1999, 171 laminierte Deltaprints, je 21 x 21 cm, total 17,6 m, nach einem Muster gehängt, das von Notenschrift und Computerspielen abgeleitet ist. Installationsaufnahmen (Ausschnitt): Bent Ryberg; Foto: Courtesy Galerie Magnus Karlsson, Stockholm

Fokus

Was sieht man, wenn man sieht? Wie entsteht der Film im Kopf? Wie hoch ist der Nähr- und Erkenntniswert der Bilder, mit denen wir unseren Bildhunger stillen? Ist Draussen nicht immer schon Drinnen? Und: Wie können wir wahrnehmen, was sonst unterhalb der Bewusstseinslinie abläuft – die Wahrnehmung selbst?

Kunst als Bewusstseinsmaschine

Lars Arrhenius’ «Man without one Way»

Im Kern all dieser Fragen steckt das neurologische, zugleich aber allgemein menschliche und hochphilosophische Problem der «Agnosie»: die Unfähigkeit, Wahrgenommenes zu erkennen. Bezeichnet der Begriff in der klassischen Neurologie klinische Phänomene partiellen Wahrnehmungsverlusts, so hat Sigmund Freud, der diesen Terminus 1891 in den wissenschaftlichen Diskurs einführte, ihn schon damals viel weiter verstanden: nicht allein als Benennung einer wahrnehmungseinschränkenden Hirnschädigung, sondern als sowohl physiologisch wie psychologisch motivierte Problematik der Erkenntnis. Und um genau diese geht es hier.Heute ist die Situation um nichts einfacher als zu Freuds Zeiten. Die unerhörte Beschleunigung des Informationsflusses hat nicht zu mehr Klarheit und Erkenntnis geführt. Im Gegenteil: Die multiperspektivische Komplexität der schönen neuen «Echtzeit»-Welt Internet erfordert theoretisch ein «updating» in Permanenz – eine ständige Ausdifferenzierung, die der Geschwindigkeitsraum des World Wide Web praktisch immer schon verunmöglicht. Soweit, dass gerade Medienspezialisten mittlerweile nach dem Verlust der (Erkenntnis)Zeit durch Informationstechnologie fragen und neben Beschleunigungs- auch Verlangsamungsprozesse diskutieren.«The man without one way» heisst eine letztjährige Arbeit des Schweden Lars Arrhenius, die implizit beide oben angesprochenen Problemfelder thematisiert. Es handelt sich dabei um einen Bilder-Fries aus 171 C-Prints mit dem Einheitsmass 21 x 21 cm, die – an- und übereinander gereiht auf maximal drei Verlaufsebenen – eine Wandlänge von insgesamt 17,6 Metern bespielen. Bei kleineren Räumen entsteht so automatisch ein rundumlaufendes Bilder-Band, das den Betrachter installativ umfängt. Sind die Einzelbilder dieses am Computer kolorierten «Frieses» durch comicartigen Schematismus gekennzeichnet, so verquickt das Werk als Ganzes Storyboard-Ästhetik mit der Optik harmloser Bildgeschichten. Leicht ist ein Hauptprotagonist auszumachen, ein «Mann ohne Eigenschaften», der sich leidenschaftslos durch verschiedenste Szenarios bewegt: scheinbar alltägliche Ereignisreihen, die jedoch aus sprichwörtlich heiterem Himmel in Mord und Totschlag umkippen können.Erzählte Akiro Kurosawa vor fünfzig Jahren in seinem Meisterwerk «Rashomon» eine Geschichte von Mord und Vergewaltigung aus immer neuen Perspektiven und führte damit den Begriff der einen Wahrheit filmisch ad absurdum, so steht dieser in Arrhenius’ Storystill-Folge erst gar nicht mehr zur Debatte. Bei ihm fächert sich der eine Verlaufsstrang in immer neue Möglichkeitswege auf. Nicht uninspiriert von Computergames und ihren narrativen Optionen entwickelt sich eine Art «Was wäre wenn?»-Spiel. Auf dieser ersten Ebene ist Arrhenius’ Thema schlicht der Zufall Leben. Verläuft ein Durchgang unter einer Leiter ohne besondere Vorkommnisse, so endet ein anderer ebenso lapidar mit dem Tod durch Hammerfall.Doch das ist nur die eine Seite der C-Print-Serie mit ihrer glatten, scheinbar so leicht dechiffrierbaren Oberflächenästhetik: Zwar sind die «Bausteine der Wirklichkeit», die einzelnen Bildtafeln, bei Arrhenius klar lesbar, doch eine wirklich erkennende Wahrnehmung will sich dadurch nicht ergeben. So scharf die linear gestalteten Figuren auch konturiert sind, die wahrzunehmenden Ereignisse selbst verbleiben zumeist in diffuser Unschärfebis hin zur Unerklärbarkeit. In einem Parallelprozess zu Freuds Terminologie sind in der Bildabfolge zwar äusserst präzise «Sachvorstellungen» gegeben, aber die Verbindung mit ebenso präzisen «Wortvorstellungen» ist letztlich nicht möglich. Die sprachdominante, linke Hirnhälfte, die dem Wahrgenommenen automatisch Wort und Sinn zuordnet, muss hier am Ende seltsam leerlaufen – und macht so auf gänzlich unklinische Weise das Phänomen der «Agnosie» erlebbar. Umso stärker, als alles auf den ersten Blick so einfach erscheint.Viel sehen bedeutet eben nicht automatisch, dass man viel sieht. Arrhenius’ Arbeit hat das Potential, uns dies nicht nur vor Augen, sondern ins Hirn zu führen. Eben dadurch, dass er die sonst auf dem Bildschirm vorbeirauschende Bilderfülle parzelliert, auf Plastikuntergrund materialisiert und bis zum Stillstand verlangsamt, so dass sie nicht mehr medialer Verflüchtigung unterliegt und ihr tatsächlicher Erkenntniswert untersucht werden kann.«The man without one way» kann so Wahrnehmung als von Erkenntnis getrennten Prozess erfahrbar machen. Wir können uns beim Sehen wahrnehmen, während sich uns Lars Arrhenius’ Bildangebot nach und nach zum Film im Kopf fügt – und die Frage stellt, wie blind unser Gehirn wirklich ist.Die Kunst und mit ihr das Medium der Kunstpräsentation – bei Lars Arrhenius ganz konkret der Raum, in dem seine Bildsequenzen die Wände entlang laufen – werden so im besten Fall zur Bewusstseinsmaschine. Ein Begriff, der – sofern er denn von Inhalten ebenso wie sinnlicher Realität gefüllt wird – nicht nur ein Ideal der Kunst, sondern darüber hinaus auch ein Ideal von Ausstellungs- und Museumsarbeit ganz allgemein in sich birgt.


Wo enden unsere Wahlmöglichkeiten? Wo beginnen die Bedingungen? Unser Alltag bombardiert uns mit beiläufigen unvorhergesehenen Begegnungen und Ereignissen, die wir Zufälle nennen. Diese kleinen Ereignisse lösen Kettenreaktionen aus und machen einen Grossteil davon aus, was wir unser Leben nennen. Lars Arrhenius

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