Regula Dettwiler bei Monika Reitz

Regula Dettwiler · Samstagnamittag auf dem Markusplatz, 2002, 24-teilige Fotoarbeit, je 50 x 58 cm; Courtesy Monika Reitz

Regula Dettwiler · Samstagnamittag auf dem Markusplatz, 2002, 24-teilige Fotoarbeit, je 50 x 58 cm; Courtesy Monika Reitz

Besprechung

Bereits seit 1995 arbeitet die in Wien lebende Schweizerin Regula Dettwiler an einer «Naturgeschichte der artifiziellen Welt». Inwiefern die Künstlerin sich dabei verschiedener mehr oder weniger «glaubwürdiger» Repräsentationsmodelle bedient, zeigt ihre jüngste Ausstellung in der Frankfurter Galerie Monika Reitz.

Regula Dettwiler bei Monika Reitz

Der Mensch arbeitet. Der Mensch ist zu Hause. Dort, wo er sich sonst noch bewegt, schlägt der Gradmesser eines zu lebenden Lebens in heftigen Amplituden aus. Längst suggerieren weltweit operierende Unterhaltungsindustrien und Themenparks einen Lebensraum, bei dem das Künstliche als Inbegriff des authentischen Erlebens ins Spiel gebracht wird und die suggestive Kanalisation vereinzelter Wünsche und Sehnsüchte in eine vorgegaukelte kollektive Authentizität mündet. «Welcome to the third place» – SONY wirbt für seine Playstation mit einem Erlebnisraum, der weit mehr verheisst, als blosse Wirklichkeit. Dass dieser Raum ein virtueller ist, spielt eine sekundäre Rolle. Wichtiger erscheint der Umstand, dass wir gar nicht mehr zwischen der Wirklichkeit und deren Simulation unterscheiden sollen.

Bekanntlich hat Jean Baudrillard diese Konsequenz in bestechender Manier aufgezeigt. Gerade seine Diagnose aber stimmt zumindest hoffnungsvoll, denn selbst das Simulakrum scheint auf die verbürgten Qualitäten einer wie auch immer vermittelten Wirklichkeit nicht verzichten zu können. Dieser Ordnung des Simulakralen folgen die Arbeiten Regula
Dettwilers: Die grossartigen Aquarelle «Orchid made in China», in denen sie die botanische Anatomie von Kunststoffblumen – etwa die einer Phalaenopsis – an eine Repräsentationsform des 19. Jahrhunderts zurückbindet, aber auch die Diaprojektion «Orchideenjagd», welche die Künstlerin von den Urwäldern in die Metropolen dieser Erde verlagert hat, bleiben an das klassische Arrangement eines Forschungsvorhabens gebunden.

Im Zentrum zweier Fotostrecken steht der Erlebnisraum eines der so genannten «third places», der jedoch in Dettwilers Arbeit wiederum unter den Bedingungen einer neuerlichen Reproduktion Eingang findet. «Samstagnachmittag auf dem Markusplatz», 2002, zeigt in vierundzwanzig vergrösserten Kontaktabzügen den Lichthof von «Plus City», einem Einkaufszentrum in Linz, das alle Register einer kollektiven Venedig-Impression zieht. Eine weitere Fotostrecke mit dem Titel «Sonntagnachmittag in Monet’s Garden», 2001, verdeutlicht dieselbe Strategie, den Klischees eines nicht minder verklärten Lebensgefühls seine besondere Aufwartung zu machen.

Stets erfährt Regula Dettwilers «Naturgeschichte der artifiziellen Welt» eine mediale Rückbindung an vermeintlich «glaubwürdige» Repräsentationsmodelle. Was aber kann unter diesen Prämissen schon als «glaubwürdig» gelten!? – umso mehr, wenn der Wille zur Kunst selbst einem Impetus folgt, der die Welt nur noch als Hülle und Verstellung begreift.
Bis 4.5.

Werbung