Die sitzen da und erzählen uns was auf Russisch

Ilya Kabakov, Boris Groys, Pavel Pepperstein

Ilya Kabakov, Boris Groys, Pavel Pepperstein

· Die Ausstellung eines Gesprächs, 2001(Details mit Zeichnungen von Pavel Pepperstein), Fotos: Evelyne Lohm, Kunsthaus Zug

· Die Ausstellung eines Gesprächs, 2001(Details mit Zeichnungen von Pavel Pepperstein), Fotos: Evelyne Lohm, Kunsthaus Zug

Fokus

Pavel Pepperstein, der im Rahmen des Projektes «Sammlung» eine mehrjährige Ausstellungsreihe im Kunsthaus Zug konzipierte, hat Boris Groys und Ilya Kabakov zu einem Gespräch eingeladen. Aus diesem Gespräch wurde «Die Ausstellung eines Gesprächs»: Im Zentrum der Schau steht ein Text in russisch und deutsch, der von Zeichnungen sekundiert wird. Per Video kann man die Dialoge im russischen Originalton verfolgen und ausserdem hat Pepperstein in drei Räumen des Museums Männer- und Frauentrios auf die Wand gezeichnet, die sich über Kinder, Wirbelstürme oder Schiffe zu unterhalten scheinen. Kurt Kladler und Samuel Herzog haben sich in Zug getroffen.

Die sitzen da und erzählen uns was auf Russisch

Die Ausstellung eines Gesprächs von Boris Groys, Ilya Kabakov und Pavel Pepperstein

Kurt Kladler: Darf ich Sie mal kurz unterbrechen.Samuel Herzog: Eigentlich lese ich gerade.KK: Diese Ausstellung verführt ja geradewegs zum Lesen. Trotzdem, ich schau mir die Sache mal so an, als wären hier nur Bilder ausgestellt. SH: Und was sagen Ihnen diese Bilder?KK: Na ja, die Bilder sagen zunächst wenig, weil mir das Russisch im Ohr klingt, das aus Kopfhörern tönt. Vielleicht soll ich ja gerade dadurch zum Lesen angehalten werden?SH: Es wird ja auch kein Gespräch ausgestellt, wie es im Titel der Ausstellung heisst, sondern ein Text, die Transkription eines Dialogs vielleicht. Das Verhältnis zwischen Text und Gespräch aber ist doch etwa so kompliziert wie jenes zwischen einem Bild und dem Gegenstand, den es darstellt. Allerdings könnte man sagen, dass diese Schau von dem Moment an doch zum Gespräch wird, wo ich als Besucher lese, nachdenke, innerlich vielleicht auch Kommentare abgebe. Das gilt allerdings genauso für Bilder – und dann sagen die eben auch etwas.KK: Und was sagen sie?SH: Interessant scheint mir, dass die gerahmten Bilder von Kabakov unter dem Textband und die direkt auf die Mauer gepinselten Zeichnungen von Pepperstein darüber ja in ganz unterschiedlichen Verhältnissen zum Geschriebenen stehen. Pepperstein greift einzelne Worte aus dem Text heraus und setzt sie relativ direkt in Bilder um: Ist von «Jurassic Parc» die Rede, dann malt er einen Dinosaurier, geht es um «Scheinschwangerschaft», dann guckt eine Frau mit dickem Bauch in den Mond. Komplexer sind seine Zeichnungen allerdings da, wo er ganze Räume bespielt, wo beispielsweise ein Fötus von Farbkugeln umkreist wird, die Entwicklungsmöglichkeiten eines ungeborenen Wesens zeigen. Bei den Bildern von Kabakov ist das Verhältnis zum Text noch schwieriger – man weiss nie sicher, was gemeint ist. Vielleicht sind die Bilder deshalb auch gerahmt – weil sie eigene Welten sein wollen. Eigentlich bräuchte es zu den Bildern von Kabakov fast schon wieder erklärende Texte, die darlegen, inwiefern sie mit dem Geschriebenen darüber in Verbindung stehen.KK: Irgendwie misstraue ich dem Ganzen. Sicher, Bilder gibt’s da verschiedene. Sie erscheinen mir wie Fussnoten zum Geschriebenen, mal bedeutungsvoll im Rahmen, mal gekonnt an die Wand gemalt. Ganz so, als wären es Beweise dafür, dass es in dieser Ausstellung tatsächlich um Kunst geht. Allerdings verfolge ich eine Spur. Dieses «Künstlersein», selbst für einen Autor wie Groys, hat scheinbar eine be-sondere Bedeutung. SH: Man könnte das aber auch umgekehrt sehen. Texte bringen ja oft eine Art Beweis dafür, dass es sich bei einem Kunstwerk auch tatsächlich um ein solches handelt. Und auch bei diesen Texten gibt es solche, die nur illustrieren oder erklären – und andere, die eigene Welten sein wollen, die einen Rahmen um sich schliessen, deren Verhältnis zur künstlerischen Arbeit selbst wieder erklärungsbedürftig ist. Deshalb glaube ich, dass es hier um die Verhältnisse zwischen Kunst und Kommentar, zwischen Künstler und Kommentator geht. Um die Frage, wer eigentlich welche Art von Sinn produziert – vielleicht auch von Unsinn.KK: Gut, aber muss ich das wirklich so ernst nehmen? Ich meine, sehen Sie doch mal hin. Die sitzen da und erzählen uns was auf Russisch. Ein Gespräch unter Freunden. Ich fühl mich irgendwie ausgeschlossen und denke auch, dass dieses Gefühl mit den Absichten der drei Freunde zu tun hat. Das Gespräch selbst erhält einen überhöhten Status. Es ist gleichsam von Aussen anzusehen wie eine Skulptur oder ein Bild. Das lebendige Gespräch wird dadurch gleichsam beschützt, nicht gleich unseren Erwiderungen zugänglich gemacht, wir müssen sie weiter reden lassen und uns durch die Textschleifen und die Übersetzung zwingen. SH: Das Gespräch im Rahmen? Wahrscheinlich ist es immer interessanter, Kunst oder eine Ausstellung zu machen als sie anzuschauen, zu konsumieren. Tatsächlich ist die Atmosphäre, die dieses Gespräch zwischen den dreien wohl hatte, hier irgendwie heruntergekühlt. In den wenigen Minuten, die wir nun miteinander sprechen, hat die Atmosphäre unseres eigenen Dialogs die geruchlichen Sedimente des hier ausgestellten Gesprächs längst überdeckt. Vielleicht geht es auch um eine Entscheidung: Sollen wir unser eigenes Gespräch den vorgegebenen Parametern unterwerfen oder eigene definieren? Wie viel lässt man sich von Kunst vorschreiben? Wie geht man mit dieser Aussenseiterposition um, die man ja als Betrachter von Kunst fast immer hat – gegenüber dem Werk, dem Betrieb. Vielleicht kann Kunst heute überhaupt nicht mehr von Aussen angeschaut werden, sondern nur produziert, im kleinen Kreis der Beteiligten diskutiert oder durch Galerien, Theoretiker, Kuratoren kunstbetrieblich verarbeitet werden.KK: So habe ich das noch nicht gesehen, aber es stimmt, die schreiben uns ja wirklich etwas vor mit diesen Textbahnen, machen dann noch kleine Pfeile dran, dass wir ja wissen wie wir’s zu lesen haben. Ein paar Bilder sollen dann für die Lesemühe entschädigen, während die da munter weiterplaudern, ungestört wohlgemerkt. Folgen wir dem Ariadnefaden der Textbänder von Raum zu Raum, kommen wir schliesslich in das obere Stockwerk wo uns die Drei dann stumm anblicken, nichts sagen, nur schaun. Übergrosse Köpfe blicken da auf uns nieder. Die haben ihre Sache gesagt und wir, wir sind zur gewissenhaften Selbsterforschung aufgefordert, nachdem wir am Text in Versuchung geführt wurden. Aber das ist Berechnung und Vorsatz, die wollen das so. Und wissen Sie warum?SH: Nein, Verweigerung?KK: Inszenierte Trauerarbeit! Drei Freunde kommen nach längerer Zeit wieder zusammen und wollen den Raum gemeinsamer geistiger Höhenflüge neu erfinden, aber, der inspirierte Gedankenaustausch kann nicht mehr das sein, was er einmal war. Die historischen Gegebenheiten haben sich geändert, der kleine Kreis der russischen Intelligenzia ist verstreut, die Verbindlichkeit des Diskurses ist nur noch bei vereinzelten Treffen im privaten Kreise gegeben. Sie benutzen die Form der Ausstellung, um dem ein Denkmal zu setzen und verwenden dabei eine List. Als Kunstwerk kann dies alles noch behauptet und gegebe-nenfalls ironisch gebrochen werden. Sie sprechen in ihrer vertrauten Sprache, Russisch, und zitieren die Atmosphäre beherzter Gespräche. Uns wird zwar verunmöglicht, gleich die Hebel der der Gegenrede anzusetzen, wir werden dadurch jedoch auf unser eigenes Sprechen über Kunst verwiesen. SH: Vielleicht entsteht ja gerade dadurch etwas, das sich als direktes Vorhaben nicht mehr verwirklichen lässt, ein Gespräch, das auch verdient, so genannt zu werden.


«Die Ausstellung eines Gesprächs» im Kunsthaus Zug ist noch bis zum 4.11. zu sehen. Die Übersetzung des Gesprächs von Groys, Kabakov und Pepperstein ist als kleines lesenswertes Büchlein erschienen und ist für Fr. 8.– zu beziehen.

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