Gunter Reski in der Galerie Guenther

Gunter Reski · Eine kleine Zeit im Unterleib, 2002, Öl auf Papier kaschiert auf Nessel, 180 x 140 cm

Gunter Reski · Eine kleine Zeit im Unterleib, 2002, Öl auf Papier kaschiert auf Nessel, 180 x 140 cm

Besprechung

Der Berliner Maler und Zeichner, Kritiker und Kurator Gunter Reski zeigt jetzt in der jungen Galerie von Karin Guenther neue Arbeiten. Dabei verblüfft er wie immer mit absurd-schrägen Bildideen, die in ihrer Mischung von Text und Motiv durchaus auch politische Qualitäten besitzen.

Gunter Reski in der Galerie Guenther

Da steht, stark nach vorne gerückt, ein knochiger Baum, gemalt in seltsamen Sepia-Matsch-Tönen. Countrymässig gestylt nimmt der Baum gut zwei Drittel der Bildoberfläche ein, hinter ihm erscheinen flüchtig hingeworfene Landschaftsanmutungen, darüber der weite, blaukräftige Himmel. Doch selbstverständlich bleibt die sentimentale Idylle nicht ungetrübt: Rechts unten verschwindet ein merkwürdig transparent erscheinender amerikanischer Oldtimer hinter dem Baum, Umweltverschmutzung also kündigt sich an. Und: In den Baum sind diverse Worte geritzt. Liebesgedichte sind hier jedoch keine zu lesen, sondern aktuelle Schlagzeilen aus Tageszeitungen, wie beispielsweise «Kirch gibt auf», «Wärmster Januar seit Wetteraufzeichnung» oder, in poetischer Umschreibung, «Achse des Bösen mit neuen Rädern». Hier rauscht es bedrohlich im Blätterwald – und dies nachdem das schmucke Motiv sich doch zunächst so romantisch wie bildgewaltig in Sekundenschnelle in unserem visuellen Gedächtnis wiedergefunden hatte. Gunter Reski bedient sich in seiner Malerei und in seinen Zeichnungen geschickt unterschiedlichster Stile und Codes aus Geschichte und Gegenwart. Das breite Spektrum der zitierten Grammatiken reicht von amerikanischen Comics bis zu Edvard Munch, von oberflächlicher Werbeästhetik bis zu rasanter Technoästhetik. So gelingt es dem jungen Wahlberliner höchst attraktive Bilder vorzustellen, die er dann aber geschwind und hinterrücks mit Hilfe eingefügter Textfragmente umcodiert und meist, wie oben gesehen, mit politischen Aussagen konfrontiert.

Auch Allzumenschliches, ja Lustvolles findet sich im ?uvre des vielseitigen Künstlers: Auf einem anderen, plakatähnlichem Bild nämlich saust aus einer Kaffeekannenöffnung das Wort «Orgasmus» in eine «aquarellflott» gemalte Kaffeetasse. In der Tasse selbst steht im Inneren «Dauer» geschrieben, aussen auf der Tasse hat Gunter Reski wohlig «Schauer» hinzugefügt. Auf der Untertasse schliesslich sorgen die Begriffe «Lauer» und «Haltung» für Verwirrung in dem animierenden Ensemble. Liest man den ungewöhnlichen Buchstabenfluss durch, dann ergibt sich das verbale Ungestüm «Orgasmusdauerschauerlauerhaltung», aber auch freie Sinnkombinationen lassen sich vergnüglich generieren – und schreibt nicht Roland Barthes in seinem Buch «Die Lust am Text»: «Das Subjekt gelangt zur Wollust durch die Kohabitation der Sprachen, die nebeneinander arbeiten: Der Text der Lust, das ist das glückliche Babel?!». Eben diese Verwirrung von Sinn, die ein ständiges Neuverweben disparater Se(h)mantiken initiiert, macht nicht nur in dieser Ausstellung den Reiz der mit Begriffen gleichsam kontaminierten Bilder von Gunter Reski aus.
Bis 28.4.

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