«Ausgeträumt...» in der Sezession

Tomislav Gotovac · Glenn Miller 2000, 2000, Videostill (upside down), Courtesy Secession Wien

Tomislav Gotovac · Glenn Miller 2000, 2000, Videostill (upside down), Courtesy Secession Wien

Besprechung

Zwei Tischreihen mit Monitoren ... eine Videoprojektion direkt auf die Wand ... ein Paravent mit einer Fotosequenz ... Auf den ersten Blick ein minimales Ausstellungsdesign, bei genauerer Betrachtung sind jedoch hinter dem scheinbar Einfachen wesentliche Irritationen verborgen. Denn irgendetwas ist anders in der Secession bei dieser «Ausgeträumt ...» betitelten Ausstellung, aber was, merkt man erst beim genaueren Studieren der Objekte.

«Ausgeträumt...» in der Sezession

Ein leiser Dauerton, erzeugt von einem Sinusgenerator, installiert von Elisabeth Grübl (Österreich), durchzieht die Ausstellungsräume fast unhörbar. Mit einem subtilen architektonischen Eingriff hat Werner Würtinger (Österreich) den symmetrischen Hauptraum der Secession, der als Inbegriff eines profanen Ausstellungsraumes mit sakraler Ausstrahlung gilt, verfremdet. Eine Seitenwand wurde eingezogen, die Lichtführung verändert durch Verstärkung des Oberlichtes, so dass der Gesamteindruck durch die eingeführte Asymmetrie changiert und zu einem mehr als ungewohnten Raumgefühl beiträgt. Indes kein ungutes Gefühl.
ÐDurch die Infragestellung des Gewohnten elementarste Komponenten neu zu definierenð, so der Ausstellungskatalog, ist eines der Themen von ÐAusgeträumt . . .ð. Kuratorin Kathrin Rhomberg, langjährige Mitarbeiterin der Secession und Kuratorin der Manifesta 3 in Ljubljana – und ab diesem Frühjahr neue Leiterin des Kölner Kunstvereins – legt mit dieser potenziell erweiterbaren Gruppenschau eine Momentaufnahme einer zeitgenössischen Kunst vor, die sich mit solchen fast unmerk-lichen Realitätsverschiebungen befasst. ÐDie Wirklichkeit als Ready-Madeð (Julius Koller), wird als Verfahrensmodus einer künstlerischen Produktion festgemacht, die sich fast als durchgängiges Muster über verschiedene Generationen hinweg abzeichnen lässt.

Angefangen beispielsweise bei Julius Koller (Slowakei), der sich in den sechziger Jahren mit dem Schaffen von Ðkulturellen Situationenð beschäftigte, in denen ÐAnti-Happening-Manifesteð oder selbst kreierte U.F.O.–Systeme (universelle kulturelle futurologische Operationen) einer Forderung nach Eigeninitiative des handelnden Subjekts Ausdruck verliehen. Realitätsverschiebungen aber auch bei der zentralen Installation der Ausstellung, bei Deimantes Narkevicius und dessen Geschichte der Elektrifizierung Litauens, die als Nationalmythos vor und nach dem Wechsel der politischen Systeme im Osten Europas beschrieben wird. Die Frage nach dem, was übrig geblieben ist, wenn man sozusagen am Ende aller Utopien angelangt ist, wird hier noch einmal neu gestellt angesichts einer Ernüchterung, die sich nach zehn Jahren Postkommunismus eingestellt hat – nach den Versprechungen des globalisierten Kapitalismus. Trotz der resignativen Grundstimmung sei hier Ðkein Endzustandð erreicht, so Kathrin Rhomberg, eher ein Innehalten mit klarem Blick. Denn wirklich ausgeträumt hat es sich, wenn man genau hinschaut, dann doch noch nicht.

Es geht eher um Momente der Umkehrung bestehender Werte, wie bei Reynold Reynolds und Patrick Jolley (Frankreich), deren Film normales Leben Ðunter Wasserð vorspielt. Oder der Absurdität einer alltäglichen Verrichtung wie Putzen, wenn sie zum reinen Selbstzweck wird, so in Josef Dabernigs (Österreich) Film ÐWarsð, der in einem Speisewagen der staatlichen polnischen Eisenbahn gedreht wurde. Pawel Althamer (Polen) schliesslich gewährt Obdachlosen Asyl in der Secession und im Untergeschoss übt Carey Young (Grossbritannien) im Outfit einer Business-Frau den Slogan ÐI am a Revolutionaryð.

Die Ausstellung wird ergänzt durch eine Reihe von Video-Interviews mit weiteren Kunstschaffenden und TheoretikerInnen, darunter Trinh T. Minh-ha, Oswald Oberhuber, Daniela Hammer-Tugendhat oder Boris Groys. Groys, bis vor kurzem noch Rektor der Wiener Akademie der bildenden Künste, Philosoph und Kunsttheoretiker, konstatiert im minimalistischen Erscheinungsbild so vieler aktueller Kunsträume einen Bezug zum Wartesaal, zu einer Leere, in der wir uns zusehends behaglich einrichten: ÐDas Warten selbst ist zu einem utopischen Zustand gewordenð. ÐAusgeträumt . . .ð zeichnet etwas von diesem Zustand nach. In der Unaufgeregtheit und der inhaltlichen Verankerung der präsentierten Arbeiten zeigt sich aber auch eine erfreulich distanzierte Haltung gegenüber einem sonst eher selbstreferenziell orientierten Kunstbetrieb.

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